Bewahrerin einer alten Tradition

In Handarbeit verarbeitet Maike Hansen Fischhäute zu feinstem Leder. Damit verleiht sie einer alten Tradition auf dem Schleswiger Holm neuen Glanz und einen modernen Look. Ihre kunstvollen Schmuckstücke begeistern immer mehr Liebhaber.

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Die fertigen Anhänger tragen noch das Muster der Fischhaut.
© Malte Schwarzer

Text: Inga Dora Meyer

Hautab“ steht in schwarzen, geschwungenen Buchstaben auf einem Schild ­geschrieben, das über der Eingangstür eines kleinen Fischerhäuschens am ­Rande der Altstadt Schleswigs hängt. Was es mit diesem kuriosen Begriff auf sich hat? ­Diese Frage stellen sich wahrscheinlich viele Passanten, die auf dem Schleswiger Holm vorbeikommen. Es braucht zugegebenermaßen ein wenig Fantasie, um auf das ungewöhnliche Hobby der Kunsthandwerkerin zu kommen, die hier eine alte, längst vergessene Tradition wieder auf­leben lässt. Maike Hansen ist eine der ­wenigen in Deutschland, die aus Fischhäuten Leder herstellt und es zu schmucken Accessoires verarbeitet. Damit macht sie ihren Ahnen alle Ehre. Denn die Arbeit mit Fisch hat in der malerischen Siedlung an der Schlei, einem Meeresarm der Ostsee, eine jahrhundertealte Geschichte.

„Ein ganz tolles Material“

Seit 1480 war es ausschließlich Fischern vom Holm gestattet, auf der Schlei zu ­fischen. Der Grund? Rings um das ­heutige Stadtviertel türmten sich die Wassermassen. Bis 1933 war eine Fischbrücke der ­einzige Weg aufs Festland. Erst durch die natürliche Verlandung entstand die ­heutige Landverbindung. So erklärt sich auch der Name, der aus dem Dänischen kommt und so viel wie „kleine Insel“ oder „von Wasser umgeben“ bedeutet. Der Holm führte damit ein Eigenleben. Noch heute arbeiten einige Bewohner des Holms als Fischer. Wen wundert’s da, dass ­Maike Hansen ihre Fischhäute direkt aus der Nachbarschaft bekommt. Immer mal wieder bringt ihr jemand ein Tütchen vorbei.

Aber: Keine Meerforelle, kein Aal, Zander, Butt oder Hecht wird speziell für ihre Kunstwerke getötet. „Fischhäute sind ­Abfälle. Wenn Filets für die Kunden ­gemacht werden, ist die Haut schlichtweg übrig“, so Hansen. Die Verarbeitung der Haut zu Armbändern, Taschen, Portemonnaies, Schlüsselanhängern und Gürteln kommt somit einer Resteverwertung gleich – einer sehr hübschen Resteverwertung.

Auf das eher ungewöhnliche Leder stieß Maike Hansen in einem Naturkundemuseum. Für ein museumspädagogisches Projekt hat sich die gelernte Erzieherin mit den eiszeitlichen Jägern beschäftigt und entdeckte einen Mantel aus Fischleder. „Er war wunderbar genäht und ­bemalt. Ich war total fasziniert davon“, sagt sie. Wenig später sollte sie selbst einen Anzug aus Rentierleder nähen und war dabei auf die Hilfe eines Kollegen angewiesen. „Von ­Nähen hatte ich keine Ahnung. Ich fand es eigentlich immer schrecklich und konnte es nicht wirklich, bis er mir einen einfachen Rundum-Stich beibrachte.“

Als dann fast zeitgleich eine ­Bekannte aus Norwegen zu Besuch war, die der Kunsthandwerkerin eine gegerbte Aalhaut mitbrachte und ihr die Grundlagen des Gerbens beibrachte, war es um sie geschehen. „Das war ein so tolles Material, mit dem ich unbedingt arbeiten wollte. Meine Leidenschaft war geweckt.“ Danach ging das eigentliche Experimentieren los. „Ich wollte meinen eigenen Stil entwickeln und brachte mir das Fischhautgerben ­innerhalb von zwei Jahren selbst bei.“

Wenn der Aal zum Gürtel wird

Zuerst säubert die Hobby-Künstlerin die Häute, entfernt Schuppen und Fett. Dann folgt ein Tauchbad in einem Sud aus Wasser und Weidenrinde. Die darin enthaltene natürliche Gerbsäure macht aus einem glitschigen Schuppenkleid ein strapazierfähiges Stück Leder. Im Wasser liegend, wird die Haut langsam dicker. Verschiedene Farbnuancen ergeben sich. „Jedes Stück Fisch ist einzigartig. Es ist immer wieder eine Überraschung, was am Ende dabei herauskommt. Manchmal werden die Häute rot und rosa, dann eher grünlich oder braun. Vielleicht hängt dies vom Alter der Rinde oder vom Alter des Fisches ab“, mutmaßt Maike Hansen. Fischgeruch liegt dabei übrigens nicht in der Luft, nur der Duft von frischem Leder steigt einem in die Nase.

Fischhäute sind lange haltbar

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Kunsthandwerkerin Maike Hansen in ihrem Atelier und Wohnzimmer auf dem Holm in Schleswig. Hier geht sie mit Herzblut ihrem Handwerk nach.
© Malte Schwarzer

„Die Technik ist ganz einfach, aber es braucht viel Zeit.“ Erst nach drei Wochen folgt der nächste Schritt – die Trocknung. Diese ist im zumeist kühlen und feuchten Schleswig-Holstein recht schwierig. Lange probierte sie herum, um optimale Bedingungen zu finden. Allein die Wetterlage muss perfekt sein. „Sonne, aber nicht zu heiß und bitte keine Schwüle. Leichter Wind und zwischen 20 und 25 °C“, so die Hobby-Gerberin. Damit die Häute nicht bretthart werden, sondern schön geschmeidig, müssen sie etwa acht bis zehn Stunden lang über einen Metall­haken „gezogen“ werden. Eine gleichmä­ßige Trocknung ist entscheidend. „Das Leder trocknet von außen nach innen. Schnell kann es passieren, dass es am Rand wellig wird. Das gilt es zu vermeiden“, sagt die Kunsthandwerkerin. Eine ­anstrengende und schweißtreibende Arbeit, wie sie mehrfach betont. Da sie das Leder nur in Kleinstmengen produziert, gerbt sie aber nur alle zwei bis drei Monate.

Während des Trocknens schaut sich Maike Hansen die Häute ganz genau an. Welches Stück hat welche Farbnuance, welches Muster soll herausgearbeitet ­werden? Wie hart oder weich ist die Haut geworden? „Erst wenn ich das fertige ­Leder in der Hand halte, weiß ich, was ich daraus machen möchte. Eine weiche Fischhaut eignet sich zum Beispiel besser für Taschen, eine harte eher für einen Armreifen, und ein ganzer Aal mit Flosse macht sich toll als Gürtel. Wichtig ist mir, dass die Leute meine Sachen gerne tragen und benutzen. Meine Produkte sind nämlich sehr haltbar. Ab und zu mal ein Tropfen Olivenöl oder farbloses Lederfett genügt, um sie lange in Schuss zu halten.“

Kunst und Gespräche

Alle handgefertigten Schmuckstücke entstehen in ihrem Atelier, das gleichzeitig ihr Wohnzimmer ist. Auf einem langen Tisch im Eingangsbereich breitet sie die verschiedenen, rechteckig zugeschnittenen Fischlederstücke aus. In Kombination mit Hirsch-, Rentier- oder Elchleder, das sie je nach Farbe und Struktur passend auswählt, nehmen Beutel, Gürtel, Anhänger und Co. nach und nach Form an. „Die Verstärkung der Fischhaut mit anderen ­Lederarten erinnert an die ­Lebensweise ­alter Völker“, sagt Maike Hansen, während sie gerade an einem Armband arbeitet.

In kleinen Schalen liegen farbige Garnkordeln, die jetzt zum Einsatz kommen. „Ich nähe jedes Stück mit einer gewachsten Kunstsehne, die der echten Sehne nachempfunden ist. Ganz ohne Nähmaschine und mit nur einem einzigen Stich – ganz so wie es die Tradition will.“ Als Verzierung für ihre Kunstwerke bevorzugt Maike Hansen schmückende Fischwirbel.

Fertige Produkte, die Besucher bei familiärer Atmosphäre in ihrem Fischerhäuschen bewundern und kaufen können, liegen immer neben ihr auf dem Tisch. Mit viel Herzblut erklärt sie interessierten ­Besuchern die Herstellung der Unikate. „Die Leute lesen draußen das Schild, ­sehen mich bei der Arbeit am Fenster sitzen und kommen neugierig herein. Man trinkt ­einen Kaffee zusammen oder abends einen Wein. So ergeben sich viele nette Gespräche.“ Einige Kunden verlieben sich regelrecht in die Schmuckstücke. „Eine Kundin verbrachte ihren Sommerurlaub an der Schlei und kam fast täglich vorbei, konnte sich aber nie dazu durchringen, die doch etwas teurere Tasche zu kaufen – bis zum letzten Urlaubstag. Wenn es Liebe ist, ist es Liebe“, sagt Hansen augenzwinkernd.

Trotz der positiven Resonanz auf ihr Handwerk soll es weiterhin ein ­Hobby bleiben. „Für mich ist das Ganze eine Kunstform, und das soll es auch in ­Zukunft bleiben.“ So muss man damit rechnen, dass manchmal nur ein Blick durch das Fenster auf die Schmuckstücke möglich ist. Feste Öffnungszeiten gibt es bei „Hautab“ nicht.

Insbesondere in den Wintermonaten arbeitet Maike Hansen gerne für sich. „Dann wird meine Arbeit fast zu einer meditativen Entspannung.“ Neue Ideen kommen ihr in den Sinn – wie die kleinen Handpuppen, die derzeit in der Entstehung sind. Die kalten Monate lassen sie aber auch immer wieder an die Indianer, Sami und Inuit denken, deren Tradition sie fortführt. "Ein Traum wäre es, ihnen einmal über die Schulter zu schauen." Was sie wohl von Maike Hansens Kunstwerken halten würden?

Fischleder früher:

Schon sehr früh wurde in Europa die Haut von Fischen zu Leder verarbeitet. Insbesondere während des Zweiten Weltkrieges wurden aus haltbar gemachten ­Fischhäuten Sohlen für Schuhe und Treibriemen (­flexible, in sich geschlossene Bänder zur Kraftübertragung in einem Getriebe) hergestellt. Im Jahr 1939 gab es in Deutschland rund zehn Fabriken, die unter anderem Fischleder in Handarbeit herstellten. Ursprünglich stammt diese Art der Lederverarbeitung von Naturvölkern aus dem Norden. Leider beherrschen nur noch sehr wenige diese Verarbeitung, so zum Beispiel die Nanai in Sibirien, die neben Kleidung auch Zelte aus Fischhäuten fertigen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2016

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