Wandernd zum Abitur

Wer sagt, die Jugend wandere nicht gern? Ein Würzburger Gymnasium wagte ein erstaunliches­ Experiment, bei dem die Schüler ganz auf sich gestellt waren: Fünf Zehntklässler begaben sich ­freiwillig zehn Tage lang auf Wanderschaft durch die Fränkische Schweiz und lernten dabei sich selbst und das Leben draußen kennen. Ob sie die Wanderlust gepackt hat?

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Essen in der Natur schmeckt selbst gekocht am Besten.
© Monika Neiheisser

Text und Fotos: Monika Neiheisser

Tabea liest die Zubereitungsanleitung auf der Nudeltüte laut vor: „Kochzeit: acht bis zehn Minuten.“ Dann stockt sie und ruft: „Oh Mist, wir haben kein Salz und keine Gewürze dabei!“ Leon sieht’s gelassen: „Das schmeckt­ trotzdem“, versichert er und stoppt die Zeit mit seiner Uhr. Gemeinsam sitzen sie mit Moritz und David um den Gaskocher herum, den sie vor dem Naturdenkmal Klauskirche, einer Höhle in der Fränkischen Schweiz, auf dem Boden platziert haben. Rebecca schneidet mit dem Taschenmesser Schinkenscheiben in kleine Quadrate. Später schreibt Tabea in ihr Tagebuch: „Schinkennudeln in der Natur schmecken noch viel besser, wenn man sie selbst gekocht hat.“ Zu gerne würde sie ein Foto ihres leckeren Nudeltellers mit dem Kommentar „proud“ posten, doch das Smartphone musste zu Hause bleiben. David und Leon spülen Teller, Besteck und Töpfe im Schein der Stirnlampe, mit ein paar Schlucken Wasser und Küchenpapier. Fröstelnd kriechen sie nach ihrer ersten selbst zubereiteten Wildnismahlzeit in die wärmenden Schlafsäcke, die sie in der Höhle ausgerollt haben. Doch hier liegen sie nicht alleine. Plötzlich schreit Moritz: „Fledermäuse!“, und leuchtet mit der Taschenlampe auf die schwarzen Krea­turen, die mit ihren weit ausgebreiteten Schwingen im sanften Licht des Vollmonds ein und aus fliegen. Die Wanderer sind in Aufruhr und finden nur wenig Schlaf. Die schmatzenden Geräusche der Höhlenbewohner, die kopfüber von der Decke hängen, halten die jungen Abenteurer noch lange wach. Zu groß sind die Ängste vor der dunklen Ungewissheit in der 37 Meter langen, tunnelartigen Durchgangshöhle.

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Mit einem guten Schlafsack ist eine Nacht in der Höhle ganz gemütlich, trotz ­Fledermäusen.
© Monika Neiheisser

Entscheidungen selbst treffen

Kinder und Jugendliche gelten heute oft als verwöhnt und überbehütet. Was wirklich in ihnen steckt, konnten 16 Zehntklässler des Deutschhaus-Gymnasiums in Würzburg bei dem Schulprojekt „Herausforderung“ zeigen. In selbst gebildeten Kleingruppen sollten sich die Schüler zehn Tage lang einer Unternehmung stellen, die für sie eine persönliche Herausforderung darstellte. Ob eine Radtour zum Bodensee, Mitarbeit auf dem Bauernhof oder Hilfe bei einer archäologischen Ausgrabung, alle Projekte mussten ohne Eltern organisiert und durchgeführt werden. Ein ganz besonderes Abenteuer erlebte eine Gruppe während ihrer Wanderung durch die Fränkische Schweiz. Dabei legten die Kinder 150 Kilometer von Obertrubach nach Coburg zurück, größtenteils auf dem Frankenweg. Er gilt als einer der schönsten und abwechslungsreichsten Fernwanderwege Deutschlands, lockt mit bizarren Felsformationen, geheimnisvollen Höhlen und der grünen Wildnis des Frankenwaldes. Begleitet wurden die Schüler und Schülerinnen von einer erwachsenen Betreuerin, die lediglich in Notsituationen eingreifen durfte, ansonsten mussten sie alle Entscheidungen selbst treffen. Pro Schüler standen 90 Euro für Essen, Unterkunft und Bahnfahrt zur Verfügung. ­Mehrkosten mussten über Sponsoren abgedeckt werden. Hier bekamen die Schüler Unterstützung von Deuter, Helsport, Kleen Canteen, LifeStraw, Maier Sports, MSR, Ortovox, Silva, UCO, Sonnenhof Wolf in Engelhardsberg und der Pension Braustübel in Loffeld. Handynutzung war nur im Notfall erlaubt und das Mitführen von elektronischen Unterhaltungsmedien untersagt. Gaskocher, Schlafsack, Isomatte und Tipi lasten neben Wechselkleidung, Essen und Wasser schwer auf den Schultern der Schüler. Zwischen zehn und 18 Kilogramm schleppt jeder, je nach körperlicher Konstitution.

Angst vor Spinnen

Doch die Herausforderung liegt nicht nur im Körperlichen. Zehn Tage lang 24 Stunden miteinander auskommen, Ängste vor Spinnen, Dunkelheit und Enge überwinden, Entscheidungen ausdiskutieren und gemeinsam treffen und kein Kontakt zu den Eltern, wiegen mindestens ebenso schwer. Nach der halb durchwachten Nacht herrscht Morgenmuffelstimmung, und dann erklärt Leon auch noch, dass der heutige Weg doppelt so lang ist, wie der gestrige. 15 Kilometer führen über mehrere Steigungen zur Felsenstadt Pottenstein im Landkreis Bayreuth. Doch zunächst geht’s mit einem Schlenker über den Friedhof, zum Auffüllen der Trinkflaschen, und in den Supermarkt. Hier herrscht Demokratie, und Tabea diskutiert eifrig mit Leon: billige Bananen oder lieber biologische, leichte Nudeln oder schwere, aber leckere Maultaschen, gesundes Vollkornbrot oder Brötchen? Rebecca findet die leichte Salami am praktischsten, und David will als Vegetarier am liebsten ganz wurstfrei einkaufen. Die ersten Kilometer durch saftigen Buchenwald, Heckenlandschaft und pittoreske Dörfer verfliegen bei Gesprächen über Schule, Ausgehzeiten und gemeinsame Unternehmungen. Doch der Nachmittag ist kräftezehrend. Bei einem längeren Anstieg durch den Wald versiegen die Gespräche. Balletttänzerin ­Tabea und Reiterin ­Rebecca drückt das Gewicht auf den Schultern, die Fußballen schmerzen, und dann geht es auch noch bergauf. David, den Schwarzgurtträger im Taekwondo, schmerzt der ganze Körper. Oben angekommen wirft Tabea als erste ihren Rucksack keuchend ins Gras­ und sagt erleichtert: „Bin ich froh, dass wir die erst geplante Alpenüberquerung nicht machen.“ Alle stimmen nickend zu. Leon will nicht mehr weiter, doch Tabea, die die Mutterrolle übernimmt, animiert ihn: „Mit jedem Schritt näherst Du Dich Deinem Ziel Coburg.“ Bald leuchten die Felsen von ­Pottenstein, auf denen die Häuser wie ­Adlerhorste kleben, rot im Abendlicht. Das ist der Moment, in dem Moritz die Freude am Wandern entdeckt. Übersetzt er doch sonst lieber englischsprachige Spielfilme, anstatt sich draußen zu bewegen.

Kochen unter freiem Himmel

Die größte, ständig wiederkehrende Heraus­forderung ist jedoch das Auffinden des richtigen Weges. Immer wieder stecken die Jugendlichen die Köpfe über der Karte zusammen, oder Leon, Tabea und David wechseln sich beim Karten­lesen ab, bis Leon entscheidet: „Tabea, Du bist gut in Deutsch, darum führst Du das Tagebuch. Ich kann gut dreidimensional denken, also lese ich lieber die Karte, da verlaufen wir uns weniger.“ Die Abläufe ritualisieren sich mit Pausen unterm Apfelbaum, Wandern in der Natur und Kochen unter freiem Himmel. Trotzdem kämpft Moritz mit der täglichen Ungewissheit und der Umstellung von Gewohnheiten, bis er am vierten Tag aufgibt. Jetzt muss jeder noch etwas mehr tragen. Am sechsten Tag quälen sich alle nur noch vorwärts. Rebecca hat mit 17 kg Rucksackgewicht die Grenze ihre Belastbarkeit überschritten und gibt zwei Kilo an die Gruppe ab. Nach 18 ermüden­den Kilometern mit diversen Verlaufrunden bei Heroldstein ist der Tag noch lange nicht zu Ende. Viel mehr warten die nächsten Herausforderungen auf die Wanderjugend: Wo können sie das Tipi aufschlagen, das sie während der ganzen Tour, auf mehrere Rucksäcke verteilt, mitschleppen, und die Wasserflaschen sind auch leer. Erst bei Dämmerung findet sich ein geschützter Platz am Ortsrand von Zeckendorf. Dann ist Teamwork angesagt. In 15 Minuten steht die mobile Unterkunft, und die Gaskocher können angeschmissen werden, während sich die Dunkelheit über den einsamen Feldern breitmacht. Alle freuen sich auf die Maultaschen, die im Supermarkt gesiegt und so den Weg in den Rucksack geschafft haben. Nach wenigen Minuten versiegen die Flammen, und große Enttäuschung begräbt die Freude. Wortlos und ohne zu Murren füllen die Hungrigen ihre Bäuche mit der halb warmen Mahlzeit und kuscheln sich dann todmüde und satt in ihre warmen Schlafsäcke, ohne zu spülen.

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Kartenstudium: Nicht immer ist die Beschilderung wirklich eindeutig.
© Monika Neiheisser

Blasen an den Füßen, aber glücklich

Der nächste Morgen beginnt mit kaltem Wasser und Müsli, ohne Tee und den geliebten Porridge, der ein köstlicher Start in den Tag gewesen wäre, der aber die Flammen erlöschen ließ. Denn keiner hat diesen Energieaufwand bei der Kalkula­tion der Gaskartuschen berücksichtigt. Von nun an bleibt die Küche kalt. So fiebern alle dem Abend in der Pension Bräustübl in Loffeld entgegen. Als Tabea ihr Zimmer betritt, das sie sich mit Rebecca teilt, jubelt sie: „Wow, wie das hier nach frischer Bettwäsche duftet, einfach Spitze!“ Leon fallen beim Abendessen fast die Augen ins Essen, als er den riesigen Teller mit Pommes und einem Schnitzel mit rekordverdächtiger Größe sieht. Mit dieser Kraftbombe geht der Abend bei Kartenspiel und Gelächter bis tief in die Nacht. Morgen ist Ruhetag – den haben sie sich verdient. Alle können auftanken. Die letzten drei Wandertage vergehen wie im Flug, mit Gesprächen über Glauben und Zukunft auf dem Pilgerweg durch den Wald zum Kloster Banz, an dem gerade eine CSU-Klausurtagung stattfindet. Am zehnten Tag erreichen die vier als zusammengeschweißte Gruppe­ Coburg. Die erwarteten Spannungen sind ausgeblieben, körperlich haben alle, trotz Blasen an den Füßen und Muskelkater, prima durchgehalten und sind an der Herausforderung gewachsen: Sie haben gelernt, selbstständig für sich zu sorgen, haben erkannt, dass man nicht täglich ein warmes Essen braucht und fließendes Wasser nicht selbstverständlich ist. Und sie haben entdeckt, dass Zusammenleben am besten funktioniert, wenn jeder seine feste Aufgabe hat. Doch zunächst freuen sich alle auf die Dusche und ein weiches Bett.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 04 / 2016

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