Sie weiß, was Fische wünschen

Eine Frau als Fischerin, die Netze einholt und Fische ausnimmt?! Ja – und was für eine! Aber wie lange wird es diesen Beruf am Bodensee noch geben?

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Fischfreunde müssen sich gedulden, nicht immer kann Heike Winder ­liefern – die Natur deckt den Tisch nach Laune.

Text & Fotos: Friederike Brauneck

Heute gibt es leider keine Räucherfelchen“ – ein handgeschriebener Zettel am Hauseingang sorgt für Enttäuschung bei den Genießern, die den typischen Fisch vom Bodensee zu schätzen wissen. Aber so ist es nun mal: Weniger Fische – und weniger Fischer. ­Heike Winder, 47, hat den Betrieb in Hagnau Mitte der 1990er Jahre von den Eltern übernommen. Auch ihr Mann ist Fischer, und manchmal arbeiten sie Hand in Hand. Eigentlich ist das kaum mehr nötig, denn die Ausbeute ist mager geworden. Der See hat inzwischen durch Kläranlagen Trinkwasserqualität. Landwirtschaftlicher Dünger und Abwässer gelangen nicht mehr hinein, Phosphate werden zu 98 Prozent (Quelle: Berufsfischer Bodensee) herausgefiltert. Klingt erst einmal gut, aber sie fehlen in der Nahrungskette für Felchen und Artgenossen. „Die Fische hungern“, sagt Heike Winder, „wenn man sie aufschneidet, haben sie nichts im Magen.“ Für sie selbst ist klar, dass ihr Beruf nur noch ein Standbein von mehreren sein kann. Ihren Töchtern könne sie diesen Job nicht empfehlen, schade um die wunderbaren Momente allein in der Natur. Abends fährt sie hinaus und legt ihre Netze aus. Am Morgen – gut eine Stunde vor Sonnenaufgang – dann wieder ab auf den See und die Netze einholen. An Land den Fang in einer Trommel entschuppen, ausnehmen, waschen, salzen, filetieren und entweder frisch oder geräuchert – mit Buchenholz, versteht sich – direkt verkaufen. Die Arbeit lohnt sich kaum, sie kann sie nur deshalb ­einigermaßen wirtschaftlich leisten, weil sie alles aus der Familie übernehmen konnte: Boot, Verarbeitungsräume. Ein Ladengeschäft will sie nicht eröffnen, denn die Kos­ten für die Neuanschaffungen wären hoch. Es reicht schon, immer alles auf dem behördlich geforderten Stand zu halten.

Gelernt vom Großvater

Für ihre Tätigkeit hat sie eine dreijährige Ausbildung zur Fischwirtin absolviert und bei Großvater und Vater schon immer mitgearbeitet. Sie weiß, was Fische brauchen und welche Art sich wo am liebsten aufhält. Etwa 35 verschiedene ­Arten gibt es hier, von denen zehn zum Verkauf geeignet sind. Die wichtigste ist noch immer der Felchen, ein forellenartiger Fisch, der von Touristen als DER Bodensee-Fisch am liebsten auf dem Teller gesehen wird, gefolgt vom Barsch oder Kretzer, Seesaibling und Seeforelle. Zu einer Plage haben sich dagegen Stichlinge entwickelt, die andere Arten geradezu verdrängen. Heike Winder ist auf diese Kerlchen, die möglicherweise von unbedachten Aquarianern im See ausgesetzt wurden, nicht gut zu sprechen: „Nicht mal Möwen fressen die, so knorrig sind die.“ Wenn sie morgens ihre Netze einholt, befreit sie jeden Fisch vorsichtig und geschickt aus den Maschen und versetzt ihm am Rand einer Kiste den kurzen ­finalen Schlag. Respekt vor jedem Lebewesen ist ihr selbst­verständlich, die Natur eine wunderbare ­Schatzkiste – das macht ihren Beruf aus. Alles ist eigentlich nur noch möglich, weil sie Ferienwohnungen vermietet, in ihrem Haus „Seeforelle“ direkt am Ufer. Und vielleicht nimmt sie mal einen Gast mit auf ihre morgendliche Ausfahrt, wenn der See glatt ist. Dann kann man verstehen, was sie antreibt, diese harte Arbeit weiter zu machen: Morgenstimmung auf dem See, ein Glücksmoment, den man für lange Zeit mitnehmen kann. Ach ja, und am Nachmittag ist dann die Reparatur der Netze dran. Wenn sie Glück hat, übernimmt ihre Mutter das für sie – es gibt ja noch reichlich Arbeit zu tun. Für die Zukunft der Seefischerei ist guter Rat teuer: Weniger Fischer und mehr Netze für den einzelnen, Phosphatmanagement, Aquakulturen? Umweltschutz funktioniert nicht im Hauruck-Verfahren, sondern durch Drehen an vielen Stellschrauben – denn viele unterschiedliche Interessen wollen bedient werden.

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Unendliche Variationen: zartes Felchenfilet mal pur mit Gemüse und Salat.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2017

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