Die Taube: Fliegendes Missverständnis

Die Taube ist in ihrer Bedeutung ein ­ambivalentes Geschöpf: Briefeschreiber verehren sie, Franzosen essen sie, in ­Venedig ist sie Kult, und in vielen Großstädten hat sie ihren Ruf weg. Ja, was denn nun?

neuer_name

© Blickwinkel, IMAGO

Text: Carolin Müller

Das Verhältnis der Menschen zur Taube ist ein einziger Widerspruch: Wenn es gut läuft, binden uns schöne Erlebnisse aus der Kindheit an das Heimtier Taube. Wenn es schlecht läuft, bindet uns gar nichts an sie. Stadttauben, die verwilderten Verwandten der Haustaube, werden dann als „Ratten der Lüfte“ zum Teufel gewünscht. Diese Tatsache entfacht ­einen Taubenkrieg, der in fast allen deutschen Großstädten tobt und nur zwei Lager kennt: Die einen füttern die Tauben, die anderen bringen sie um.

Die Lizenz zum Töten

Die Debatte darüber, ob Tauben Schädlinge und somit zum Abschuss freigegeben sind, findet kein Ende. Fest steht nur eines: Stadttauben quälen viele Menschen. Manche sogar so sehr, dass sie die Abschuss­erlaubnis vorwegnehmen. Doch da wäre der Taubenfeind ein Leben lang beschäftigt, denn nach Schätzungen des NABU (Naturschutzbund Deutschland e. V.) leben weltweit 500 Millionen Tauben in den Städten. Bewohner ärgern sich über Lärm, Gestank und Dreck. Bis zu zwölf Kilo Kot produziert eine einzelne Taube im Jahr. Da kommt ein ganzer Haufen Sch… zusammen – genauer gesagt 480 Tonnen allein in Berlin. Auch deshalb haben Tauben gemeinhin keine große Lobby.

Hartnäckig hält sich das Gerücht von der Taube als Krankheitsüberträger. Tatsächlich kann dem Menschen nur der Kot gefährlich werden – theoretisch können Erreger übertragen werden, wenn etwa beim Straßenkehren trockener Taubenkot aufgewirbelt und eingeatmet wird. Praktisch kommt dies jedoch nur sehr selten vor. Bei getrocknetem Kot sind die meisten Erreger durch die Sonne ­abgetötet. Gefährlicher wäre frischer Kot, mit dem man jedoch nur selten in Berührung kommt. Wenn doch, ist hier Umsicht geboten!.

Über das Leben der Stadttaube wissen viele Städter indes wenig. Zum Beispiel stammt unsere einfache Stadttaube, wie übrigens alle der mehr als 300 Taubenarten, von der Felsentaube ab. Diese wurde ursprünglich als Haustaube gehalten und später gezüchtet. Stadttauben sehen ihrer Stammform sehr ähnlich. Tauben führen, so wie Gänse und Schwäne, ein Leben lang eine vorbildliche Einehe. Das Männchen hütet am Tag das Nest, das in der Stadt in Nischen, Gebäuden und im Gebälk von Dachstühlen gebaut wird. Bäume werden fast nie als Nistplatz gewählt. Ein Taubengelege besteht meist aus zwei Eiern – nicht besonders viel, aber dafür haben Tauben ein Zweitnest, das nach der erfolgreichen Brut sofort belegt wird, und können so bis zu zehn Mal im Jahr brüten. Die Küken schlüpfen nach 18 Tagen und öffnen schon nach fünf Tagen die Augen. Nach drei Wochen ist das Gefieder vollständig, bereits in der vierten Woche folgen die ersten Flugversuche.

Versuch der Versöhnung

„Bau eine Arche“, befiehlt Gott im Alten ­Testament dem Familienvater Noah. Dort hat die Taube ­ihren ersten großen Auftritt, in der Sintflut-­Erzählung: Eine von Noah ausgelassene Taube kehrt zunächst mit einem frischen Olivenzweig im Schnabel zur Arche zurück. Beim dritten Flug schließlich bleibt die Taube fort – sie hat Land gefunden. Seither steht sie symbolisch für die Versöhnung zwischen Gott und den Menschen. Doch nicht nur in der Geschichte der Sintflut kommt sie im Buch der Bücher vor. Zu höchster symbolischer Bedeutung gelangt sie im Neuen Testament: als Erkennungsmerkmal für den Heiligen Geist.

Der Aufstieg der Taube zum weltweiten Friedenssymbol ist hingegen purer Zufall: Der französische Schriftsteller Louis ­Aragon suchte ein Motiv für den ersten Kongress der Weltfriedensbewegung im Jahr 1949. Er wandte sich an seinen spanischen Freund Pablo Picasso und blätterte dessen Grafiken durch – die Wahl fiel auf die weiße Taube. So kann man sich schließlich ­kulturübergreifend einigen: mit der Taube als Symbol für die Liebe und den Frieden.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2013

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat

Events

Zur Zeit liegen keine Events vor …