Junge, komm bald wieder!

Wer über die Elbe in die große weite Welt hinausschippert, wird mit Flagge, Hymne und einem „Hamburg wünscht Ihnen eine gute Reise!“ verabschiedet. Wedels Schiffsbegrüßungsanlage ist auf der Welt einzigartig und doch ein Geheimtipp.

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Kurz vor dem sogar in Seekarten als „Welcome Point“ verzeichneten Willkomm-Höft: Ein Kreuzfahrtschiff schiebt sich am Blankeneser Strand vorbei dem Sonnenuntergang entgegen.
© Beate Wand

Text & Fotos: Beate Wand

Die deutsche Nationalhymne verstummt. Ein „Hamburg wünscht ihnen eine gute Reise. Wir hoffen auf ein baldiges Wiedersehen in unserem Hafen. Gute Reise!“, schallt vom Steg an der Elbe übers Wasser zum Frachter Hogeland. Im Schulauer Fährhaus greift der Mann mit drei goldenen Streifen und einem Stern auf den Schultern des weißen Hemds zum Mikrofon. Auf der großen Terrasse und im Restaurant erfahren die Gäste, dass der Frachter seinen Heimathafen im ostfriesischen Timmel hat. Mit einer Bruttoraumzahl von 1.022 knackt er so gerade die Grenze der voll salutfähigen Schiffe. Bei unter 1.000 dippen die Begrüßungskapitäne der Schiffs­begrüßungsanlage Willkomm- Höft in Wedel nämlich nur kurz die Flagge. Dippen ist Seemannsjargon und meint das kurze Nieder- und Aufholen der heimatlichen Fahne. In diesem Fall die Hamburgische. Auch wenn Wedel-Schulau noch in Schleswig-Holstein liegt, direkt vor den Toren der Hafenstadt.

Ship-Spotting

Das Ziel der Hogeland kann Eckart Bolte nur mutmaßen. Er ist einer von fünf Begrüßungskapitänen, die hier wechselweise am Ruder stehen. Diesmal flatterte keine Meldung vom Schiffsmeldedienst am Passagepunkt Finkenwerder herein. „Das habe ich in den 14 Jahren, die ich hier im Dienst bin, immer wieder erlebt“, berichtet der Mann mit grauem Henriquatre-Bärtchen um den Mund.

Früher hat er Miniatur-Schiffsmodelle aus Zinn gegossen. Dabei sammelte er allerlei Wissen über die Seefahrt, Schiffe und deren Besatzungen, Werften, Reedereien und Häfen an. Das kommt ihm nun zugute. Brake an der Unterweser, schlussfolgert Bolte aus den Buchstaben BKE. Die hat er dem Automatischen Identifikationssystem AIS entnommen. Neben dem Computer zählen zwei weitere Bildschirme an der Wand zu seinen modernen Instrumenten. Sie zeigen beständig das Bild der stromauf und der stromab gerichteten Web-Kamera – für Laien nicht mehr als ein digitaler Hieroglyphen-Salat.

Seit acht Jahren erleichtert AIS die Arbeit der Begrüßungs­kapitäne maßgeblich. Per Funk übermitteln Schiffe ihre Daten wie Position, Kurs und Geschwindigkeit in einem von der Interna­tionalen Seeschifffahrts-Organisation vorgeschriebenen Standard. Die Transparenz hilft Kapitänen und Steuerleuten, in kritischen Situationen, schnell die richtige Entscheidung zu treffen. Webseiten wie marinetraffic.com stellen die Infos für jedermann dar. So checkt Bolte regelmäßig, ob sich einer der die Schiffe markierenden Punkte im Hamburger Hafen auf die Reise begibt. Dabei verwandelt er sich auf seinem Monitor in einen schiffsrumpfähnlichen Pfeil. Beim Anklicken öffnet sich ein Fenster mit den Schiffsdaten. Früher, ohne diese per Internet verfügbaren Informationen, griffen die Begrüßungskapitäne häufiger zum Fernglas und suchten die Elbe ab. „Wenn wir dann den Namen lesen konnten, mussten wir binnen fünf Sekunden die richtige Hymne einspielen“, denkt Bolte zurück. „Wenn man das Schiff nicht kannte, wurde es hektisch.“ Dann hieß es: Ruhe bewahren, um aus dem riesigen Kasten mit 17.000 Karteikarten schnell die richtige herauszufischen.

Seit Eröffnung der Schiffsbegrüßungsanlage 1952 sammeln die Begrüßungskapitäne Schiffsdaten: Name, Nationalität und Baujahr; Reederei und Werft; Länge, Breite und Tiefgang; Containerstellfläche und Besonderheiten wie die Fähigkeit, Eis zu brechen. Zunächst handschriftlich, später mit Schreibmaschine, seit 2008 werden die Karten bedruckt. Eine Arbeit, die nie endet, denn ständig werden Schiffe abgewrackt, andere neu in Dienst gestellt. Die Wand hinter Boltes Tresen tapezieren noch die Kompaktkassetten mit gut 150 Hymnen seefahrender Nationen. Dazu Ansagetexte zum Begrüßen und Verabschieden in rund 50 Sprachen. Mittlerweile laufen sie allerdings von einer Festplatte. „Das klingt besser und startet punktgenau“, schätzt Bolte den technischen Fortschritt seit der Schallplatte, die bis 1978 abgespielt wurde.

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Ship-Spotting: Die Umgebung am Willkomm-Höft zieht viele Ausflügler an, die vorbeifahrenden Containerschiffen zuwinken.
© Beate Wand

Royale Ruhestörung

Damit die Nachbarn schlafen können, tönt es nur bis 20 Uhr aus den Hochleistungslautsprechern. Für Kreuzfahrtschiffe gilt eine Ausnahme: Sie werden bis 22 Uhr begrüßt. Eckart Bolte kramt eine witzige Begebenheit aus seinem Gedächtnis hervor: „Einmal, da rechnete man eigentlich um ein Uhr morgens mit der Queen Mary 2. Doch sie passierte schon um 19 Uhr Cuxhaven. Da habe ich abgeleitet, dass sie so zwischen 22 und 22.30 Uhr hier vorbeifahren müsste.“ Er fragte seinen Chef, ob er noch begrüßen dürfe. Doch der blockte ab: „Auf keinen Fall! Wir wollen uns nicht mit den Nachbarn anlegen. Aber Sie können ja die Mastbeleuchtung einschalten und die Fahne drei Mal dippen.“ Bolte muss ein wenig grinsen. „Es war 22.22“, weiß er noch genau, wegen der Schnapszahl. „Ich hatte gerade den Knopf der Beleuchtung gedrückt, da hat die Queen gleich drei Mal ‚Land gegeben‘.“ So drückt der Begrüßungskapitän es aus, wenn die Grand Dame aller Kreuzfahrtschiffe ins lauteste Signalhorn der Welt stößt. „Die ganze Erde vibrierte. Da dachte ich: Jetzt ist es auch egal –und habe das volle Programm samt britischer Hymne abgespult“, führt Bolte fort. Alles an Bord jubelte. Zum Dank hat die „QM 2“ gleich noch drei Mal „Land gegeben“.

Ergreifende Momente

Ein- oder Auslaufen, was bewegt die Gemüter mehr? Bolte glaubt, dass die Menschen beim Rausfahren gerührter sind. Manche Besucher entrollen auf dem Steg unten an der Elbe Transparente, mit denen sie Familie oder Freunde verabschieden. „Ich hab schon große Tränen gesehen, von gestandenen Mannsbildern“, verrät Bolte. Einmal kam ein Zwei-Meter-Mann. Breitschultrig, etwa 65 Jahre alt. Der erzählte ihm, dass er mal Kapitän auf englischen Schiffen gewesen sei. Nun wolle er die Zeremonie mal von Land aus erleben. Drei Stunden wartete er, bis sich endlich ein englisches Schiff heranschob. „Er stand draußen auf den Stufen“, erinnert sich Bolte, „ich ging zu ihm hin, wollte ihm auf die Schulter klopfen. Doch der Mann war gar nicht ansprechbar. Riesige Krokodilstränen kullerten seine Wangen herunter.“ Bolte selbst hat die Zeremonie auch schon drei Mal vom Wasser aus erlebt. An Bord des Dampfschiffs Schaarhörn fand er das jedes Mal „sehr beeindruckend“.

Manchmal grüßen die Vorbeifahrenden zurück. Entweder dippen sie ihre Flagge oder sie tuten mit dem Signalhorn. Die deutsche Fregatte „Hamburg“ bedankte sich sogar mal mit einem Schuss Salut. Trotz großer Hitze lief Bolte eines Tages ein kalter Schauer nach dem anderen den Rücken herunter, als das kolumbianische Segelschulschiff Gloria passierte. Alle 120 Kadetten standen in die Landesfarben Gelb-Blau-Rot gekleidet an Bord, sogar hoch bis in die Mastspitzen. Ein unvergesslicher Anblick, nicht nur für einen Schiffsversessenen wie ihn. Während Eckart Bolte auf seiner „Kommandobrücke“ aus dem Nähkästchen plaudert, ­stecken immer wieder Gäste den Kopf hinein. Sie fragen, wann die nächsten Schiffe kommen, wo die Toilette ist und wie man mit dem Schiff zurück in die Stadt kommt. Bei all den Fragen verliert Bolte niemals den Elbverkehr aus den Augen. Mit einem „Mal gucken, wo der Admiral bleibt“, dreht er sich wieder seinem Monitor zu. „Ah, der kommt!“

Weitere Infos im Internet: www.schulauer-faehrhaus.de, Webcams: www.wedel.de (Elbe & Maritimes unter Tourismus klicken), Schiffe gucken: www.marinetraffic.com, www.hafenradar.de

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2016

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