Ein König im Fürstentum: Wisente in Wittgenstein

Durch den großflächig ungestörten Privatwald von Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein schreiten wildlebende Wisente. Damit kehrt der gestürzte und beinahe ausgerottete „König des Waldes“ auf seinen Thron zurück.

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Land vor unserer Zeit: Wer einen zotteligen Wisent zu Gesicht bekommt, wähnt sich überall, nur nicht in einem Wald in Deutschland.
© Wisent-Welt-Wittgenstein e. V.

Text: Beate Wand

Staub wirbelt auf. Ein Raunen ertönt, als wenn sich jemand zufrieden seufzend aufs Sofa plumpsen lässt. In der Wolke erhebt sich etwas Kolossales, wächst zu fast zwei Metern Höhe an. Braunes Fell umgibt die Augen mit querovaler Pupille. Sie blicken irgendwie sanft aus dem tiefhängenden, von zwei gebogenen Hörnern gekrönten Schädel. Die Haare stehen dem Riesen fast etwas struppig zu Berge – entlang der Linie, die vom Kopf hinauf zum Hals buckelt, um am Rücken wieder abzufallen. Unterm Kinn hängen ebenfalls lange Haare, jede Ziege müsste neidisch werden. Dieses bullig-zottelige Ungetüm ist Realität. Nicht bloß eine Höhlenmalerei und auch keinem Western entsprungen. Allerdings pflegt der Wisent erst seit kurzem wieder frei im heimischen Wald umherzulaufen und im Staub zu baden, um sich lästiger Fliegen und anderer Parasiten zu entledigen.

Der König ist tot …

Seitdem der Mensch sesshaft wurde – Äcker bestellte, Vieh im Wald weidete, Brenn- und Bauholz schlug – schrumpfte mit den Wäldern der Lebensraum dieser sanften Riesen. So verschwanden die einst in den meisten Teilen Europas verbreiteten Wisente nach und nach. In Frankreich galt er bereits im 8. Jahrhundert als ausgestorben, aus dem Gebiet des heutigen Deutschland verabschiedete er sich zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert, und in Ostpreußen wurde 1755 das letzte Exemplar erlegt. Den letzten freilebenden Wisent erlegte man 1927 im Kaukasus. Alle überlebenden Tiere des europäischen Bisons stammen von nur zwölf Zoo- und Gehegetieren ab. Die aufgrund der engen Verwandtschaft geringe genetische Variabilität erschwert das dauerhafte Überleben dieser Art.

Im Wald von Bialowieza genossen die größten Wald-Vegetarier ganz besonderen Schutz: In diesem entlegenen Gebiet an der heutigen Grenze zwischen Polen und Weißrussland jagten die polnischen Könige gern. Ab 1795 stand das Gebiet unter strengem Schutz des russischen Zaren. Der bestrafte Wilderei mit dem Tode. Ab 1803 durfte in weiten Teilen auch kein Holz mehr gefällt werden. So wenig vom Menschen verändert, gilt der Wald im Bialo­wieza-Nationalpark heute als Europas urwaldähnlichster Flachland-Wald. 1857 weideten sich knapp 2.000 Wisente an seinen Gräsern. Doch auch dieser ­Bestand erlosch 1919 mit dem Abschuss des letzten Wisents. 1952 wilderten die Polen erstmals Wisente im Bialowieza-Nationalpark aus. Mittlerweile leben dort wieder etwa 450 Tiere frei im Wald.

… es lebe der König

Ein Prinz ebnete den Weg, damit der ­„König des Waldes“ auch wieder deutsches Territorium beschreiten kann. Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg stellte sich vor, wie die Kolosse durch seinen abgelegenen Wald im Rothaargebirge streifen. Engagierte Bürger gründeten den gemeinnützigen Trägerverein „Wisent-Welt-Wittgenstein“, um die Umsetzung des in Westeuropa bislang einzigartigen Artenschutzprojekts voranzutreiben. Was 2005 mit einer Machbarkeitsstudie begann, nahm im Frühjahr 2010 seinen Lauf: In einem etwa 80 Hektar großen, abgeschirmten Eingewöhnungsgehege richteten sich die ersten eingetroffenen Wisente auf ihren nächsten Schritt ein – das Leben in freier Wildbahn. Am 11. April 2013 war es dann so weit. Etwa ein halbes Jahrtausend, nachdem die letzten der Wildrinder durch unsere Wälder gezogen waren, entließen Prinz Richard, der Vereinsvorstand und Wisent-Ranger Jochen Born acht Exemplare in die Freiheit, angeführt von Leitkuh Araneta. Freiheit bedeutet in diesem Fall: 4.300 Hektar Wisent-Wald. Eine Fläche etwa so groß wie der Ammersee. Nur eine Straße durchquert das Gebiet. Im Mai erblickten sogar schon zwei Wisentkälber in der Wildnis das Licht der Welt. Ranger Jochen Born entdeckte sie beim Rückbau des Zauns, als die Herde in ihrem Eingewöhnungsgehege vorbeischaute. Mit ­Quincy und Quintus äsen nun schon zehn der sanften Riesen frei im Wittgenstein’schen Wald. Insgesamt sollen sich dort einmal 20 bis 25 Artgenossen herumtreiben.

Der Wisent ist nach der Ausrottung des Auerochsen zwar Europas größtes und schwerstes Landsäugetier und imponiert mit seiner Statur. Gewöhnlich ist er aber friedliebend. Dennoch sollten die wilden Tiere in Ruhe gelassen werden. Johannes Röhl vom Trägerverein „Wisent-Welt-Wittgenstein“ mahnt Besucher, den Wisenten nicht nachzusteigen oder sie gar aktiv aufzustöbern. Wer ihnen beim Wandern zufällig begegnet, sollte Abstand halten. Brunftige Bullen und Kühe, die Kälber führen, können durchaus aggressiv reagieren, wenn der Mensch ihnen zu nahe kommt. Um die wilden Rinder mit ihrem urzeitlichen Körperbau dennoch aus der Nähe betrachten zu können, schuf der Verein die Wisent-Wildnis am Rothaarsteig. Als Guckloch in das große Artenschutzprojekt.

Das Guckloch öffnet sich an der Straße zwischen Bad Berleburg-Wingeshausen und Schmallenberg-Jagdhaus. Auf rund 20 umzäunten Hektar lebt eine zweite, eine „Schauherde“ Wisente in einem Waldstück mit Tälern, Quellmulden, Felsen und Bächen. Ein drei Kilometer langer Wanderweg führt die Besucher der Wisent-Wildnis an Fasel, Faye, Gutelaune, Horne, Quattro und Quelle vorüber, die sich in ihrem ­Areal frei bewegen dürfen. Ein Tunnel in Gestalt eines überdimensionalen Dachsbaus, Bachquerungen und ein aus Naturstämmen gebautes „Aussichtsnest“ geben seit September 2012 den Blick oder zumindest das Gehör auf die sechsköpfige Gruppe frei. Sie soll sich noch auf eine Größe von bis zu zwölf Tieren vermehren.

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Zuwachs: In Wittgenstein brachte Leitkuh Araneta am 5. Mai dieses Jahres ein gesundes männliches Kalb zur Welt.
© Wisent-Welt-Wittgenstein e. V.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2013

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