Kleine Wege am großen Atlantik

Portugal ist auch abseits weißer Strände einen Besuch wert: In den Alentejo begibt sich, wer das Entdecker-Gen hat. Wilde Klippenpfade reihen sich hier an einsame Flussebenen, uralte Korkeichenwälder an leuchtende Orangenhaine.

Text: Carolin Müller

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Fischerboot ohne Not: Im nördlichen Alentejo fischen die Menschen, wenn sie Hunger haben, nicht öfter.
© Sabine Stein

Da schau her – ein wohlgeformter Küstenstreifen gerät ins Sichtfeld. Dazu ein wolkenloser Himmel und tiefblaues Kräuselwasser. Jetzt sinkt der Flieger ab. Im Visier: Lissabon. Allmählich frage ich mich, ob hier ein Missverständnis vorliegt. Denn nicht der Süden des Landes steht auf dem Programm, mit strahlendem Urlaubswetter trotz Winter. Nein, das ungezähmte Hinterland des Alentejo, das sein Dasein im Schatten von Algarve und Lissabon fristet, soll bewandert werden. Jetzt aber überlege ich: Hätte ich doch einen Sonnenhut einpacken sollen? Ein paar Shorts? Sonnencreme?

Das Gefühl zunehmender Verlassenheit

Alles Blödsinn. Das wird viel schneller deutlich, als mir lieb ist. Zwar steuern wir nach unserer Landung in gemäßigtem Tempo gen Osten. Doch Portugal weist eine unverwechselbare Landschaft auf: Wuchernder Eukalyptus, weite Kohlfelder und unzählige Korkeichen grüßen von allen Seiten. Sonnenschirme und Sandburgen sucht man hier vergebens. Gut vier Stunden dauert die vierrädrige Fahrt am nächsten Morgen, bis wir den Wanderpfad „Trilho das Jans“ (Kategorie „PR“ – kleine Route, 12,6 Kilometer, 3,5 Stunden) erreichen. Auf dieser Strecke wird vor allem deutlich, wie groß die Kluft zwischen der touristisch überlaufenen Algarve und des – geographisch und im übertragenen Sinne – höher anzusiedelnden Alentejo ist. Die Landschaft ist so urtümlich wie facettenreich, dass man sich fragen muss, warum dieser oder jener Platz Europas Tau­sende Besucher mehr zählt und dabei nicht halb so schön ist. Wir starten im Ort Amieira do Tejo, dessen mittelalterliche Burg vom Hospital­orden – dem späteren Malteserorden – gegründet wurde, passieren Korkeichenhaine, die auf ihre nächste Schälung warten (eine aufgemalte Zahl an jedem Baum zeigt an, wann zuletzt die Axt angesetzt wurde; jüngst geschälte Bäume leuchten karminrot), pflücken unglaublich aromatische Orangen, die wir uns an Ort und Stelle schmecken lassen, und enden, mit einem Gefühl zuneh­mender Verlassenheit, am Fluss Tejo, der die nördliche Grenze des Alentejo bildet. An diesem Abschnitt sind viele Vogelarten beheimatet, darunter Raubvögel und Aasfresser wie der Mönchsgeier – ein Dorado für Vogelliebhaber. Und wir haben Glück: Im Tejo-Tal erhebt sich gerade eine Mönchsgeierkolonie in die Lüfte. Der Anblick ist überwältigend, und da es scheinbar kein stilleres Fleckchen Erde gibt als dieses, dürfen wir ihrem Flügelschlag im Wind lauschen. Wer braucht schon Strände?

Die Zurückhaltung der Portugiesen

In einem Jeep mit offener Ladefläche ruckeln wir wenig später in das kleine Örtchen Arneiro der Gemeinde Santarém. Das besonders Schöne am schönen Alentejo: Keiner kommt hier auf die Idee, sich nach draußen zu setzen und die Beine in die Luft zu recken. Die Menschen gehen unbeeindruckt in bescheidenen Häusern ihrem Tagesgeschäft nach. Feste feiert man trotzdem, das gemeinsame Musi­zieren steht dabei im Vordergrund. So gibt es zur traditionellen Stockfisch-Suppe (portugiesisch „Bacalhau“; 22 Kilogramm verzehrt man hier pro Kopf und Jahr davon) im Restaurant O Túlio den singenden Wirt Fernando Inácio. Dies alles jedoch mit einer feinen Zurückhaltung, die man andernorts teilweise vermisst. Eine ursprüngliche Küche mit exzellenten Weinen, wie sie Besucher hier vorfinden, lässt andere Länder hochnäsig und für Touristen hochpreisig werden. Nicht so Portugal. Was hier wie ein Mangel an Selbstvermarktung wirkt, hat mit einem charmanten Charakterzug der Portugiesen zu tun: Man will sich nicht aufdrängen.

Natürlich gibt es Hoffnung. Im ehrwürdigen Städtchen Nisa zum Beispiel, dessen urige Gassen zum Schlendern einladen. Nisa ist bekannt für seine originäre Handwerkskunst, die „Olaria Pedrada“, mit kleinen weißen Quarzsteinchen verzierte Töpferwaren. Vor eini­gen Jahren schafften diese es sogar nach Versailles, als die zeitgenössische Künstlerin Joana Vasconcelos in Zusammenarbeit mit ansässigen Kunsthandwerkerinnen die Kunstreihe „Die Walküren“ anfertigte und ausstellte. Dinis Galucho ist aber auch ohne Künstlerkooperationen vielbeschäftigt. In ihrem kleinen Atelier schneidert sie Touristensouvenirs – und exportiert kunstvoll gestickte oder mit kreativen Filzapplikationen bestickte Decken nach ganz Europa. Galucho ist 71 Jahre alt und seit 50 Jahren im Geschäft. Ihre Arbeit scheint etwas zu sein, zu dem sie bestimmt ist – eine Art radikale Integration. Jedenfalls kann man an ihren flinken Bewegungen und ihrem wachen Blick den Genuss ablesen, den ihr das Leben hier und mit diesem Handwerk bringt. Wer eine Frage stellt, wird zuallererst mit einem wohlwollenden Lächeln bedacht.

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Wilde, widerspenstige Natur: Der Fischerpfad des Fern-wanderwegs Rota Vicentina.
© Sabine Stein

Alentejo – wie ein schottischer Sommer

Am zweiten Tag wagen wir uns an Portugals Südwestküste und damit in den Naturpark Sudoeste Alentejano e Costa Vicentina. Eine von seinen Bewohnern wohlgehütete Perle, in dessen überwältigende Natur sich erst allmählich Wanderer und Naturliebhaber verlieren. Der Fernwanderweg Rota Vicentina (insgesamt 350 Kilometer) durchquert den Naturpark, der 110 Kilometer wildeste Küste umfasst. So groß das Gebiet, so abwechslungsreich seine Landschaft: Eine unüberschaubare Vielfalt endemischer Pflanzen­arten reiht sich an eine reiche Fauna, dem salzigen Wind und dem widerspenstigen Atlantik trotzend. Das alles erzählt uns Rudolfo Müller, der besagten Fernwanderweg erst 2012 ins Leben gerufen hat. Und wer hat’s bekanntlich erfunden? Richtig, ein Schweizer. Vor über 30 Jahren zog es Rudolfo in den Süden, der Liebe wegen. Aber er liebt auch dieses Land. Mit der nötigen Dis­tanz, die er mitbringt, will er nun der Region durch den Natur­tourismus eine Weiterentwicklung sichern.

Dabei ist klar, dass es sich um eines der letzten Wildgebiete der südeuropäischen Küste handelt. Und so folgen wir dem ausgebildeten Wanderführer und Vogelkundler auf dem Pfad der Fischer („Trilho dos Pescadores“, erster Abschnitt: 20 Kilometer, 7 Stunden) entlang der Küstenlinie (eine zweite, historische Variante, die Route „Caminho Histórico“ verläuft im Hinterland). Die Vielfalt der Strandtypen ist hier sagenhaft. Einige von ihnen sind umringt von uralten, dunklen Felsen, die trotzig der Erosion widerstehen und hohe, zerklüftete Klippen bilden (Rudolfo: „Man stelle sich die Kräfte vor, die Felsen wie Blätterteig falten!“). Und immer wieder verlassene Buchten und Strände mit kleinen Süßwasserläufen, die unterirdisch aus den Bergen kommend hier austreten, dem Namen Milfontes („tausend Quellen“) gerecht werdend. Von Zeit zu Zeit zaubert Rudolfo ein winziges Farbtöpfchen mit Pinsel hervor, um Markierungen an Ort und Stelle zu erneuern. Angesichts der langen Strände, dem ständigen Laufen auf weichem Sand und der ordentlichen Brise entpuppt sich der Weg als Heraus­forderung. „Wer im Sommer nach Schottland reist, der kann auch im Januar in den Alentejo kommen“, ruft Rudolfo vor uns. Er setzt noch etwas hinzu, aber das bläst der Atlantikwind fort. Die Botschaft ist ohne­hin klar: Durchhalten, es lohnt sich!

Vor allem die Artenvielfalt der Dünen ist bemerkenswert. Ihr ganzer Umfang zeige sich zwar erst ab März mit einer überwältigenden Fülle an Farben und Aromen, erklärt Rudolfo zwischen hohen Gräsern, doch ihre Anpassungsfähigkeit sei freilich immer zu bewundern. Die feindliche Umgebung, der karge Boden, über sechs Monate Trockenzeit, die kräftigen, salzigen Winde – selbst Kiefer, Rosmarin und Zistrose passen sich den strengen Bedingungen an und sind in ihrer neuen Erscheinung einzigartig auf der Welt. Nur die echten „Superhelden“ unter den Pflanzen überleben und gedeihen hier, konstatiert Rudolfo.

Superhelden und hektische Vögel

Schließlich und endlich lässt er uns zur richtigen Zeit am richtigen Ort anhalten. Es sind nur noch wenige hundert Meter bis zum Ziel, doch wir sollen uns in Stille eine Weile aufhalten. Sanderling, Steinwälzer und Regenpfeifer trippeln unruhig durch den Wellenschaum, hektisch das Kleingetier verschlingend, das das Meer anspült. Rotgefärbte Dünen, Kiefernduft und explodierende Wellen berauschen unsere Sinne. Die Küste in ihrer einzigartigen, naturbelassenen Gestalt zeigt sich uns von ihrer rauesten Seite. Mit dem tobenden Atlantik kommt die Erkenntnis: Mehr Reichtum kann ein Land, ein Wanderweg kaum bieten.

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Der Fluss Tejo bildet die nördliche Grenze des Alentejo – an seinem Ufer zieht sich der historische Treidelpfad entlang.
© Sabine Stein

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2015

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