Westerwald: Auf den Spuren von Dippe und Kannen

In der Kulturlandschaft Kannenbäckerland dreht sich alles um Keramik. Die Region beginnt westlich von Montabaur und erstreckt sich über den südlichen Westerwald bis hin zum Mittelrhein. Ein Besuch der etlichen kleinen Manufakturen lässt sich ideal mit einer Wanderung durch das Brexbachtal, Geschichte und kulinarischen Genüssen verknüpfen.

Text: Julia Schay-Beneke

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Der Brexbach: Wildromantisch und unberührt, verspricht er eine Wanderung fernab von Trubel und Hektik.
© Westerwald Touristik-Service/Dominik Ketz

Der Name Kannenbäckerland klingt nach früher. Er klingt nach alten Brennöfen, die die dazugehörigen Werkstätten mit Rauch einhüllten, und nach Handwerkern, die in mühevoller Kleinarbeit Gefäße formten und glasierten. In der Tat erhielt die Region rund um die Orte Wirges, Ransbach-Baumbach und Höhr-Grenzhausen ihren Namen bereits im 18. Jahrhundert. „­Dippe“ (Töpfe) und „Kannen“ (Krüge) waren schon damals die Haupterzeugnisse, die ältesten Fundstücke sind schätzungsweise sogar 2.700 Jahre alt. Das kommt nicht von ­ungefähr: Bis heute ist hier – nur jeweils 90 Kilometer von Köln und Frankfurt entfernt – das reichste Tonvorkommen Europas zu finden, was zu einer einzigartigen keramischen Kultur geführt hat. Zahlreiche Museen und Ausstellungen entlang der Kannenbäckerstraße erzählen die Geschichte des sogenannten weißen Goldes, das die Gegend bis heute nachhaltig prägt und einzigartig Tradition mit Moderne verbindet. So reiht sich vor allem in Höhr-Grenzhausen eine Keramikwerkstatt an die nächste, häufig sieht man die typischen weißen, grau-blauen oder braunen salzglasierten Produkte sowie künstlerische Projekte. Hier gibt es nichts, was man nicht aus Keramik herstellen könnte: Geschirr, Gartenbedarf, Waschbecken, Tierplastiken, Kamine und Schmuck. Der „Höhrer Hocker“ zieht sich thematisch durch den ganzen Ort: Aus zwei verschiedenen tönernen Hockerformen gestalten die beteiligten Ateliers die Oberfläche individuell mit verschiedenen Dekoren. Auf eine Zeitreise im Zeitraffer kann man sich in Europas größtem Keramikmuseum begeben: Vier Ebenen und 2.500 Quadratmeter Ausstellungsfläche bieten die Geschichte der Keramik, Jugendstil, Stilrichtungen der Nachkriegszeit und gegenwärtige Stücke. Modellöfen und Werkzeuge vermitteln ­einen Einblick in den Schaffensprozess.

Von Höhr-Grenzhausen sind es nur knappe drei Kilometer bis zum Örtchen Grenzau. Hier zeigt sich das Kannenbäckerland von einer ganz anderen Seite: Das Stadtbild wird bestimmt von malerischen Fachwerkhäusern, die wiederum von der rund 800 Jahre alten Burg bewacht werden. Einst von Heinrich I. von Isenburg ­erbaut, besitzt sie bis heute den einzigen dreieckigen Bergfried Deutschlands. Sie bietet einen weiten Ausblick über die Hügel des Westerwaldes, das Innere der Burganlage kann aber nur zu bestimmten Zeiten ­besichtigt werden. Direkt zu ihren Füßen verengt sich das Brexbachtal zu ­einer engen Schlucht, die man mit einer abwechslungsreichen und anspruchsvollen Wanderung auf 16,4 Kilometern erkunden kann. Der zertifizierte Premiumwanderweg „Wäller Tour“ wurde erst in diesem Jahr eröffnet und führt durch idyllische Wälder, vorbei am sprudelnden Brexbach und überrascht immer wieder mit plötzlichen Landschaftswechseln. Ausgangs- und Endpunkt ist die Burg Grenzau. Von hier geht es auf steilen und schmalen Serpentinen hinab ins Tal, wo man zunächst für einige Kilometer dem Verlauf des Baches folgt. Der Aufstieg zum Teufelsberg erfordert eine gewisse Kondition, belohnt aber mit einer spektakulären Aussicht bis ins Siebengebirge. Kontrastreich folgen idyllische Auen und die tief eingeschnittene Schlucht. Die Gleise der Brexbachtalbahn werden gekreuzt, der Weg führt immer wieder unter den Viadukten hindurch.

Kräuter für den Gaumen

Auf der Wanderung entdeckt man vielleicht schon das ein oder andere Wildkraut. Diese kann man kulinarisch bei einem der „Kräuterwind“-Wirte in den Orten des Kannenbäckerlandes ausprobieren. Die Restaurants, Landgasthäuser und Hotels aus dem gesamten Westerwald, die sich dem Netzwerk „Kräuterwind“ angeschlossen haben, wählen zwischen April und Dezember jeden Monat ein anderes Küchenkraut aus und zaubern mit diesem einen Leckerbissen. Und nicht nur die Kräuter, auch fast alle anderen Produkte stammen aus der Region; dazu gehören Erzeugnisse der hiesigen Landmetzgereien sowie Obst und Gemüse aus nahem Anbau. Konsequenterweise ­haben sich deshalb auch Gärten, Kaufläden und Manufakturen „Kräuterwind“ angeschlossen. Über 40 Gärten laden auf der Kräuterwind-Gartenroute zu Kräuterpfaden, biologisch geführten Nutzgärten und Keramikgärten ein. Im Kannenbäckerland bietet der Blick hinter den Gartenzaun u. a. die nächste Geschichtsstunde: So liegt in Hillscheid ein 800 Quadratmeter großer römischer Nutzgarten, direkt am römischen Grenzwall ­Limes. 2005 wurde dieser his­torische Standort in die UNESCO-Welterbe­liste aufgenommen.

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Die typischen salzglasierten Keramik-Produkte.
© Westerwald Touristik-Service/Dominik Ketz

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2013

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