Ötztal: Hoch in der kühlen Bergluft

Mit den Ötztaler Seilbahnen schweben Wanderer schwerelos die Gipfel hinauf. Die Technik ermöglicht Touren ohne steilen Aufstieg und anstrengende Starts. So lässt sich ganz mühelos Berggeschichte erwandern.

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(Fast) über den Wolken: Nach einer Fahrt mit der Seilbahn geht es fit und frisch an die Höhen­wanderung – ohne den steilen Aufstieg.
© Bernd Ritschel

Text: Lisa-Marie Bille

Das Tiroler Ötztal ist nicht nur für seine Skigebiete, sondern auch für sein Wanderwegenetz bekannt. Stattliche 1.600 ­Kilometer Strecke gilt es zu entdecken, und über 100 Hütten und Almen warten auf Wanderer – ganz zu schweigen von den historischen Dörfern. Sie alle haben ihre Geschichte und Geheimnisse, und um ­diese mühelos zu entdecken, laden gemütliche Sommerbergbahnen zum schwerelosen Wanderstart ein. Denn mit ein wenig technischer Unterstützung locken gleich ganz andere Ziele, als wenn jeder Höhenmeter zuerst mühsam erwandert werden muss! Schließlich muss es nicht immer der Aufstieg per pedes sein, der die Bergwelt erschließt – frei nach dem Motto: „Erlaubt ist, was Genuss macht!“ So kann man schon vor der Wanderung in aufregenden Höhen Ausblicke genießen, und ein schönes Erlebnis für die ganze Familie ist solch eine Fahrt noch dazu.

Ein Beispiel dafür ist die Strecke von der Bielefelder Hütte nach Ötz, dem ­namensgebenden Ort des Tals, über den Knappenweg. Er bietet eine leicht ­begehbare Gipfelwanderung, die auch mit Kindern bequem machbar ist. Mit der Acherkogelbahn geht es in acht Minuten zur Bergstation Hochötz hinauf. Diese liegt auf 2.020 Metern, und von hier lässt sich die Wanderung ganz entspannt beginnen. ­Zunächst geht es zu Fuß zur Bielefelder Hütte unterhalb des Acherkogels. Hüttenwirt Werner Schöpf sorgt hier im Familienbetrieb von Mitte Juni bis Anfang Oktober für Wanderers Wohl und lädt mit deftigen Berggerichten zur ersten Pause ein.

Ganz entspannt geht man danach bequem bergab durchs romantisch gelegene Wörgetal zum Puchersee. Im Juni und Juli blühen hier zahlreiche Alpenrosen. Dort befindet sich das Freilichtmuseum, das Knappenhaus, in dem ehemals Erz zerkleinert wurde, und das Pochwerk. Vor rund 350 Jahren trugen hier Hunderte ­Knappen Erz aus dem Bergwerk ab. Hammer, ­Karren und Ochsen waren die einfachen Hilfsmittel, im Knappenhaus wurde das abgetragene Erz zerkleinert. Es wurde in originalgetreuer Holzhausbauart errichtet und enthält ein kleines Bergbaumuseum. Im wiedererrichteten Pochwerk, einer Art Mühle, wurde das taube Gestein vom kostbaren Erz getrennt. Besucher können hier das Wasserrad selbst bedienen.

Wandern bergab

Nach dieser ordentlichen Portion Berg­geschichte laden die Balbach-Alm und die Kühtaile Alm ein, bevor man zurück zur Bergstation der Acherkogelbahn gelangt –

oder einfach weiter bergab zu Fuß nach Ötz weiterwandert. Das gewachsene Dorf hat viel von seinem ursprünglichen Charakter bewahrt und bietet mit der Ache, dem größten Fluss des Ötztals, echte Wildniseindrücke: Der Fluss hat hier ­seine schönsten und wildesten Passagen. ­Dieses Naturschauspiel begeistert nicht nur ­entspannungssuchende Wanderer. Hier finden auch alle zwei Jahre die Wild­wasser-Kajak-Meisterschaften statt.

Hoch hinauf zum Höhenweg

Nicht durch die Luft, aber ebenfalls mit ­bequemen Hilfsmitteln geht es auf den Venter Höhenweg: Zum Startpunkt am Tiefen­bachferner fährt von Sölden aus ein Bus, der einen entspannten Start auf 2.793 Höhen­metern ermöglicht. Der Venter Höhenweg gilt als einer der schönsten des Gebiets und führt in tiefer Einsamkeit hoch über dem Venter Tal durch altes Bergbauernland, stets leicht auf und ab taleinwärts und schließlich nach Vent, das dominiert wird vom höchsten Berg Tirols, der Wildspitze mit 3.774 Metern.

Der Ort ist bekannt als höchstes Berg­steigerdorf in Österreich und ein echter ­Geheimtipp neben dem touristischen Sölden. Sölden steht für Trubel, Wirtschaft und Skivergnügen, Vent dagegen ist ursprünglich und urig. Aber idyllisch war es hier nicht immer: Das Dorf wurde im 17. Jahrhundert mehrmals von Gletscherseen überspült, die sich aufgestaut und dann die Wohngegend überschwemmt haben. Die gleichen Gletscherseen aber faszinierten die Menschen so sehr, dass ihretwegen bereits im 18. Jahr­hundert die ersten Touristen herkamen.

Initiiert hatte das der bekannte Gletscherpfarrer Franz Senn, ein großer Initiator des alpinen Tourismus und Mitbegründer des österreichischen und deutschen Alpenvereins. Mit dieser Gründung begann hier im Jahr 1862 ein neues Kapitel des Alpinismus und des Bergsteigens. Pfarrer Franz Senn legte dazu Wege und Steige an und errichtete Schutzhütten, um die Menschen für das Bergsteigen zu begeistern. Dafür nahm er private Schulden in Kauf, als die Spenden nicht mehr ausreichten. Später geriet er ­dadurch bei einigen seiner Gemeindemit­gliedern in Verruf – und das, obwohl er bei all seinen Plänen stets auch die wirtschaftliche Lage der Talbewohner im Sinn hatte. Sein Venter Pfarrhaus diente als Anlaufstelle für Bergwanderer, aber er sorgte auch für die Ausbildung und die Vermittlung von Bergführern. Schon 1862 ließ er an der ­Stelle eines Hirtenhäuschens am Aufstieg zur Kreuzspitze die erste Hütte im Venter Gebiet bauen – Mauerreste findet man noch heute rechts des Bergpfades. An den Bergpfarrer erinnern soll auch die von ihm angeregte und 1885 fertiggestellte „Franz Senn Hütte“ im Oberbergtal bei Neustift und der „Sennkogel“ (3.400 Meter) südwestlich von Vent.

Gegründet wurde der Ort übrigens ­bereits 1241. Die dort befindlichen Rofenhöfe sind sogar die ältesten besiedelten ­Bauernhöfe der Ostalpen auf über 2.000 Metern See­höhe! Sie erzählen vom ­harten Bauern­alltag vom ­Mittelalter bis heute. ­Besiedelt ­wurde Vent von Schafhirten. ­Daher spielt die Schafzucht bis heute eine wichtige ­Rolle. So werden ­jedes Jahr Anfang Juni 2.000 Schafe von ­Vernagt über das ­Niederjoch ins Niedertal getrieben. Ungefähr 20 Treiber und ein ­Hirte mit Hund brauchen dafür zwölf ­Stunden, manchmal unter schwierigsten Bedingungen durch Eis und Schnee. Zurück geht es dann im ­September, was mit dem Fest „­Schof­schoad“ gefeiert wird.

Vom Örtchen Hochsölden aus kann man ­einen besonders schönen Blick erwandern. Dafür geht es mit der Giggijochbahn von Sölden aus zweieinhalb Kilometer hinauf. Ursprünglich lag in Hochsölden nur die ­Hamrachalpe. Sie ist noch heute als „Hotel Schöne Aussicht“ vorhanden. Schon 1926 wurden hier Schlafgelegenheiten in Form von sechs Strohlagern vermietet, und der Ort war bald so beliebt, dass er 1963 als ­erster Ort im Ötztal eine Kanalisation bekam. Die Touristen mussten allerdings mit Touren­skiern oder Schneeschuhen anreisen.

Erst 30 Jahre später wurde von den Gastwirten in Hochsölden gemeinsam mit Pickel und Schaufel eine Straße gebaut, die etwa sieben Kilometer lang und zunächst nur in eine Richtung befahrbar war. Zu dieser Zeit gab es daher einen genauen Fahrplan, wer wann hinunter- oder hinauffahren durfte. Heute gibt es dafür bequeme Seilbahnen. Von der Bergstation aus geht es zu Fuß ganz gemütlich quer zum Hang hinüber zur Leiteralm. Diese liegt exponiert auf dem Rücken des Kreuzkogels, zwischen steilen Bergwäldern auf einer Lichtung an den Hang geschmiegt. Sie ist umgeben von Almwiesen, die ab Juni traumhaft und satt blühen und eine ruhige Oase über dem fröhlichen Trubel von Sölden darstellen. Von hier blickt man über den Ort Obergurgl und das ganze südliche Ötztal, die 3.000er und das Timmersjoch. Nicht weit entfernt liegt die Edelweißhütte, die zu den beliebtesten Hütten in Sölden gehört. Ihre Sommerterrasse bietet noch einmal herrliche Ausblicke. Von dort erreicht man dann auf einem Zickzack-Weg steil bergab wieder den Ausgangsort Sölden.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 04 / 2012

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