Schweizer Alpen: Zwischen Alm und Auenland

Die faszinierende Flora und Fauna auf knapp 2.000 Metern Höhe entdecken und dabei völlige Barrierefreiheit genießen – das geht auf der Engstligenalp im Berner Oberland. Die Hochebene bietet fernab von Stress und Lärm Erholung für Körper und Geist.

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Idyllisch und geheimnisvoll: Auf der Engstligenalp treffen sich Mystiker und Erholungs­suchende gleichermaßen.
© Andreas Mayer

Text & Fotos: Andreas Mayer

Die Geschichte von Adelboden beginnt im Mittelalter mit einer kleinen, unbedarften Ziege, die sich von ihrer Herde entfernt hatte und hoch in die Berge des Engst­ligentals wanderte. Wie Kinder eben so sind. Der arme Schäfer, dessen Aufgabe es war, sie zurückzubringen, muss schweren Herzens zum Aufstieg aufgebrochen sein, denn die dicht bewaldete Gegend des heutigen Adelboden war für ihre Unzugänglichkeit berüchtigt, wie auch für ihre Wölfe und Bären. Als sich die Dunkelheit über die Berggipfel legte, hatte sich der Schäfer, wie nicht anders zu erwarten, hoffnungslos verirrt und legte sich zum ­Schlafen nieder, in der Hoffnung, dass das Tageslicht ihm bei der Orientierung helfen möge. In dieser Nacht träumte er von einer wunderschönen, von Bergen umgebenen Wiese in voller Blüte, mit einer Vielzahl von Wildblumen in strahlenden Farben. Und als er aufwachte, stimmte die Szenerie vor ihm beinahe mit der aus seinem Unterbewusstsein überein. Nach der eiligen Rückkehr in sein Heimatdorf Frutigen erzählte der Schäfer dort aufgeregt jedem, den er traf, von dem „Adligen Boden“, den er soeben entdeckt hatte.

So erzählt man sich heute die Entdeckung jenes entfernten Tals im Berner Oberland, das auch noch anno 2013 nur aus einer Richtung zu besuchen ist. Denn Adelboden liegt am Ende einer Sackgasse, es gibt also keinen Durchgangsverkehr. Ins Tal von Adelboden gelangt man von Spiez oder Kandersteg ausschließlich auf der Hauptstraße Richtung Frutigen, die dann kurz hinter dem Stadtzentrum von Adelboden auf etwa 1.350 Metern Höhe endet.

Für Heidi oder den kleinen Hobbit

Hoch über dem heute etwa 3.500 Einwohner großen Ort befindet sich die Engstligenalp, von der das Wahrzeichen des Ortes, die fast 400 Meter hohen Engstligenfälle, ins Tal rauscht. Von dort oben hat man nicht nur einen fantastischen Blick auf die Fälle, dort taucht man auch ein in eine wunderbare Welt irgendwo zwischen Heidi, dem kleinen Hobbit und Auenland. Die Engstligenalp ist die größte Hochebene der westlichen Schweizer Alpen. Seit 1996 gehört sie zu den „Kulturlandschaften von nationaler Bedeutung“ und seit 2003 zu den „Auengebieten von nationaler Bedeutung“. Die Talebene ist ein insgesamt 14 Quadratkilometer großes Oval, umgeben von mächtigen Bergen wie dem Wildstrubel und dem Steghorn. Zwischen den weißen Riesen erstrecken sich sanfte Alpwiesen mit duftenden Blumen und Kräutern. Durch die Wiesen schlängeln sich unzählige Rinnsale und Bäche, welche die eindrucksvollen Engstligenfälle bilden. 

Auf dem hindernisfreien und flachen Rundwanderweg haben auch Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer, Familien mit Kinderwagen sowie ältere Menschen die Möglichkeit, die einmalige Natur hautnah zu erleben. Für die Verpflegung stehen das Berghotel Engstligenalp oder das Berghaus Bärtschi zur Verfügung. Oder man klopft einfach mal an einer der Sennhütten an. Mit etwas Glück werden Sie von der Sennerin begrüßt und ins gemütliche „Chucheli“ begleitet. Probieren Sie ein Stück Käse oder gönnen Sie sich einen Schluck köstliche Alpenmilch! Schauen Sie den Bauersleuten über die Schulter und seien Sie beim Herstellen des Käses mit dabei. „Besitzer“ der Engstligenalp ist eine Alpgenossenschaft von etwa 100 Bauern. Die Alp bietet von Ende Juni bis Mitte September 700 Hektar Weideland für rund 500 Stück Vieh und ihre Sennen. Der aus etwa je einem Drittel aus Kühen, Rindern und Kälbern zusammengesetzte Bestand an Simmen­taler Fleckvieh hat hier fast ungehindert freien Auslauf. Aus der Milch der Almkühe wird in Handarbeit Berner Alpkäse hergestellt. Verkauft wird praktisch nur privat oder in Adelboden. Besonders spektakulär ist jeweils der Alpaufzug im Juni, wenn 350 Kühe und Rinder auf dem Saumweg durch die Felswand bei den Engstligenfällen hinauf zur Alp ziehen.

Mystische Landschaften

Für Mystiker ist die Engstligenalp auch ein Kraftort: Ihnen zufolge soll die Bezeichnung „Engstlige“ für die Alp und den Bach auf die keltische Flussgöttin Andekingila zurückgehen, die „schnell Gehende“. Zur Zeit der Kelten galten die Quellgebiete der Flüsse als besonders krafterfüllt. Hier offenbart sich die Flussgottheit als Quellgöttin, frisch und rein wie eine junge Frau. Überall auf der Engstligenalp, aber besonders entlang der verschiedenen Bäche, bei den kleinen Tümpeln und am Fuß des Wasserfalls ist die Anwesenheit eines mystischen Wesens für all jene, die dafür offen sind, förmlich zu fühlen. Für die damaligen Bewohner der Region muss die Bergarena, in der sich das Wasser ihres heiligen Flusses sammelt, mit dem Block in der Mitte tatsächlich wie ein perfektes Naturheiligtum gewirkt haben. 

Weibliche Berggottheiten

Der lang gestreckte Wildstrubel besitzt zwei Gipfel. Nach der Naturmystik sind Berge mit zwei Gipfeln Sitz weiblicher Berggottheiten. Die Göttin des Wildstrubels blickt mit einem Auge über das Einzugsgebiet der Simme, mit dem anderen über das der Engstlige. Das Wasser seines Einzugsgebiets sammelt sich in den beiden Flüssen Simme und Kander, die kurz vor der Mündung in den Thunersee zusammenfließen. 

Ein „Lebensrad“ in Mutter Natur

Der Gipfel des Wildstrubels, der höchste Punkt der Landschaft, und der Ausfluss der Engstlige in den Wasserfall, der tiefste Punkt, bilden eine Südnordachse, an der sich die Topografie der Alp fast symmetrisch spiegelt. Genau auf dieser Achse liegt der rechteckige Lägerstein. Verbindet man den östlichsten und den westlichsten Punkt der Ebene, ergibt sich eine Linie, die im rechten Winkel zur Südnord­achse verläuft. Die Felsblöcke oberhalb dieser beiden Punkte bilden zusammen mit dem Lägerstein und dem Wasserfall die vier Himmelsrichtungen eines natürlichen, geometrisch allerdings nicht perfekten Lebensrades. Die Signatur der Landschaft weist auf einen mächtigen Kraftort, ja wahrscheinlich auf einen Kultort der Frühgeschichte hin. Oder auf einen verdammt guten Riecher einer kleinen Ziege, die ausgebüchst ist, um das Paradies zu finden.

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Feierabendidylle: Traditionelle Musik auf der Dorfstraße von Adelboden.
© Andreas Mayer

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2013

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