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Tessin: Auf Achse mit 007

Wer alles will, ist hier richtig: Das Tessin steht für Glamour und edlen Schick ebenso wie für raue, unberührte Natur. So eindrucksvoll, dass es immer wieder als dramatisch-schöne Filmkulisse dient. Eine Reise ins Tessin ist viel mehr als See und Sonnenschein …

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Grün: Quarz lässt das Wasser im Valle Verzasca smaragdfarben leuchten. Der Fluss führt zur 220 Meter hohen Staumauer des Lago di Vogorno (nächste Seite).
© Friederike Brauneck

Text & Fotos: Friederike Brauneck

Ist das Tessin eine Illusion, die die Tourismusbranche für die Sehnsüchte der Nordländer geschaffen hat? Sind Palmen, Oliven und Kamelien nur malerische Filmkulisse für uns, die wir mit dem Blick auf Italien die Alpen überqueren und bereits dort, am südlichen Rand der Felsenbarriere, auf das Land treffen wollen, wo die Zitronen blühen? Manch ein Einheimischer empfindet das wohl so. Denn mit dem Durchbruch des Tunnels durch den Gotthard 1882 wurde den Reisenden sprichwörtlich Tür und Tor geöffnet – und sie sollten bekommen, was sie erwarteten: fröhliche Südländer, die mit einer Mandoline zum Tanz aufspielten. Alles nur Marketing und Maskerade?

Nicht immer Sonnenseite

Das Tessin besteht nicht nur aus Seen wie dem Lago Maggiore, an dem der Frühling früher einkehrt und die Temperaturen im Sommer südeuropäische Dimensionen erreichen. Hier an den Seeufern hat es bereits in den letzten Jahrhunderten prachtvolle Anwesen von Adligen und Wohlhabenden gegeben, die diesen wunderbaren Flecken zur Flucht vor der Sommerhitze der italienischen Städte nutzten.

Von diesen Sommerresidenzen profitierten nur wenige Tessiner als Bedienstete und Handwerker. Das Gros der Menschen jener Zeit lebte in den Bergen – in größter Armut. Ziegen lieferten Käse, Milch und Fleisch, und um ihr Wohlergehen drehte sich der Alltag der Familien – im Sommer oben auf den Alpen, damit die Tiere reichlich zu fressen hatten, im Winter weiter unten in den Tälern im Kampf mit monatelangem Schnee und Eis. Um das Auskommen zu verbessern, mussten viele Familien noch im 19. Jahrhundert ihre Söhne im Kindesalter nach Mailand und in andere Großstädte Italiens schicken. Hier wurden sie, schmal und schmächtig wie sie waren, als Kaminfeger – als Spazzacamini – eingesetzt. Viele von ihnen, die unterernährt und unter armseligen Umständen ihr Dasein fris­teten, starben jung. Der Jugendroman „Die schwarzen Brüder“ von Lisa Tetzner aus dem Jahr 1940 erinnert daran. Eine aktuelle, gleichnamige Verfilmung unter der Regie von Oscar-Preisträger Xavier ­Koller mit den Schauspielern Moritz Bleibtreu und Richy Müller wurde an Originalschauplätzen im Verzascatal gedreht und kommt im März 2014 in die deutschen Kinos.

Schön und rau

Diese Geschehnisse sind noch heute ein Trauma in der Tessiner Seele, das inzwischen Beachtung und Verarbeitung findet. Wer zum Wandern in das wunderschöne und ursprüngliche Verzascatal oberhalb des Lago Maggiore kommt, kann im Museum in Sonogno das harte Leben jener Zeit erfahren. Sonogno ist der letzte Ort im Tal – von hier aus geht es nur noch zu Fuß hoch hinaus in die Berge wie zum Beispiel auf den Monte Zucchero. Oder aber den Bachlauf hinunter Richtung Talsperre am Lago di Vogorno. Von deren gigantischer Staumauer riskierte 1995 Pierce Brosnan alias James Bond einen rasanten Sprung für den Film „GoldenEye“. Oder war es ein Stuntman, der sich für die Anfangsszene die 220 Meter hohe Mauer hinunterstürzte? Wer Lust auf Nervenkitzel hat, kann sich immerhin mit einem Bungee-Sprung einen Moment lang wie „Agent 007“ fühlen. Aus welcher Perspektive man auch immer auf dieses herrliche Tal schaut, der Name ­Verzasca hält, was er verspricht: Verde Aqua – grünes Wasser. Der Bachlauf schimmert smaragdgrün und rauscht über ausgewaschene Felsen in schäumenden Wasserfällen talwärts. Denn der tiefste Punkt im Tessin ist der Lago Maggiore, und in diesen See fließt all das Wasser aus dem darum herumliegenden Alpenkamm.

Wandel und Tradition

Und dort „unten“ nahm die Zeit schneller Einfluss. Nicht nur die Seebrise Tramontana, sondern auch ein im übertragenen Sinne frischer Wind wehte vom Monte Veritá, auch Berg der Utopien oder Wahrheitsberg genannt, ins beschauliche Dorf Ascona. Anfang des 20. Jahrhunderts entstand hier ein Anlaufpunkt für Intellektuelle und (Lebens-)Künstler wie Leo Trotzki, Ernst Bloch oder Hermann Hesse, die unerhört umstürzlerisches Gedankengut wie „Pazifismus“, „Anthroposophie“ und „gesellschaftspolitisches Umdenken“ diskutierten. Für damalige Zeiten seltsame Ideen wurden entwickelt – und gelebt: freie Liebe, Vegetarismus, Ausdruckstanz bis hin zum Nacktduschen in der freien Natur – um nur einige der „skandalösen“ Praktiken jener Lebensreformer zu nennen. Die spartanischen Einrichtungen sind noch heute im herrlichen Park zu bestaunen, neben dem Teepavillon mit Plantage und farbenprächtigen Kamelien. Das Museum ist leider wegen Renovierung geschlossen, aber ein modernes Kultur- und Kongresszentrum mit Veranstaltungen, Restaurant und Hotel bietet einen spannenden Ausflug in eine andere Gedankenwelt. Und nicht zuletzt der schöne Blick auf Landschaft und See laden an dieser Stelle unbedingt zum Verweilen ein.

Geist und Gastlichkeit

Wenn der Geldbeutel es erlaubt, fällt die Qual der Wahl zwischen diversen Fünf-Sterne-Hotels schwer, die alle auf unaufdringliche, sehr spezielle Weise den Gast mit höchstem Komfort und individueller Fürsorglichkeit beglücken. Häuser wie „Castello del Sole“, „Eden Roc“ oder „Giardino“ bieten Gesamtkunstwerke in der Innenarchitektur, erfüllen höchste Ansprüche in der Gaumen-Glückseligkeit und verwöhnen das Auge mit traumhaften Gartenanlagen direkt am See, die den Gast mit privaten Badestränden locken – bis hin zum Anlegeplatz für das eigene Boot, falls gewünscht. Dafür können die Preise dann schon mal vom drei- bis in den vierstelligen Bereich steigen.

Die Mischung macht’s

Aber es müssen ja nicht gleich fünf Sterne sein, um dem Geschmack Tessins auf die Spur zu kommen. Wer hier durch kleine Dörfer wandert und vielleicht in einem typischen Grotto (siehe Kasten unten) Rast macht, ist nah dran am eigentlichen Zauber.

Was ist nun also das Tessin? Italien, Schweiz, ursprünglich oder glamourös? Es ist eine eigene, wunderbare Melange, die einen Wandel erlebt hat, ohne das Charakteristische zu verlieren. Fahren Sie doch einfach hin und probieren Sie aus, welche Facette Ihnen am besten gefällt …

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Blau in allen Tönen: Von Locarno aus kann man herrlich in See stechen und die Natur genießen.
© Friederike Brauneck

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2014

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