Kein Weg für Eilige

Der Ochsen- oder Heerweg quer durch Jütland wurde nie gebaut: Er entstand von selbst – und das vor 15.000 Jahren.

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Die hügelige Endmoränenlandschaft beim Dorf Dollerup wurde zum „nationalen geologischen Interessengebiet“ erklärt
© PR/visitdenmark

Text: Edda Neitz

Er ist 500 Kilometer lang und trägt zwei Namen. „Ochsenweg“, weil er als Treibweg für Vieh diente, und „Heerweg“ oder „Haer­vej“, wie er in Dänemark allgemein genannt wird, weil er ein Marschweg für Ritter, Landsknechte und Soldaten war. „Dieser Weg war aber keine Straße im heutigen Sinne, die mit einer Trasse von A nach B führte, sondern bestand aus einem Bündel von Wegen“, erklärt Steen Ancher, der als Projektleiter den historischen Weg für Wanderer und Radler aufbereitet hat und uns begleitetGemächlich schiebt der Wind bauschige Wolken voran, ein paar Sonnenstrahlen erhellen das bucklige Kopfsteinpflaster, als wir unseren Weg in der Sct. Mogens Gade in Viborg starten. Keine Straße vermittelt deutlicher die ehrwürdige Atmosphäre dieser alten Handelsstadt. Auch die Konturen der ältesten Stadt Dänemarks haben sich im Laufe der Jahrhunderte kaum verändert. Wie kleine Würfel bedecken rote Backsteinhäuser den Hügel. Mächtig erhebt sich der Kubus des Domes. Die weißen Kirchturmspitzen sind noch heute von Weitem für den Reisenden sichtbar. „Ganz unterschiedliche Menschen haben diese Wege genutzt“, betont Steen und lenkt unsere Gedanken nochmal zurück ins Mittelalter, als der Dom von Viborg ein bedeutendes kirchliches Zentrum war. Über den Heerweg kamen Pilger, um Pastor Hans Tausen zu hören, der mit seinen Predigten die Reformation im Land einläutete.

Naturspektakel

Als eine eiskalte Story aber beginnt die eigent­liche Geschichte des Heerweges. Er entstand in seinen groben Zügen vor ca. 15.000 Jahren. Mächtige Gletscher und Schmelzwasser haben ihn geformt. Wie eine Mauer stand das Eis in Jütland in einer Linie vom Haldsee bis Padborg an der deutsch-dänischen Grenze. Diese markante Landschaftsgrenze ist heute der jütländische Höhenrücken und die Hauptwasserscheide, an der ein Teil dieses 500 Kilometer langen Fernweges entlangführt. Mitten hinein in diese Region um den Haldsee (dänisch: Hald Sö), die auch als das „Sahnehäubchen der dänischen Eiszeitgeologie“ bezeichnet wird, windet sich unser Weg von Viborg aus in vielen kleinen Schleifen. Zuerst wird es grün in allen Schattierungen: Halme, Moose, Blätter, Farne und Büsche säumen den Weg. Weiter geht es um Fichten und Buchen herum. Während der Eiszeit trafen hier die mächtigen Gletscherströme aus Norwegen und den Ostseegebieten aufeinander, zurück­ blieb der Haldsee mit seiner schmalen Halbinsel, um die sich die Hügelkette von Dollerup (dänisch­: Dollerup Bakker) schmiegt. Die Landschaft ist nun ein eigenwilliges Heide­gebiet mit bizarr gewachsenen Wachol­derbäumen und knorrigen Eichen.

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In der Regel bestand eine Herde aus 40 bis 50 Rindern – für die Hirten eine Herausforderung bei so viel Trägheit.
© Edda Neitz

Dänische Gemütlichkeit

Wie immer beim Wandern tritt man so seine Gedanken los. Man sinnt über die damalige Zeit nach, als die Wege im Sommer staubig und sandig, in der kalten Jahreszeit morastig und häufig unpassierbar waren, wenn hunderte Hufe schwerer Tiere den weichen Boden in tiefen Schlamm verwandelten. Man glaubt das dumpfe Schnauben aus den Nüstern der Tiere und das angestrengte Rufen­ der Viehtreiber zu hören. Die Hänge und Schluchten waren eine große Herausforderung für das träge Vieh, und die Hirten hatten Mühe, die Herden, die in der Regel aus 40 bis 50 Rindern bestanden, in der Spur zu halten. Bis zu 50.000 Ochsen wurden jährlich von ihren dänischen Weidegründen nach Norddeutschland getrieben, um die Städte mit Fleisch zu versorgen. Unterwegs schlugen die Viehtreiber ihr Lager vor allem in dünn besiedelten Gegenden auf. Die große Viehherde hatte Platz zum Weiden, außerdem störte das Vieh niemanden. So entstand an den Wegen eine Kette­ von Wirtshäu­sern, sogenannte „Kroer“. Wir legen bei „Niels Bugges Kro“ am Haldsee eine Pause­ ein. Das jahrhundertealte Gemäuer bietet den passenden Rahmen für dänische Gemüt­lichkeit und die traditionelle „Frokost“, eine Zwischenmahlzeit, die zur Mittagszeit eingenommen wird. Im „Niels Bugges“ ist das leichte­ Zwischengericht für Augen und Gaumen komponiert. Ein Kräuterstrauß auf einem Fächer von Kartoffelscheiben, der mit Kapern und Heringsfilet garniert ist.

Blauzahn macht Christen

„Find your moment“, lautet das Motto des Weges. Steen verrät uns seine persönliche Auslegung. Er sagt: „Es gibt viele Gründe, den Weg zu gehen. Den Grund dazu muss jeder selbst finden.“ „Seinen“ Moment findet der Geschichtsliebhaber garantiert auf dem Morä­nenplateau von Jelling. Hier taucht die Geschichte Dänemarks erstmals aus dem Nebel­ der grauen Vorzeit auf: Genau zwischen zwei großen Grabhügeln stehen Harald­ Blauzahns Runensteine, das „Tauf­attest“ für Dänemark. Im Jahr 965 ließ Wikin­gerkönig Blauzahn in diese Steine unver­gänglich seinen Anspruch­ meißeln, dass er der König­ gewesen sei, der die Dänen zu Christen gemacht und das nordische Königreich gegründet habe. Die erste Kirche des Landes – es ist die Grabeskirche seines Vaters, König Gorm –, steht ebenfalls auf dem Gelände. Dahinter erhebt sich wuchtig und kantig der Neubau des Erlebniscenters „Kongernes Jelling“. Mithilfe modernster digitaler Technik wird die Geschichte der Wikinger geschildert. Weiße Fliesen deuten bootsförmige Grabanlagen aus der Wikingerzeit an. Die Installation ist eine gelungene Präsentation von Geschichte­, Wissenschaft und Kunst. Hier in Jelling hört die Geschichte nie auf. Der Ochsen- und Heerweg geht noch weiter.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 04 / 2016

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