Die Mistel: Zeichen der Götter

Sie soll Glück bringen, stark machen und Liebespaare zusammenschmieden: Die Mistel galt schon bei den Druiden als Zauberzweig. Dabei ist sie für den Baum, auf dem sie wächst, nicht immer von Vorteil …

Text: Lisa-Marie Bille

Erst in den Wintermonaten, wenn die anderen Pflanzen sich zurückziehen und die Bäume kahl werden, kommen Misteln in voller Schönheit zur Geltung. Ihr eleganter, kugelförmiger Wuchs wird zwischen den kahlen ­Ästen erst richtig sichtbar. Die bei uns meist weißbeerige Pflanze verzweigt ihre Äste immer wieder, so dass nach und nach eine ­ästhetische runde Form entsteht. Nur an den äußersten Enden der Zweige wachsen jeweils zwei hellgrüne, gebogene Blätter.

So schön sie auch ist, die Mistel ist ein Schmarotzer: Sie kann nur auf Wirtsbäumen wachsen, aus denen sie Wasser und Nährstoffe saugt. Allerdings ist sie nur ein Halbschmarotzer, denn Photo­synthese betreibt sie selbst und kann so Kohlenhydrate herstellen. Um an Nährstoffe zu kommen, senkt der Baumgast seine Wurzeln durch die Rinde bis ins Holz und verankert sich dort. Die Bäume ­leiden darunter, jedoch erst bei sehr starkem Befall. Da Misteln sehr langsam wachsen, können vereinzelte Exemplare dem Baum nicht viel anhaben. Misteln sterben erst, wenn ihr Wirtsbaum stirbt, daher werden manche auf gut 400 Jahre geschätzt!

Ein spezialisierter Schmarotzer

Die Misteln werden je nach Baumart eingeteilt: Laubholzmisteln ­mögen besonders Pappeln, Apfelbäume oder Birken, während die Tannen- und Kiefern-Misteln auf den jeweiligen Baumtyp spezialisiert sind. Auf ­Eichen kommen Misteln seltener vor und gelten dann als ­besonders heilkräftig. Dass die Mistel ein wahrer Zauberstrauch ist, wusste schon der Druide Miraculix aus den „Asterix“-Comics. Nicht umsonst waren Misteln eine wichtige Zutat des berühmten Zaubertranks, der die Gallier unbesiegbar machte. Ihnen war die Mistel heilig, sie durfte nur während eines Gottesdienstes und nur mit einer goldenen Sichel geschnitten werden. Außerdem musste sie in einem weißen Tuch aufgefangen werden und durfte nicht den B­oden berühren. Schließlich waren Misteln ein Zeichen dafür, dass die Götter in den Bäumen selbst anwesend sind!

Pflanze mit schlechtem Gewissen

In der christlichen Mythologie soll das Kreuz, an dem Jesus starb, aus einem Mistelbaum gefertigt worden sein. Darüber ­schämte sich der Baum so sehr, dass er sich in die uns heute ­bekannte kleine Mistel verwandelte und fortan nur noch Gutes für die Menschheit tun wollte. Deswegen werden Misteln auch zur Zeit der Wintersonnenwende und an Weihnachten gern an die Haustüren gehängt. So soll das Haus beschützt werden: Einmal, indem die Mistel Feuer verhindert, und zum anderen, weil sie auch Glück bringen soll. Aber Glück gibt es nur für denjenigen, der den Mistelzweig geschenkt bekommt! Selbst gepflückte oder gekaufte helfen nicht. Viel Gutes verspricht die Mistel auch in der Liebe: Wer sich unter einem Mistelzweig küsst, wird ein glückliches Liebespaar!

Wissenswertes rund um die Mistel

Klebrige Namen: „Viscum“, der botanische Name der Mistel, steht für Leim oder Klebstoff, denn die Römer stellten aus den klebrigen Beeren Leim her, der dem Vogelfang diente. Deshalb wird „Viskosität“ heute auch als Maß für die Zähflüssigkeit verwendet. Volkstümliche Namen sind auch Albranken, Heil aller Schäden, Heiligkreuzholz, Hexenbesen, Knisterholz, Vogelleimholz, Wintergrün, Donnerbesen, Druidenfuß, Vogelkraut oder Kreuzholz.

Trickreiche Beeren: Die Mistel bildet zur Fortpflanzung klebrige weiße Beeren aus. Die Verbreitung erfolgt durch Vögel, die die Beeren verzehren und auf einem anderen Baum wieder ausscheiden. Oder sie fressen die Beeren und streifen die klebrigen Samen dann an der Rinde ab, wenn sie sich den Schnabel wetzen. Ein Gerücht ist allerdings, dass die Samen erst dann keimen können, wenn sie einmal den Verdauungstrakt eines Vogels passiert haben. Klebt ein Samen an der Rinde, bildet sich eine kleine Haftscheibe, die sich mit der Rinde verbindet. Erst im nächsten Frühjahr keimt sie.

Vorsichtige Anwendung: Früher betrachtete man die Mistel als Allheilmittel – und das, obwohl sie sogar leicht giftig wirken kann und immer vorsichtig angewendet werden sollte. Besonders Kinder sollten davor gewarnt werden, die Beeren zu essen. In der Heilkunde setzte sie jedoch schon Hildegard von Bingen gegen erfrorene Gliedmaßen ein. Heute wird die Mistel vor allem gegen Bluthochdruck, bei Herzschwäche sowie zur Verdauungs- und Stoffwechselförderung eingesetzt. Auch in der Krebstherapie kennt man sie. Dort ist die Wirkung aber umstritten.

Vorausschauende Ernte: Die Wirkstoffe der Mistel werden als Tee verabreicht, jedoch immer als Kaltauszug. In kaltem Wasser lösen sich die schwach giftigen Stoffe nicht. Außerdem soll die Heilwirkung durch Erwärmen gemindert werden. Für den Tee werden Blätter und Zweige von März bis April oder im November getrocknet. Da die Misteln in beblätterten Bäumen schwierig zu finden sind, sollte man sich schon im Herbst oder Winter merken, auf welchen Bäumen man später sammeln kann. Dann werden etwa zwei Teelöffel Misteln mit einem Viertelliter kaltem Wasser aufgegossen und über Nacht stehen gelassen. Danach können die Blätter entfernt und der Tee langsam erwärmt, aber nicht gekocht werden.

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© Blickwinkel, pa/dpa

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2012

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