Steiermark: Unterwegs mit Sack und Pack – und Esel

In der Südsteiermark können Urlauber Esel für Wanderungen mieten. Vor allem mit Kindern ist eine solche Tour ein großer Spaß – der Esel geht ein gemächliches Kindertempo, und die Kinder sind mit ihrem neuen „Freund“ beschäftigt.

neuer_name
Der morgendlich-neblige Ausblick in die südsteirischen Täler ist sagenhaft – Esel Emily kümmert’s wenig.
© Marden Smith

Text: Claudia Steiner

Emily spitzt die Ohren und schaut uns neugierig an. Hübsch ist sie, mit ihrem braunen Fell und den großen, braunen Augen. Sie steht angeleint vor dem Stall und scheint uns schon zu erwarten. Drei Tage werden wir mit der Eselstute wandern. Zum Kennenlernen und Beschnuppern bekommen wir einen Eimer mit trockenem Brot. Unsere vier Jahre alte Tochter Norah hält sich schüchtern an meinem Bein fest und schaut erst einmal zu. Ihr Bruder Kilian ist schon mutiger: Unser Neunjähriger legt einen Brotbrocken nach dem anderen auf seine flache Hand und füttert Emily. Dann traut sich auch Norah – und schon sind die Kinder und der Esel Freunde geworden.

Horst, Selbstversorger und Kleinbauer aus Oberhaag in der Steiermark, besitzt fünf Esel, eine kleine Ziegenherde und ein Schwein. Er erklärt uns, wie Emily „funktioniert“. „Der Esel ist ein neugieriges, aber auch ängstliches, verfressenes Herdentier“, sagt er. „Das ist das Wichtigste, was ihr über Esel wissen müsst. Emily bestimmt das Tempo. Ihr bestimmt, wann sie fressen soll. Wenn sie beide Ohren nach vorne richtet, ist sie neugierig. Wenn sie plötzlich stehen bleibt, hat sie vielleicht Angst – gebt ihr ein, zwei Minuten Zeit und sagt dann ‚komm‘.“

Packen, fertig, los!

Das klingt gar nicht so schwierig. Horst zeigt uns anschließend, wie man den Packsattel auf Emily schnallt, wie die Rucksäcke, die sie für uns trägt, festgemacht werden – und dann geht es auch schon los. Horst geht die ersten paar hundert Meter mit und zeigt uns den Einstieg in den rot-weiß-rot markierten Grenzpanoramaweg 560/03 an der österreichisch-slowenischen Grenze. Wo einst Stacheldraht und Wachtürme standen, schlängelt sich heute ein herrlicher Wanderweg. Wir laufen durch Streuobstwiesen, dichte Mischwälder, über kleine Waldwege, immer entlang der Grenze. Im Tal sehen wir Weingärten und Dörfer.

Unsere Kinder sind begeistert. „Komm Emily, komm“, rufen sie und führen den Esel abwechselnd an der Leine. Wenn Emily nicht weitergehen, sondern lieber saftiges Gras fressen mag, rufen sie sogar im Chor: „Komm Emily, komm!“ Wir sind bereits anderthalb Stunden unterwegs, als wir oben auf dem Berg die weiß getünchte Kirche St. Pongratzen erblicken. Das Gotteshaus mit dem angebauten Glockenturm befindet sich auf einer Höhe von 900 Metern und bietet einen wunderbaren Panoramablick über die Steiermark bis nach Slowenien. „Wie lange dauert es noch?“ Diese Frage, die wir bei einer Wanderung sonst nach spätestens 30 Minuten zu hören bekommen, hat bisher weder unsere Tochter noch unser Sohn gestellt.

Schnell unterwegs sind wir allerdings nicht – Emily setzt recht langsam einen Huf vor den anderen. Ja, sie ist neugierig, hört mit ihren „Radar“-Ohren die Umgebung ab. Und tatsächlich – verfressen ist sie ebenfalls. Wenn sie saftige Wiesen und Blumen sieht, verfällt sie sogar in einen leichten Trab, um ihren Appetit zu stillen. Doch es ist auch anstrengend, mit einem Esel zu laufen. Emily trägt zwar unsere Rucksäcke und ab und zu sogar Norah, aber wir müssen auch aufpassen, dass sie mit den seitlich aufgeschnallten Rucksäcken nicht an Sträuchern und Bäumen hängen bleibt, dass sie auf glatten Steinen nicht ins Rutschen kommt, dass sie nicht zu schnell den Berg heruntertrabt. Um sie bergab zu bremsen, muss ich direkt vor ihrer Nase laufen; so kann sie nicht überholen.

Striegeln und entstauben

Insgesamt acht Stunden sind wir an diesem Tag von Oberhaag bis zum Bauernhof Siebernegg (www.siebernegg.at) am Radlpass unterwegs. Am Ziel angekommen, schnallen wir den Packsattel ab, führen Emily in eine Box und geben ihr Wasser und Heu. „Gute Nacht“, rufen die Kinder und schlafen bald darauf selbst erschöpft ein. Am nächsten Morgen wollen wir ein wenig die Umgebung erkunden. Aber zuerst muss Emily gestriegelt werden. Kilian und Norah schnappen sich Bürsten und „entstauben“ Emily in der Sonne vor dem Stall. Die Eseldame scheint die Streicheleinheiten sichtlich zu genießen. Dann spazieren wir zu Maria und ihrem kleinen Bauernhof in Eibiswald. Die Rentnerin hat mehrere Esel, Ziegen und Gänse. Die Kinder dürfen Ziegen und Esel mit Brot füttern, springen zusammen mit Emily über die Wiese und sind glücklich.

Am dritten Tag geht es wieder zurück in Richtung Oberhaag. Es fängt an zu nieseln, und wir sehen immer wieder Feuersalamander auf dem Waldboden. Bei ihrem Eselfreund Felix, bei dem wir auf dem Rückweg vorbeikommen, legt Emily eine erste Pause ein. Die Tiere begrüßen sich mit begeisterten „IA“-Rufen. Eigentlich gehen Esel auf dem Heimweg immer ein bisschen schneller, hatte uns Horst gesagt. Emily nicht. Sie bleibt immer wieder stehen. Vielleicht will sie einfach noch ein bisschen länger mit uns wandern – Kilian und Norah würden Emily ja auch am liebsten behalten.

neuer_name
Bevor es gen Wald und Wiese geht, helfen die Kinder wanderlust-Redakteurin Claudia Steiner gerne beim Striegeln.
© Marden Smith

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 06 / 2013

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat

Events

Zur Zeit liegen keine Events vor …