Ein Pfad zum Träumen

Der Hochrhöner Premiumwanderweg feiert zehnjähriges ­Jubiläum. wanderlust-Autorin Karin Kura hat sich aufgemacht und eine bemerkenswerte Kulturlandschaft durchwandert.

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Schäferin Julia Djabalameli nimmt sich Zeit für ihre Tiere.
© Karin Kura

Text: Karin Kura

Typisch ist der schwarze Kopf, dazu die langen hellen Beine. Schon Napoleon stand auf Rhönschaf, man sagt, er ließ sich das Fleisch nach Frankreich liefern. 90 dieser knuddeligen Tiere zählen zu Julia Djabalamelis Herde. Die Schäferin lebt in Ehrenberg in der Rhön. Julias Zuhause ist der Spiegelshof, erbaut 1877. Das Haupthaus ist mit alten Holzschindeln verkleidet, das Anwesen grenzt an Obstwiesen und Weiden. Unter den Bäumen lugen die dunklen Schafs- und Lämmerköpfe hervor. Eine Besonderheit ist, dass sie kein Horn tragen. Die Tiere gehören zu einer der ältesten Schafrassen.

Tiere im Teamwork

Versteckt hinter einem großen Stein, liegen auf der Wiese zwei nur wenige Tage alte Zicklein, streng bewacht von der Mutterziege. Julia Djabalameli mag ihre Tiere sehr. Das spürt man daran, wie sie mit ihnen spricht, und sie achtet darauf, dass Schafe und Ziegen ein möglichst gutes Leben haben. Die 45-jährige Agraringenieurin ist auch Herrin über 60 Ziegen. Die Herden laufen gemeinsam für einen guten Zweck: die Landschaftspflege. Denn die Tiere arbeiten in Teamwork. „Ziegen machen sich über störrisches Buschwerk her, Schafe kürzen das Gras“, erzählt die Schäferin. Sie bekommt etwas Geld für den Appetit ihrer Herde, um das typische Landschaftsbild der Rhön zu erhalten: die offenen Fernen. Der Blick schweift weit über aneinandergereihte grüne Kuppen. Bis zum Thüringer Wald, der in der Ferne wie ein mächtiger dunkler Riegel wirkt. Im Westen ist die Stadt Fulda das Tor zur Rhön. Panorama-Aussichten genießt man häufig auf dem Hochrhöner Premiumweg. Über rund 180 Kilometer führt die Wanderroute über das Mittelgebirge, vom unterfränkischen Bad Kissingen bis ins thüringische Bad Salzungen.

Kulturlandschaft erhalten

Es geht durch dichte Buchenwälder, gefolgt von Bergwiesen, über sanfte Hügel, darunter einige Vulkankuppen. Das dürften die Ausläufer des Vogelsbergs sein, Mitteleuropas größtes Vulkangebiet. Abgesehen von ein paar Basaltklippen bietet die Landschaft der Rhön wenig Schroffes. Eine der schönsten Strecken auf dem Premiumweg führt über die Hohe Rhön zur Wasserkuppe, mit 950 Metern Hessens höchster Berg. Wolken ziehen am Himmel vorüber, zwei Rote Milane kreisen dort oben. Hier sieht man die geschützten Vögel häufig, während Feldlerchen einige Etagen tiefer knapp über Feldern und Wiesen flattern. Saftig grün ist das Gras, vereinzelt steht mal ein Baum, ein paar Büsche, die schmeckten Julias Ziegen vielleicht nicht. Über die Höhen pfeift der Wind, nichts hält ihn auf, außer ein paar Reihen hoher Fichten. Diese wurden in den 30er Jahren von den Nazis als Windschutz gepflanzt, es war Teil ihres Plans, auf den unwirtlichen Höhen Bauernhöfe anzusiedeln. Aber daraus wurde nichts. Und peu à peu kommen nun die Fichten weg, sie passen nicht ins ursprüngliche Landschaftsbild. Denn seit nunmehr 25 Jahren trägt die Rhön den Titel Bio­sphärenreservat. Vorrangige Ziele sind die Erhaltung der Kulturlandschaft und die Bewahrung der biologischen Vielfalt. Noch ein Jubiläum zum Feiern, und in diesem Jahr wird der Premiumweg zehn Jahre alt.

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Das Rote Moor ist eines der wenigen Hochmoore in Deutschland.
© Karin Kura

Ein Grenzgang

Unterwegs zur Wasserkuppe schiebt sich immer wieder die weiße Radom-Kuppel ins Blickfeld. Früher waren es bis zu fünf Radar-Kugeln – in Zeiten des Kalten Krieges, als die Grenze zur DDR nur einen Steinwurf entfernt lag. Aber eigentlich gehörte die Wasserkuppe schon immer den Fliegern: Im Jahr 1924 eröffnete dort die erste Segelflugschule der Welt. Alles, was fliegt, findet heute seinen Platz auf der Wasserkuppe, Motor- oder Segelflug, und gleich neben der Fliegerschule liegt das Paragliding-Zentrum. Die Rhön, im Dreiländereck Hessen, Thüringen und Bayern gelegen, war bis zum Mauerfall das Ende der Welt. Die abgeschiedene Lage hatte auch etwas Gutes, sie beförderte den ohne­hin vorhandenen Artenreichtum. Da gibt es beispielsweise das Rote Moor, eines der seltenen Hochmoore in Deutschland. Der Hochrhöner führt über einen breiten Holzsteg etwa einen Kilometer hindurch, zwischen Karpaten-Birken und Heidelbeeren, vorbei auch an rundblättrigem Sonnentau. Bis maximal fünf Kilometer durften die Thüringer zu DDR-Zeiten an die Grenze herankommen. Alles Nähere war gesperrt, Höfe wurden geschleift, Menschen umgesiedelt. So entstanden im Niemandsland neue Lebensräumen für Tiere und Pflanzen. Auf mancher thüringischen Wiese blühen Orchideen, in den Tälern liegen kleine Dörfer, eingerahmt von Wacholderhängen. Um den Kalkmagerrasen an den Hängen zu erhalten, müssen immer mal wieder die Schafe ran. In der DDR hatte das Rhönschaf übrigens überlebt, während es im Westen längst durch andere Rassen ersetzt worden war. Nach der Wende re­importierte man die alte Schafrasse, ein paar Herden weiden nun auch wieder in Hessen und Bayern.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 06 / 2016

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