Münsterländer Marmor: Wo man über Pättkes tippelt

Das platte Münsterland ist eher für Wasserschlösser bekannt als für Berge. Doch neben den Wirtschaftswegen, Pättkes genannt, liegt im Höhenzug zwischen Havixbeck, Nottuln und Billerbeck der Stoff, aus dem so viele der Adelssitze, Kirchen und Bauernhäuser sind: Baumberger Sandstein.

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Reizvolles Wechselspiel: Weite Blicke über Wiesen, von Wallhecken und Waldfleckchen wieder gebremst – typisch Münsterländer Parklandschaft. Im Hintergrund leuchtet der Sandstein von Haus Steverburg.
© Beate Wand

Text: Beate Wand

Das Laub an den Bäumen rauscht, Äste ächzen und biegen sich. Die Geräuschkulisse lässt die Wanderer auf dem Pättken, wie die asphaltierten Wirtschaftswege im Münsterland heißen, deutlich schneller tippeln. Ungebremst braust der Wind von Südwesten übers platte Land. Vom Nottulner Kirchturm die sanfte Hangwelle hinauf, um dann mit voller Wucht auf die Wälder des Höhenzugs Baumberge zwischen Coesfeld und Münster zu prallen. Aber es sind eher Hügel, die sich in der Westfälischen Bucht erheben. Mit 187 Metern ist der Westerberg die höchste Erhebung – in den Baumbergen und im gesamten Münsterland. Seine Spitze krönt der Longinusturm und erhöht den Berg seit über einem Jahrhundert um weitere 32 Meter. Aus der Ferne betrachtet, entstellen eine Beton-Aussichtsplattform aus den 1950ern, Antennen und Sendemasten den schlichten Sandstein-Quader. Die Anmut des hellen, zwischen lichtem Grau und warmem Gelb changierenden Baumaterials offen­bart sich dem Betrachter erst aus der Nähe: Der Stein fasst sich weich und geschmeidig an, ein Fries aus Ornamenten ziert das Wahr­zeichen der Baumberge aus echtem „Baumberger“, wie der ­mergelige Kalksandstein aus den Brüchen hier genannt wird.

Die Natur erobert alles zurück

Unzählige Kuhlen durchlöchern die Baumberge zwischen Havixbeck, Nottuln und Billerbeck. In den meisten ist inzwischen wieder Gras über den nackten Stein gewachsen – die Natur hat sich die Relikte aus der Blütezeit des Steinhauens in den Baumbergen längst zurückgeholt. Manche gibt es schon seit mehr als 1.000 Jahren. Ein Dickicht aus Sträuchern und Bäumen überwuchert die Domkuhlen unweit des Longinusturms. Wo noch offene Steinwände klaffen, räkelt sich das Wurzelwerk der obenauf thronenden Bäume kunstvoll an der Abbruchkante entlang. Doch an vielen Stellen ist schon Erdreich nachgerutscht – endlich ein Nährboden für die Rückeroberung der Pflanzen. In den Domkuhlen soll angeblich der Stein für den Münsteraner Dom gebrochen worden sein. Doch Joachim Eichler legt seine Hand nur dafür ins Feuer, dass der Baustoff für das dortige Schloss gewonnen wurde. „Die Lieferanten haben nämlich da gewohnt“, weiß der Leiter des Sandsteinmuseums in Havixbeck.

Ein neuer Beruf wurde geschaffen

Das Museum vermittelt Führungen in die aktiven Steinbrüche und zu den stillgelegten Kuhlen. Zwei Steinbrüche sind heute noch übrig geblieben von den rund 30, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts in den Baumberg fraßen –Beton hat Naturstein als Baumaterial weitgehend abgelöst. Der Dom zu Münster läutete die Ära des Bauens mit Naturstein in der Region um das Jahr 900 ein – vorher waren die Bauten aus Holz. Bis dahin gab es in der Gegend nur Zimmerleute, keine Steinmetze.

Durch wandernde Handwerker verbreitete sich der gute Ruf des Baumbergers schnell: Etwa 160 Jahre später war unter Bildhauern bekannt, dass sich der weiche, feinkörnige Stein aus dem Münsterland sehr gut für filigrane Arbeiten eignet. So machte der „Westfälische Marmor“ Karriere: In Form von Sakramentshäusern, Taufsteinen und Skulpturen findet man ihn sowohl im nördlichen Hessen als auch an der natursteinarmen Nordseeküste. Über Wasserwege gelangte er sogar bis nach Mittelschweden und Riga. Das älteste Stück im Kölner Dom ist ein auf das Jahr 1266 datierter Baum­berger Sandstein. In den Abbau-Kuhlen schlugen einfache Bauern aus den Baumbergen die Blöcke aus der Werksteinbank.

Mit der Zeit entstanden innerhalb der Steinbrüche Werkstätten. Aus den Steinbrechern wurden hochqualifizierte und gut bezahlte Fachleute, die mit Werkzeugen wie Fläche, Kröndel, Knüpfel und Scharriereisen das Material vor Ort bearbeiteten. Sie belieferten die Baustellen mit Fertigteilen wie Treppenstufen, Fenstergewänden, einfachen Säulen und Kapitellen. Teile großer Maßwerkfenster für den Dom von Utrecht oder das Rathaus von Nijmegen wurden über weite Strecken transportiert. Die Steinhauer in den Baumbergen vereinten also die Fähigkeiten von Steinbrechern und Steinmetzen.

Im Münsterland hat der Baumberger nicht nur an Wasser­schlössern, Rathäusern und Kirchen seine Spuren hinterlassen: Helle Fenster- und Türeinfassungen heben sich an vielen Häusern gegen die roten Ziegel ab. Eine Kombination, mit der schon der fürstbischöfliche Barockbaumeister Johann Conrad Schlaun dem Erbdrostenhof und dem Schloss in Münster Eleganz einhauchte. Wohl­habende Landleute – oft auch die Steinmetze – leisteten sich ganze Bauernhäuser aus Sandstein, die bei dunklen Wolken am Himmel kräftig leuchten, wenn ein Sonnenstrahl sie trifft.

Überall begegnen einem Bildstöcke, Heiligenfiguren und Hofkreuze aus dem filigran zu bearbeitenden Baumberger Sandstein. Sie sollen Böses fernhalten, Maria danken oder verstorbenen Angehörigen gedenken. Besonders exquisite Arbeiten aus den Werkstätten Gröninger oder Rendeles konnte sich nicht jeder leisten. Das behauptet zumindest Johann Rendeles. Besser gesagt, seine Stimme. Er selbst ist 1714 verstorben. Seine Stimme jedoch führt im Kopfhörer durch das Sandsteinmuseum und verrät dabei einiges aus dem harten Alltag der westfälischen Steinhauer. Schließlich hat der Havixbecker schon mit zwölf Jahren seine Stein­hauer-Lehre begonnen. Die figürliche Kunst der Bildhauerei lernte der Steinmetz aber erst viel später.

Schnaps gegen Steinstaub

Er erzählt, dass die Männer von fünf Uhr in der Früh bis sieben Uhr abends in den Brüchen schufteten. Nach langen Regenperioden – und es regnet nicht wenig im Münsterland – standen sie vor der Bruchwand oft knietief im Matsch. Um einem Schnupfen vorzubeugen (oder auch um das Ganze erträglicher zu machen), tranken die Kerle Schnaps, und manche nicht zu knapp. Ein einfacher, aus Getreide gebrannter Korn gehörte quasi in die Butterbrotsdose eines Steinhauers.

Außerdem galt der Hochprozentige als bestes Mittel gegen Steinstaub. Der fügte den Lungen der Steinhandwerker üblicherweise nach fünf Jahren erste Schäden zu, so dass sie im Schnitt nur 29 Jahre alt wurden. Nicht aber in den Baumbergen! Dort sind die meisten gesund geblieben und hatten mit 61 Jahren eine deutlich höhere Lebenserwartung.

Das weiß der Bildhauer Rendeles aus eigener Erfahrung – wurde er doch immerhin 48 Jahre alt! Das hatten die Baumberger Steinhauer allerdings vermutlich weniger dem Schnaps als vielmehr dem hohen Kalkanteil im Sandstein zu verdanken. Sein Staub enthält deutlich weniger der für die Atemwege gefährlichen Quarzpartikel als in anderen Regionen. Außerdem bestellten die Steinhauer hier zusätzlich noch ihre eigenen Felder – phasenweise arbeiteten sie also ganz ohne Steinstaub, und ihre Lungen konnten sich erholen.

Wie andere Sandsteine gefärbt sind und wie sie sich anfühlen, lässt sich auf dem Westfälischen Sandsteinpfad im Garten hinter dem Café des Museums ertasten. Sie stammen aus der Grafschaft Bentheim, vom Teutoburger Wald, aus Obernkirchen, von der Weser und von der Ruhr. Der Baumberger entwickelte sich aus dem Tiefseebecken eines Meeres, das zur Kreidezeit das Münsterland überspülte. Bei einem Erdbeben rollten unterseeische Schlammlawinen heran, die am Meeresboden lebende Tiere und Pflanzen mitriss. Später modellierten Wind, Wetter und die Eiszeiten die Baumberge aus den überlagernden Schichten heraus.

Die inzwischen versteinerte Mischung aus Meeressand, Mineralien und Kleinstfossilien kam dann als Baumberger Sandstein wieder ans Tageslicht. Durch den hohen Gehalt an wasserlöslichem Kalk ist dieser Stein allerdings verwitterungsanfällig. Doch das Weiche, Feinkörnige macht ihn zu einem Schnitzmaterial, wie es der Steinmetz liebt, schwärmt Johann Rendeles den Museumsbesuchern ins Ohr. „Da kann kein anderer Sandstein im weiten Umkreis mithalten“, zeigt der Kunsthandwerker aus längst vergangener Zeit überzeugt, ­bevor er sich auf Ur-Münsterländer-Art mit einem plattdeutschen „Guat Goahn!“ verabschiedet.

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Romantische Wasserburg: In Burg Hülshoff, Geburtsstätte der Dichterin Annette von Droste zu Hülshoff, wurde auch „Münsterländer Marmor“ verarbeitet. © Beate Wand
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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2012

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