Verrückte Fischwelt

Im Ozeaneum Stralsund oder im Multimar Wattforum Tönning trifft man allerlei Kuriositäten aus unseren heimischen Meeren: Knurrende Hähne, Hermaphroditen und Männer, die Kinder zur Welt bringen.

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Tänzerinnen der Meere: Wer hätte den am Strand eher mit „iih, wie glitschig“ herabgewürdigten Ohrenquallen solch eine Eleganz zugetraut?
© Beate Wand

Text & Fotos: Beate Wand

Ein ausrangiertes Fahrrad, Eichenpfähle, ein rostiger Einkaufswagen und ein paar alte Fässer ruhen im Wasser. Schuppige, Schillernde und Schlängelnde gleiten lautlos und unermüdlich immer drumherum. Über den Sand am Grund krabbelt ein Krebs. Von oben tauchen Besucher allmählich in die Unterwasserwelt ein – die Treppe des Ozeaneums hinabsteigend, bis sie schließlich auf Augenhöhe mit den Fischen vor der Nachbildung des Stralsunder Hafenbeckens stehen. Das Fahrrad zog man vor über 30 Jahren aus dem echten Hafen der Hansestadt. Im Ozeaneum tauchen die Wesen ins geschickt gesetzte Rampenlicht, die sich sonst unter der Wasseroberfläche unseren Blicken entziehen. Den meisten von uns begegnen sie höchstens als Filet auf dem Teller: die Bewohner unserer Meere!

Mit Nord- und Ostsee haben wir ja gleich zwei davon. Unter ihren Wellen verbergen sie schützenswerte und ganz unterschiedliche Lebensräume. Refugien für Fische, aber auch für Krebse, Muscheln, Quallen, Kraken, Korallen, Algen und leider auch für Plastikmüll. Sogar Hummer leben vor der Hochseeinsel Helgoland. Wie auch an Land suchen sich die verschiedenen Arten ihr passendes, behütendes Zuhause: Seepferdchen tummeln sich gern auf Seegraswiesen. Plattfische wie Scholle, Flunder und Butt tarnen sich perfekt auf sandigem Meeresgrund. Heringe schwärmen in der offenen, weiten See, wo sie im Sonnenlicht glitzernd den Fressfeind verwirren. Es braucht also ganz verschiedene Aquarien, möbliert nach dem Vorbild unterschiedlichster Nischen im Meer, um die Vielfalt der Unterwasserwelt vorzuführen. Neben dem Hafenbecken zeigt das Stralsunder Ozeaneum Ostseelebensräume wie Bodden, Kreideküste und Flussmündungen. Auch das Multimar Wattforum im schleswig-holsteinischen Tönning gruppiert die Bewohner in Becken, die Miesmuschelbänken, Seegraswiesen, Sandgrund und Felswänden ähneln.

Unterwasser-Wohnzimmer

Rund 230 Fischarten schwimmen durch die Nordsee, darunter auch zehn Rochen und acht Haispezies. Keine Angst, die für uns harmlosen Räuber müssen sich eher vor dem Menschen fürchten, der ihren Bestand gefährdet: Viele Haie verenden als Beifang in Fangnetzen. Überfischung bedroht auch etliche der Speisefische wie Hering und Kabeljau. Sie kommen in beiden unserer Meere vor, doch in der salzärmeren Ostsee fühlen sich auch typische Süßwasserfische wie Barsche und Hechte wohl. Besonders in den Bodden. Nehrungen, schmale Sandstreifen, schirmen die flachen Lagunen von der offenen Ostsee ab. Über die schmalen Nahtstellen geht der Wasseraustausch nur schlecht vonstatten. Flüsse schwemmen Süßwasser, Sedimente und Nährstoffe in die Bodden. So streifen Brassen mit ihrem kritischen Blick durch das Boddenbecken im Ozeaneum. Am Boden starren die dunklen Glupschaugen der platten Flunder wie Kiesel aus dem Sandboden, mit dem ihr in Stein- und Muschelfarben besprenkelter heller Körper zu einer Einheit verschmilzt. Dagegen sticht die gelblich schimmernde Schwarzgrundel mit bulligem Kopf und langgestrecktem, zylin­drischem Körper richtig ins Auge, wenn sie es sich auf dem Grund gemütlich macht.

Ein Fisch zieht um

Auch im groben Kreidegrus vor den Kreidefelsen tarnt sich jemand perfekt: der platte Steinbutt. Hebt er mal ab, schwebt er wie ein Ufo knapp oberhalb des Bodens. Über ihm ziehen dralle Dorsche ihre Bahnen und noch eine Etage höher liegt der Hornhecht mit langgezogenem Schnabel wie ein Pfeil im Wasser. Den geschätzten Speisefisch durchziehen grüne Gräten. Gefärbt von einem Farbstoff, der beim Abbau des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin entsteht – wie ein blauer Fleck, der sich langsam grün färbt.

An Flussmündungen mischt sich Süßwasser mit dem Brackwasser der Ostsee. Auch unter der Oberfläche herrscht an solchen Stellen reger Verkehr: Aale wandern vom Ozean die Flüsse hinauf und kehren nur zum Laichen ins Meer zurück. Stör, Meerforelle und Lachs zieht es umgekehrt als Jungfische in die große, weite Welt hinaus. Auch der „älteste Mitarbeiter“ des Meeresmuseums, wie der urtümliche Waxdick oder Russische Stör liebevoll genannt wird, kreist in diesem Becken zwischen seinen mittlerweile in der Ostsee ausgestorbenen Verwandten aus dem Atlantik. Sie sollen nun im größten Brackwassermeer der Erde wieder eingebürgert werden. Der Waxdick, der eigentlich im Kaspi­schen oder Schwarzen Meer lebt, landete 1968 erst im Netz eines Fischers und dann im Meeresmuseum. Der Umzug des empfindlichen, betagten Herrn mit der auffälligen Musterung ins Ozeaneum glückte. Nun kann er hier seine Rente genießen. Störe können über 100 Jahre alt werden!

Schillernde Schönheit

Dem Namen nach stecken etliche Landbewohner in unseren Meeren: Seehase, Seepferdchen, Seeskorpion, Seewolf, Wolfsbarsch, Schweinswal, Katzenhai, Knurrhahn und Kuckuckslippfisch. Letzterer stellte die Mitarbeiter des Multimar Wattforums in Tönning vor ein großes Rätsel. Eines Tages glänzte im Helgoländer Becken ein majestätischer Fisch. Sein Körper war überzogen von einem kunstvollen, leuchtend blauen Muster. Wie war dieser Fisch in das Becken geraten? Nationalpark-Rangerin Irina Lück erzählt, dass Kollegen aus Schottland damals auf ihre versendeten Fotos hin aufklärten: Er ist ein Hermaphrodit. Nach sieben bis dreizehn Jahren verwandelt sich ein dominantes Weibchen in ein Männchen, wächst und überzieht die rötliche Haut mit dem auffälligen Prachtkleid. Gleichzeitig produziert es stinkende Hormone, um zu verhindern, dass ein anderes Weibchen nachfolgt.

Papa gebärt

Auf der Seegraswiese im Becken nebenan treiben umgekehrt männliche Seepferdchen die Emanzipation von ihrer Geschlechterrolle auf die Spitze. „Sie sind alle schwanger“, freut sich Biologin Lück mit ihnen. Darum klammern sie sich möglichst energiesparend mit ihrem Schwanz an die grünen Halme und schwenken träge in der Strömung herum. „Sie bezirzt ihn mit Klicklauten, beim Flirten hakeln ihre Schwänze wie kleine Finger ineinander und die beiden tanzen“, beschreibt Irina Lück die Paarung. „Durch Reiben setzen sie Hormone frei. Er wird orange und türkis und zittert. Wenn er bereit ist, zeigt sich eine farblose Linie am Bauch. Mama bekommt einen dicken Nabel, stopft ihm ihre Eier in eine känguruhähnliche Bruttasche und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.“ Nach dreieinhalb Monaten des Brütens schleudert Papa dann kleine Mini-Seepferdchen aus einer schmalen Öffnung am Bauch.

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Vaterliebe: Bei Seepferdchen so groß, dass Väter die Jungen ausbrüten.
© Beate Wand

Das „Gebären“ hat der wahnsinnig aufgepumpte Knurrhahn in Gefangenschaft wohl verlernt. „Nach dem Wochenende werden wir ihm helfen. In einem sterilen Becken entnehmen wir ihm die Eier“, weiß Rangerin Lück um die Prozedur. Er schwimmt oben im Becken umher. Dabei wohnt er eigentlich am Boden. Er hat ungewöhnliche Fähigkeiten: Nicht nur, dass er knurrende und grunzenden Laute ausstößt. Er kann sogar laufen! Die unteren Strahlen seiner Brustflossen hat er zu Tastorganen umfunktioniert, mit denen er ein paar Schritte über den Meeresgrund trippelt. wer hätte das gedacht: Auch unter Fischen wird Wandern wohl immer beliebter!

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2015

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