Mit dem Boot ins Weiß

Vier Tage dauert die Schiffsreise auf der historischen Nordstjernen. Die Fahrt führt vorbei an mächtigen Gletschern, schneebedeckten Bergen und einsamen Fjorden. Wer in Spitzbergen an Land geht, nimmt eine Waffe mit – denn hier lebt der „König der Arktis“.

Text & Fotos: Claudia Steiner

Kapitän Tormod Karlsen passt hierher. Er strahlt die gleiche Ruhe aus wie die Fjorde und das Eis. Eigentlich ist der grauhaarige 66-Jährige mit seinem marineblauen Wollpullover schon seit drei Jahren in Rente. Aber in den Sommermonaten fährt der Norweger immer noch gerne mit der 1956 in Hamburg gebauten und unter Denkmalschutz stehenden Nordstjernen (Polarstern) durch die Arktis. „Ich mag kaltes Wasser“, sagt er leise, als wollte er die ­Stille nicht stören. „Und ich mag ­Svalbard“ – so heißt Spitzbergen auf Norwegisch. „Hier ist alles so ruhig.“

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Ein Schild bei Longyearbyen warnt vor Eisbären

Achtung, Eisbären!

Kein Wunder, dass man auf Spitzbergen außer dem Plätschern der Wellen und dem Knacken des Eises nicht viel hört. Schließlich ist die Inselgruppe, die auf halbem Weg zwischen Norwegen und dem Nordpol liegt, nicht wirklich lebensfreundlich: Es herrscht Permafrost. Mehr als 60 Prozent des Landes sind mit Gletschern bedeckt. Außer ein paar Grashalmen, Moos, Flechten und Miniblümchen wie dem rosafarbenen Stengellosen Leimkraut wächst hier nichts. Und: Es lauert Gefahr. Spitzbergen ist die Heimat der Eisbären. Selbst Longyearbyen, den mit etwa 2.000 Menschen größten Ort auf Spitzbergen, darf man aus Sicherheitsgründen nicht ohne Waffe verlassen. Am Ortsrand stehen Eisbären-Warnschilder mit der Aufschrift „Gjelder hele Svalbard“ – was so viel heißt wie „Überall auf Spitzbergen“. Rund 3.000 Eisbären gibt es auf dem Archipel, mehr als Menschen. Ihre Zahl hat sich erholt, nachdem die bis zu 700 Kilogramm schweren Tiere, die keine natürlichen Feinde haben, seit 1973 nicht mehr gejagt werden dürfen. Die Passagiere auf der Nordstjernen hoffen natürlich, auf ihrer viertägigen, in Longyearbyen beginnenden Schiffsreise den „König der Arktis“, aber auch Wale, Seehunde, Walrösser und Polarfüchse zu sehen. Schon nach ein paar Stunden Fahrt geht es in Barentsburg im Grønfjord, einem Seitenarm des Isfjords, an Land. Vom Hafen aus führen 192 Holzstufen hoch in die russische Bergarbeitersiedlung, in der etwa 500 Menschen leben. „Hier sehen Sie ein letztes Stück der Sowjetunion“, sagt der russische Guide zur Begrüßung. Die ausschließlich von Russen und Ukrainern bewohnte Siedlung ist trist, mit halb verfallenen Häusern, lieb­losen Plattenbauten und einer Lenin-­Statue. Die meisten Touristen bleiben nur für zwei Stunden – zum Abschied gibt es eine Folklore-Show, in der „Kalinka“ geschmettert wird.

Mächtige Gletscher

Die nächsten Tage und Nächte stehen die Passagiere aus Norwegen, Finnland, den USA, Großbritannien, Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Israel dick eingemummelt auf dem Achterdeck und bestaunen schneebedeckte Bergspitzen und mächtige Gletscher mit bis zu 40 Meter hohen Abbruchstellen. Die Gletscher kalben – riesige Eismassen fallen laut krachend ins Meer. Dreizehenmöwen fliegen dicht über der Heckwelle. „Das ist so schön, ich werde da ganz ehrfürchtig“, sagt Christian aus Österreich. „Und dann wird man melancholisch und denkt: ­Schade, dass dieser tolle Tag bald vorbei ist. Aber er ist ja gar nicht vorbei, es ist ja so hell, dass man auch die ganze Nacht weiterschauen kann.“ Tatsächlich muss man einen Blick auf die Uhr werfen, um zu wissen, ob es Tag oder Nacht ist – die Sonne ist immer sichtbar, die Tage haben keinen Anfang und kein Ende. Mehrmals geht es mit roten Tenderboats an Land, wo wir abgeschiedene Trapperhütten sehen, in denen früher Eisbär- oder Polar­fuchsjäger mehrere Monate lang lebten. „Viele stellen sich so ein Trapperleben romantisch vor, aber das war total hart“, erzählt der aus Frankreich stammende Guide Rémi. Eine kleine Wanderung führt – geschützt von bewaffneten Guides – auf einen Hügel, über teppichweiche, moosbewachsene Tundra, durch Schneefelder und über Geröll. In der Ferne sitzt ein Spitzbergen-Schneehuhn. Spitzbergen-Rentiere laufen mit ihren Jungen über Moos. Nach drei Tagen auf See überquert die Nord­stjernen dann den 80. Breitengrad – im Wasser treibt Eis, recht viel weiter gen Norden kann man mit einem normalen Schiff nicht fahren. Die Passagiere und die Crew stoßen mit einem Glas Sekt an.

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Von den Fjorden aus sieht man mächtige, schneebedeckte Berge, an denen man sich gar nicht sattsehen kann.

Forschersiedlung am Ende der Welt

Dabei gibt es eigentlich nichts zu feiern. In Deutschland mag der Klimawandel weit entfernt sein, in Spitzbergen ist er bereits deutlich zu spüren. „Vor 20 Jahren konnten wir erst Ende Juli so weit Richtung Norden fahren, weil es vorher so viel Seeeis gab – inzwischen geht das schon im Juni“, erzählt Kapitän Karlsen. Trotzdem muss das Schiff auch jetzt immer wieder schwimmenden Eisblöcken ausweichen. „Wir müssen mindestens die doppelte Höhe Abstand halten“, erklärt der Kapitän. Dennoch: Es gibt nicht nur weniger Seeeis, auch die Gletscher ziehen sich zurück. Einst war zum Beispiel der mächtige Monacogletscher im Liefdefjord mit dem daneben liegenden Seligergletscher verbunden – inzwischen sind sie durch Land getrennt. Das mag auch der Grund dafür sein, dass sich auf der Reise zwar Minkwale, Walrösser und viele Vögel zeigen, aber keine Eisbären. „Der Winter war sehr mild, und es gibt viel weniger Seeeis als sonst“, sagt der Guide Fredrik Samuelsson, ein Biologe. Eisbären aber jagen in der Regel von Eis­schollen aus Robben – viele Bären scheinen in diesem Jahr weiter Richtung ­Norden gezogen zu sein. Da man den Klimawandel in der ­Arktis besonders gut beobachten kann, gibt es ­einen Ort, in dem Klima- und Polarforscher aus der ganzen Welt leben. Ny Ålesund am Eingang des Kongsfjords liegt auf 78° 55′ N und ist damit die nördlichste feste Siedlung der Welt. Im Winter leben in der ehemaligen Bergarbeitersiedlung meist um die 40 Menschen, im Sommer bis zu 180. Von hier aus startete 1926 auch der norwegische Polarforscher Roald Amundsen zusammen mit dem Italiener Umberto Nobile mit dem Luftschiff „Norge“ zum Nordpol – der Landemast ist noch immer in Ny Ålesund zu sehen. Die Fahrt auf der Nordstjernen scheint wie eine Reise in die Eiszeit, in unberührte Natur, abgelegene Dörfer, in Landschaften, geformt von Eis, Wind, Meer und Schnee – mit einer Sonne, die ständig scheint und ungeahnte Energien freisetzt. „Das ist so wundervoll hier, so friedlich und so ruhig, fast schon unwirklich“, sagt die 31 Jahre alte Eron aus Los Angeles. Auch die Guides stehen – obwohl sie diese Reise schon x-mal gemacht haben – noch immer begeistert auf Deck und freuen sich über jede Sichtung. „Wale!“, ruft Tine eines Morgens aufgeregt und springt lachend durch den Speisesaal.

Guide Fredrik Samuelsson hofft, dass bei den Besuchern mehr als nur die Schönheit von Spitzbergen hängen bleibt. "Toll wäre, wenn sie sich nach der Reise auch Gedanken über den Klimawandel machen - denn er ist da."

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2017

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