Die Mistel: Zauberhaft!

Der Druide Miraculix schätzte ihre wundersame Wirkung lange bevor die Pharmaindustrie sie als Medizin entdeckte. Dabei ist die Mistel vor allem eines: eine Pflanze fürs Herz.

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© IMAGO

Text: Carolin Müller

Der Mistelzweig hat das Küssen nicht erfunden, aber er hat es gefördert: Wer unter dem weißbeerigen Zweig steht, muss freilich die Spielregeln beachten. So finden sich jedes Jahr zu Weihnachten junge Pärchen herzend und küssend darunter. Der landläufigen Legende gemäß bleiben diese Paare ein Leben lang zusammen.

Die mystische Kraft, die der Mistel zugesprochen wird, hat ihren Ursprung in den nordischen Göttersagen. Demnach ist sie die heilige Pflanze der Liebesgöttin Frigga. Als der zornige Gott Loki Friggas Sohn, den Lichtgott Balder, töten wollte, verpflichtete Frigga jedes Tier und jede Pflanze der Erde, ihrem Sohn keinen Schaden zuzufügen. Einzig den Mistelzweig, der weder auf noch unter der Erde wuchs, sondern in Bäumen, hatte Frigga vergessen. So wurde Balder mit einer Pfeilspitze aus dessen Zweig getötet. Die Tränen, die Frigga um ihren Sohn vergoss, verwandelten sich in die weißen Beeren des Mistelzweiges. Darauf versprach die Pflanze all jenen ewige Liebe, die unter ihr stehen und sich küssen sollten.

Heil aller Schäden

Einen unbeschwerteren Auftritt hat die Mistel in den Abenteuern von Asterix und Obelix, den gallischen Helden, vor denen um 50 vor Chris­tus die römischen Eroberer erzitterten. Asterix und Obelix besiegten einfach jeden – dank eines geheimen Zaubertranks, den ihnen der findige Druide Miraculix braute. Freunde der Comics erfahren nur eines: Die wichtigste Zutat des Tranks waren Misteln, die Miraculix mit Hilfe einer goldenen Sichel aus Sträuchern schnitt.

Tatsächlich war die Mistel den Kelten heilig: Mistel-Amulette schützten vor Unheil, und Zaubertränke aus Misteln sollten Kraft und Mut verleihen. Bei epileptischen Anfällen, Arthritis und Menstruationsstörungen verabreichten keltische Heiler ihren Patienten Mistelextrakte. Außerdem galt die Mistel als Aphrodisiakum – allerdings nicht für den Menschen: Stiere wurden mit Mistelwurzeln gefüttert, wenn sie nicht „stierig“ genug wurden. Das magische Potenzial der unscheinbaren Pflanze schlägt sich auch in ihren volkstümlichen Namen nieder: „Hexenbesen“, „Hexenkraut“ oder „Heil aller Schäden“ wird die Mistel auch genannt.

Küsse unter dem Mistelzweig

Zwar wandelten sich die Anwendungsgebiete im Lauf der Zeit, aber noch immer sind Misteln als Heilmittel heiß begehrt. In der Naturheilkunde beispielsweise werden die Extrakte der Blätter – die weißen Beeren sind giftig – in zahlreichen Fertigarzneien zur Senkung des Blutdrucks, bei Altersbeschwerden oder bei Arteriosklerose angewandt. Mistelpräparate gehören auch zu den am häufigsten verwendeten, rezeptfrei erhältlichen Krebsmitteln im deutschsprachigen Raum.

Dabei ist die Mistel, wissenschaftlich Viscum album, ein unangenehmer Geselle: Der Halbparasit wächst auf Bäumen und schiebt seine Wurzeln in die wasserleitenden Gänge der Rinde. So raubt er die Wasser- und Nährstoffvorräte seines Wirts. Allein Photosynthese, die Erzeugung chemischer Energie mithilfe des Sonnenlichts, betreibt er selbst. Bei Kälte und Eis, wenn alle Bäume kahl stehen, kommt die Mistel deshalb erst richtig zur Geltung. Das könne nur mit Zauberei einhergehen, so dachten unsere Vorfahren.

Die Verehrung für die Mistel hat auch in späteren Jahrhunderten an nichts eingebüßt. Bis heute beflügelt sie als Weihnachtsschmuck die Phantasie der Menschen in aller Welt. Und wer weiß – vielleicht besiegelt der eine oder andere dieses Jahr an Weihnachten seine Liebe unter dem zauberhaften Mistelzweig.

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Heilsbringer und Halbparasit: die weißbeerige Mistel.
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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2014

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