Zell am See: Kunst am Berg

Auf der Schmittenhöhe im österreichischen Zell am See sorgen knapp 30 Skulpturen in 2.000 Meter Höhe bei Wanderern für ­begeisterte Aha-Effekte. Das Projekt soll den Einfluss des ­Menschen auf die Natur darstellen – und den Betrachter umgekehrt zu einem sanfteren Umgang mit dieser anregen.

Text: Alexa Christ

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Monument in der Natur: Die „Lebensbäume“ der Südtiroler Künstlerin Erika Inger sollen eine Verbindung von Kunst, Mensch und Natur darstellen.
© Erika Inger

Zugegeben: Man muss es schon wissen. Dass da was ist, da oben in der mächtigen Buche. Sonst würde man seinen Blick wahrscheinlich gar nicht gen Baumkrone heben. Andererseits lädt die Schmittenhöhe, Österreichs vielleicht schönster Aussichtsberg, ohnehin dazu ein, die Augen auf Telemodus einzustellen. Dann entdeckt man nämlich wie von selbst zwei überdimensionierte, bunt bemalte Keramiktassen im nostalgischen Oma-Look, die sich auf wundersame Weise in die Äste besagter Buche schmiegen – so als hätte J. R. R. Tolkien für ein paar riesenhafte Bergtrolle die Kaffeetafel gedeckt.

Urheberin des ungewöhnlichen Baumschmucks ist aber kein Fantasy-Autor, sondern die ­katalanische Künstlerin Matilde Grau. Im Juni 2012 hat sie am fünften Kunstsymposium der Gemeinde Zell am See teilgenommen. Zuvor ließ sie ihren Ofen in Barcelona auf rund 1.250 Grad heißlaufen, um die beiden mit sonnigen Blumen bemalten Steingut-Tassen zwei Mal zu brennen. Danach hieß es nur noch: In den Baum und festzurren. Und die Aussage hinter dieser märchenhaft anmutenden Installation? Für Dr. Erich Egger, Leiter des Kunstprojekts auf der Schmittenhöhe, ganz einfach: „Der Mensch setzt sich überall in die Natur hinein – mit Restaurants, Sesselliften oder Seilbahnen. Also setzt sich Matilde Grau mit Tassen in einen Baum.“ Noch Fragen?

Skulpturen als Vermittler

1995 hatte der Kulturstadtrat Peter Lumpi die Idee, Landschafts- und Kunstgenuss miteinander zu verbinden. Kurz darauf fand ein Symposium statt, die ersten Skulpturen entstanden – ­damals noch ausschließlich aus Holz. Als gäbe es auf der Schmittenhöhe mit ihrem Ausblick auf über 30 Dreitausender-Gipfel und den Zeller See nicht ohnehin genug zu gucken, können Wanderer mittlerweile an die 30 Kunstwerke bestaunen. Eine der größten Freilichtgalerien Europas ist hier entstanden. Der (gestörte) Dialog von Mensch und Natur ist das verbindende Thema.

Die Südtirolerin Erika Inger ist der Einladung der Schmittenhöhe bereits drei Mal gefolgt. An der Talstation der Schmittenhöhe-Bahn hat sie erst im vergangenen Jahr mit ihrem Kärntner Kollegen Wolfgang Wohlfahrt den „Seilbrunnen“ geschaffen. Dazu durchstöberte die Künstlerin die Lager der Bahn und wurde prompt fündig. Alte Stahlseile der Seilbahn lagen dort massenhaft rum. Damit musste sich doch etwas anfangen lassen! Und ob. Mit dem ungenutzten Material wurde der „Seilbrunnen“ geschaffen, ein faszinierendes Wasserkunstwerk, das die Berge des Salzburger Lands nachahmt, ihre Rhythmik aufgreift und Technik, Kunst und Natur in Einklang bringt. „Ich möchte Rhythmus sichtbar machen“, erklärt Erika Inger, „einen Klang für das Auge erzeugen und Musik, die für das Auge als Muster in Erscheinung tritt.“

Deshalb schuf Erika Inger bereits 2001 das Kunstwerk „Lebensbäume“ – drei Holzskulpturen mit fein säuberlich aufgespießten Baumscheiben, in deren Jahresringe nicht nur die Urkraft der Natur steckt, sondern die dem Betrachter auch ein regelmäßiges und erholsames Muster von Bewegung und Ruhe vorgeben.

Steine als Klangteppich

An der Sonnkogel-Alm befindet sich ihr jüngstes Werk, dessen „Musikalität“ sich erst auf den zweiten Blick offenbart. Inger nutzte eine Senke im Gebirge, um auf eine alpenländische Tradition aufmerksam zu machen: Die bei Wanderern als „Steinmännchen“ bekannten Wegzeichen hat sie zu einem Skulpturenfeld aufgeschichtet, das wie ein Klangteppich den Raum überzieht. Ihre „Stoanerne Frauen und Manderlait“ bestehen aus 40 Tonnen Stein. Die Säulen sind mit Erde aufgefüllt, so dass Pflanzen und Tiere sich dort einnisten können. Das ist wichtig, weil es dem Kunstprojekt auf der Schmittenhöhe ein Anliegen ist, den Betrachter für den behutsamen Umgang mit der Natur zu sensibilisieren.

Was aber nicht bedeutet, dass die Zeller Outdoor-Galerie mit erhobenem Zeigefinger daherkäme. Zu den wohl beliebtesten und spielerischsten Kunstwerken gehört die Installation „Kommunikation 2000“ des österreichischen Künstlers Michael ­Printschler. Auf 2.000 Metern Höhe hat er einen riesigen Holztisch und zwei Stühle aufgestellt, die uns das Gefühl geben, vergleichsweise zwergenhaft und nichtig zu sein. Aber für Tolkiens Bergtrolle ­wären sie genau richtig – vielleicht deckt ja Matilde Grau die Kaffee­tafel dort irgendwann mit ihren Keramiktassen aus der Buche und lädt zum Kaffeeklatsch mit der Natur.

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© Michael Printschler

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2013

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