Herz aus Glas und Stahl

Eines der drei Machtzentren der Europäischen Union­ sitzt in Luxemburg. Ein Nachbarhügel der alten Festungs­stadt verwandelte sich dafür von Ackerfläche in ein lebenswertes Stadtviertel ganz im Zeichen der EU.

Text: Friederike Brauneck, Fotos: Archiv Luxemburg Tourismus

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Blick von der alten Festungs­stadt hinüber zum Kirchberg, dem modernen Zentrum der EU.

Das Großherzogtum ist zwar nach Malta das zweitkleinste Mitglied der Europäischen Union. Aber zusammen mit Brüssel und Straßburg ist Luxemburg Verwaltungssitz etlicher zentraler Institutionen wie des Europäischen Gerichtshofs, des Generalsekretariats des Parlaments, des Rechnungshofs und der Kommission der EU. Als Gründungsmitglied musste sich der bedeutungsträchtige Zwergstaat dem rasanten Wachstum der Europäischen Union stellen. Ende der 1950er-Jahre kaufte der luxemburgische Staat im Hauruck-Verfahren – auch von Enteignungen unwilliger Bauern wird gemunkelt – 360 Hektar Grund auf dem Kirchberg, bis dahin nur ein unspektakuläres Felsplateau in Sichtweite der großherzoglichen Hauptstadt. Seit 1965 bindet eine leuchtend rote Stahlbrücke, benannt­ nach Großherzogin Charlotte, über das Flüsschen Alzette­ hinweg diesen neuen Stadtteil direkt an, wo zuvor eine tiefe Schlucht Alt und Neu trennte. Längst steht der Kirchberg ganz im Zeichen der Europäischen Union mit all ihren Begleiterscheinungen. Planerisch wurde das Terrain in drei Ebenen aufgeteilt: die Institutionen der EU, Sport und Freizeit und als Drittes Banken und Einkaufen. Im Jahr 2017 soll auch eine Straßenbahn eine komfortable Anbindung schaffen. Denn von den 40.000 Beschäftigten der EU insgesamt sind rund 11.000 EU-Beamte hier tätig, und viele von ihnen wohnen im Umfeld. Für ihre etwa 3.500 Kinder steht seit 2001 die Europa-Schule auf dem Kirchberg. Für den Anschluss muss die „Rote Brücke“ allerdings erst einmal verbreitert werden. Herzstück ist der Gerichtshof der Europäischen Union am Boulevard Konrad Adenauer, über dem – wie die Luxemburger mit einem Augenzwinkern sagen – nur noch der blaue Himmel ist. Immerhin spricht dieses Gesetzesorgan Recht über 500 Millionen EU-Bürger. Zu dem Gebäudeensemble gehören zwei imposante goldfarbene Bürotürme mit über 100 Metern Höhe, in denen Heerscharen von Rechtsspezialisten und Übersetzern um Gerechtigkeit und Verständigung im babylonischen Sprachenwirrwarr der aktuell 28 Mitgliedsstaaten bemüht sind. Die Türme symbolisieren wie ein Tor die Westeinfahrt zur europäischen Machtzentrale. Mit seiner Manhattan-ähnlichen Skyline verkörpert der Kirchberg einen faszinierenden Kontrapunkt zum historischen Kern der Altstadt mit Fußgängerzone und Festungsanlagen, die 1994 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

Promenade statt Schnellstraße

Etliche Gebäude stammen aus der Gründungszeit der EU in den 1960ern, als man – bei gerade mal sechs Mitgliedern – noch von Montanunion und anschließend von EWG, Europäischer Wirtschaftsgemeinschaft, sprach. Die kleinen Fensterwaben zwischen trist-gealterten Beton­fertigteilen entsprechen heute weder ästhetischen noch praktischen Anforderungen. Luftige Glasgebilde mit beispielhafter Ökobilanz zeichnen die aktuelle Generation von Gebäude­n aus, die den Menschen innen Tageslicht an ihrem Arbeits­platz und nach außen Transparenz versprechen. Der Kirchberg ist daher auch eine immerwährende Baustelle – Symbol für Werden und Wandel in der EU selbst. Und keine Frage – es geht auch um Prestige: Viele große Banken und Unternehmen haben sich hier angesiedelt. Lobbyarbeit bedeutet auch wahrgenommen zu werden. Stararchitekten wie Gottfried Böhm und Richard Meier brachten ihre Ideen zwischen der Avenue John F. Kennedy und dem Boulevard Konrad Adenauer in beeindruckende Formen.

Schick und lebenswert

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Kirchberg: ein eigener Stadtteil im Zeichen der Europäischen Union

Nun gilt es der Büromeile Menschlich-Vergnügliches einzuhauchen. Mit einem Augenzwinkern hat eine Großbank einen Vertreter ihrer Zunft vor ihrem Haus platziert: den sieben Meter hohen „Langen Banker“. 40 weitere Skulpturen, wie ein stählernes Monumentalwerk von Richard Serra oder Granit­elemente von Bertrand Ney, runden das Straßenbild ab. Denn da gibt es noch einiges zu tun – etliche Straßen enden im Nichts, andere harren noch ihrer endgültigen Vollendung. Aber es wird: So hat zwischen den Stein gewordenen Architektenfantasien der deutsche Landschaftsarchitekt Peter Latz aus Aushub und Regenwasser sanft plätschernde Wasserspiele, Dünen- und Parklandschaften als Freizeitfreude gezaubert. Hunderte verschiedener Gewächse in diversen Grünanlagen stehen hier symbolisch für die Vielfalt in der EU.

Der Sportbereich als zweite Ebene dieses entstehenden EU-Kosmos besteht aus drei riesigen muschelartigen Gebäuden für Schwimmspaß in olympischen Ausmaßen, Ballspiele und Leichtathletik. Vielseitig geplant, für Konzerte und Veranstaltungen mit 4.000 Plätzen umfunktionierbar. Von Roger Taillibert entworfen, setzt der 1984 fertiggestellte Flügel mit Schwimmbecken weltweit Akzente im Spannbetonbau. Der neue Stadtteil wandelt sich vom Büroplaneten der EU-Beamten zum Lebensquartier. Dazu gehören natürlich auch Genuss und Konsum – seit 1996 lockt eine Shopping-Mall, die keine Versuchung auslässt: Die Schokoladen- und Pralinenpreziosen des Hoflieferanten Oberweis sind im gläsernen Konsumpalast ebenso zu finden wie Lebensmittel, Bekleidung, Friseur und Dinge des täglichen Bedarfs. Wer dann immer noch nicht nach Hause möchte, kann den Abend seit 1996 in einem der zehn Säle des Multiplex-Kinos Utopolis verbringen. Oder – seit 2005 – in der Philharmonie, einem Bauwerk des Pritzker-Architekturpreisträgers Christian de Portzamparc­: Der leuchtend weiße Baukörper in Form eines Auges am Place de l’Europe erinnert an die kühn-eleganten Konstruktionen von Oscar Niemeyers Brasilia. 823 weiße Säulen tragen das leicht geschwungene Dach, unter dem bis zu 1.500 Zuschauer Platz finden. Die Konstruktion ist für ihre ausgezeichnete Akustik bekannt, was nicht immer selbstverständlich ist bei raffinierten Neubauten. Und natürlich ist im großen Konzertsaal eine Loge für die Familie des regierenden Großherzogs vorgesehen, denn wir befinden uns in einer parlamentarischen Monarchie. 2006 wurde das Museum für zeitgenössische Kunst MUDAM eröffnet, nach der Idee des chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei, der auch die Glaspyramide des Pariser Louvre entwarf. Mit seinem honigfarbenen Kalkstein-Glas-Stahl-Ensemble auf vielen Ebenen und Höhen ist ihm der perfekte Übergang zu den benachbarten historischen Festungsanlagen gelungen. Das Museum schließt sich an eine von 35 Festungen an: Fort Thüngen, erbaut im 18. Jahrhundert von den Österreichern, die neben den Spaniern, Franzosen und Preußen markante Spuren auf diesen begehrten Felsen hinterließen, ist teilweise wieder aufgebaut und bietet als Museum Dräi Eechelen seit 2012 Einblicke in Kriegshandwerk und -technik jener Zeit. Und spätestens hier versteht man den tiefen Sinn unserer Europäischen Union: Miteinander in Frieden statt gegeneinander!

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2017

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