Faszination Sternenhimmel

In Europa gibt es nur noch wenige Orte, an denen der Blick in den Himmel nicht durch zu viel künstliches Licht gestört wird. Einer davon ist der Sternenpark Rhön. Sabine Frank zeigt uns in ihren Führungen die Stars am Nachthimmel.

Text: Edda Neitz

Weißt du, wie viel Sternlein stehen, an dem blauen Himmelszeit?“, fragte einst Komponist Wilhlem Hey in seinem Volkslied. Doch einen ungetrübten Genuss des dunklen Nachthimmels erleben wir nur noch selten. Oft sind selbst die hellsten Sterne wegen Straßenbeleuchtung und Lichtreklame kaum sichtbar. Nachts mit bloßem Auge den Sternenhimmel zu betrachten ist vielerorts kaum noch möglich. Im Sternenpark Rhön schon. „Wann ist der Sternenpark geöffnet, fragen mich viele Leute“, sagt Sabine Frank, die für die Koordination des Parks zuständig ist, und lacht dabei. Denn ein Sternenpark ist weder ein klar abgegrenztes Terrain noch ein romantischer Beiname für ein Naturgebiet, sondern ein Gütesiegel, das die IDA (International Dark Sky Association) für Schutzgebiete vergibt, in denen der dunkle Nachthimmel so wenig wie möglich beeinträchtigt wird. Als ich ­Sabine Frank zu einer Sternenwanderung am Ortsrand von Hofbieber treffe, ist der Himmel ­bewölkt. „Das macht nichts, die Nacht ist viel zu spannend, man muss sie nicht unbedingt auf Sterne reduzieren“, wischt sie meine Bedenken beiseite, dass wenig am Nachthimmel zu sehen sei. Seit ihrer ­Jugend beschäftigt sie sich mit dem Sternenhimmel, mit Astronomie und Kosmologie. Um auch anderen Menschen zu zeigen, wie faszinierend der natürliche Nachthimmel ist, bietet sie Sternenwanderungen an.

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Hüterin der Nacht – mit dem Einsatz von Sabine Frank entstand der Sternenpark Rhön.

Zum Schutz der Nacht

Die dunkle Nacht wird von uns oft als Gefahr empfunden. „Die Farbnuancen des Tages fallen weg, die Umrisse der Dinge werden unscharf, das alles setzt uns in eine gewisser Alarmbereitschaft“, zählt die Sternenparkführerin auf. Deshalb versucht sie bei ihren Sternenwanderungen die Teilnehmer immer wieder für den Schutz der Nacht zu sensibilisieren. „Den meisten Menschen ist der Stellenwert der Nacht mit dem Sternenhimmel überhaupt nicht bewusst“, sagt sie. Schutz der Nacht bedeutet auch, den Sternenhimmel als ein uraltes ­Naturerlebnis zu bewahren. Schon die Menschen der Frühzeit beobachteten die Periodik der Gestirne und leiteten davon eine Art Jahreskalender ab. „Dieses überlieferte Wissen nutzen wir noch heute, um Satelliten auf die Umlaufbahn zu bringen, die für unser elektronisches Navigationssystem oder eine andere Anwendung notwendig ist“, stellt Sabine Frank klar. Inzwischen wird es dunkel in den Wiesen bei ­Hofbieber. „Leider heute ohne blaue Stunde“, bemerkt Nachtexpertin Sabine Frank und meint ­damit die Phase des Übergangs vom Tag zur Nacht, wenn die Sonne am Hori­zont versinkt und der Himmel sich glutrot oder zumindest stark orange färbt. Dann entsteht das Farbenspiel, das viele Dichter und Künstler inspirierte. Das Gemälde „Die Sternennacht“ von Vincent van Gogh, der die Sterne vor das leuchtende Dunkelblau der Dämmerung setzte, ist das schönste Beispiel. Uns zeigt sich dagegen schon der schwarzblaue Nachthimmel. Fast alle Wolken sind abgezogen, und der Mond leuchtet hell. Nun lässt sich die Rhön doch noch als Open-Air-Planetarium genießen. Unzählige Sterne, die dort scheinbar willkürlich verteilt sind, glänzen am Nachthimmel. Aber das Gewimmel hat seine Ordnung. Ausgestattet mit einem Laserpointer-Stift, zeigt mir Sabine Frank den nächtlichen Sternenhimmel. „Da ist der Jupiter, hier ist der Mars“, sagt die Sternenexpertin, „und hier leuchtet ­Dennep, der hellste Stern der Milchstraße.“ Die Milchstraße – wann habe ich sie das letzte Mal gesehen, frage ich mich. Wie eine matt schimmernde weißliche Dunstfahne schlängelt sich die Milchstraße in dunklen Nächten am Firmament entlang. Sterne setzen viele Emotionen frei und bei Sabine Frank dann einen ganzen Redeschwall. Von Galaxien und Lichtjahren spricht sie. Von festen und beweglichen Lichtpunkten am Himmel, also von den Fixsternen und vom Mond und von Planeten. Und außerdem erzählt sie den griechischen Mythos von der Milchstraße und Herkules.

Licht-Verschmutzung

Doch auch auf der Erde tut sich in der Nacht einiges. Das Mondlicht taucht die Blätter der Sträucher und Bäume in silbriges Licht. Glühwürmchen leuchten und summen. Für Tiere und Pflanzen ist der Rhythmus von Tag und Nacht von essenzieller Bedeutung. „Seit 100 Jahren entfernen wir uns jedoch mehr und mehr davon“, sagt mir Dr. Andreas Hänel später. Als Astronom und Sternen­experte arbeitet er in Osnabrück, beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema der Lichtverschmutzung und hat zur Zertifizierung des Sternenparks in der Rhön beigetragen. Zuerst sei er nicht davon überzeugt gewesen, dass das Biosphärenreservat der Rhön für die Einrichtung eines Sternenparks geeignet wäre, weil es nach den weltweit anerkannten Lichtverschmutzungskarten des italienischen Astronomen Cinzano nicht allzu dunkel erschien, gesteht er und fügt hinzu: „Sabine Frank war aber hartnäckig. Sie erreichte, dass Messungen der Nachthimmelhelligkeit durchgeführt wurden.“ Im August 2014 war es dann so weit: Die Rhön wurde offizieller Sternenpark. Doch damit endet weder die Arbeit von Sabine Frank noch die des Biosphärenreservates Rhön, das als Träger des Sternenparks gilt. Auch einen Sternenpark muss man pflegen, indem man dafür sorgt, dass keine weitere Lichtverschmutzung hinzukommt. Das Ziel ist es aber nicht, die Straßen und Wege „dunkler“ zu machen, sondern eine bessere Umwelt­verträglichkeit der Beleuchtung – egal, ob öffentlich oder privat – zu bewirken. So berät Sabine Frank Kommunen, kümmert sich um die Projektevaluation, kämpft für eine umweltfreundliche ­Beleuchtung und bezeichnet sich gerne „als ­Lampenexpertin“, weil sie bei Lampenherstellern für Leucht­mittel mit niedriger Lichtintensität wirbt.

Neues Beleuchtungskonzept

Künstliches Licht beeinträchtigt den Lebensraum der Tiere, und zwar nicht nur den der Nacht­aktiven. Singvögel können zwischen Tag und Nacht nicht mehr unterscheiden, Zugvögel werden von Flugrouten abgelenkt, Fledermäuse aus ihren Habitaten vertrieben. Auch Bäume werden durch Laternen beeinflusst und werfen beispielsweise im Herbst ihr Laub nicht ab. Auf der Wasserkuppe, dem höchsten Berg der Rhön und einer der sechs besonderen Sternenguckplätze, wurde die Devise „Licht nur, wenn es gebraucht wird“ vorbildlich umgesetzt. Die gesamten öffentlichen Leuchten sind so ausgerichtet, dass kein Licht zur Seite oder Richtung Himmel abstrahlt. Sobald der ­Publikumsverkehr auf der Wasserkuppe vollständig zur Ruhe gekommen ist, schaltet sich die öffentliche Beleuchtung vollkommen ab, und die dunkle Nacht kommt zurück.

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Mehr als nur Sterne: Die Milchstraße zieht sich wie ein leuchtendes Band aus Milliarden von Sternen über den Himmel.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2017

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