Gehen fürs Gehirn

„Geistige Fitmacher“ nennt Gehirntrainerin Stefanie Probst ihre spaßbringenden Übungen. Beim Brainwalking in kraftspendender Natur schulen sie Konzentration und flexibles Denken der ­Teilnehmer. wanderlust-Autorin Beate Wand hat es getestet.

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Gemeinsam schlauer: Nicht nur ­unsere Muskeln wollen gestählt werden, auch unser Grips lässt sich trainieren. Brainwalking steigert die Leistungsfähigkeit des Denkapparats.

Text: Beate Wand

in kleiner Igelball mit bunten Noppen kreist zwischen meinen Fingern – in der linken Hand. Über mir fegt der Wind durch die hohen Kronen im Hamburger Hirschpark. Vom glasklaren Morgenhimmel strahlt die Sonne – mit ihr um die Wette: Stefanie Probst. Mit warmer Stimme lädt sie die Teilnehmer ihres Brainwalkings ein, die im Alltag weniger benutzte Hand zu wählen.

Reizvoll Aufwärmen

„Um die andere Hirnhälfte anzusprechen“, begründet die Psychologin. Sie legt gleich noch ein wenig Hintergrundwissen nach: Nirgendwo in unserem Körper drängen sich die Neuronen so dicht wie in unseren Fingern. Schließlich helfen sie uns, die Welt im Wortsinne zu „Be-Greifen“. Während der Ball die Hand massiert, stimuliert er in jedem Finger rund 4.000 Nervenzellen. Sie senden Signale ans Gehirn und aktivieren so die grauen Zellen. „Auch das Gehirn funktioniert besser, wenn wir es – wie Muskeln und Kreislauf vor dem Sport – fünf bis zehn Minuten für die eigentliche ­Tätigkeit aufwärmen“, verrät Probst den tieferen Sinn des Igelballs. Als lizenzierte Trainerin der Gesellschaft für Gehirntraining bietet sie Brainwalking an. Von April bis Oktober, an einem Sonntagvormittag im Monat. Etwa eine Stunde stellt sie ihren Schützlingen Aufgaben aus dem Mentalen Aktivierungstraining (MAT). Dabei streift die Gruppe durch Hamburger Parks. Wetter, Jahreszeit, Umgebung, alles fließt ins Training ein. Also echt regional, saisonal, umweltfreundlich. Modische Schlagwörter, doch Probst bietet Brainwalking schon seit elf Jahren an. „,Ich habe da wohl etwas sehr zeitgemäßes entdeckt und entwickelt“, grinst die sympathische Mutter, der die Kurse sichtlich Spaß machen. Für den ersten geistigen Fitmacher des heutigen Brainwalkings codiert sie Aufgaben mit Nummern: Bei eins den Ball über die Handfläche kreisen, bei zwei hinter dem Rücken übergeben, bei drei hochwerfen und fangen. Bei vier unter dem Bein hindurchführen, bei fünf mit dem Nachbarn tauschen. Der Tross setzt sich in Bewegung zum Spaziergang in den Park. Stefanie Probst schreitet rückwärts voran, ruft uns laut die Übungsnummern zu und zeigt sie zusätzlich mit den Fingern an. Rhododendren und Rosenspaliere ziehen unbemerkt vorbei. Es klappt ganz gut. Nach einer Weile des Übens im Gehen ernüchtert uns Probst jedoch: „Das Gehirn mag keine Routine“. Heißt: Wenn es zu einfach wird, wechseln wir die Übung oder steigern den Schwierigkeitsgrad. Also fügt sie weitere Zahlen hinzu: Bei sechs über den Handrücken kreisen, bei sieben von einer Hand in die andere werfen, bei acht den vierten Buchstaben des Vornamens spiegelverkehrt in die Luft schreiben. Uff, ganz schön viel. Doch erstaunlicherweise beherrschen unsere Superhirne den Zahlenwust. Meistens jedenfalls.

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Gut zuhören und merken: Im Gehen führen die Brainwalker die ­rich­tige von acht ziffern-codierten Übungen mit dem Igelball aus.

Sauerstoff kickt

„Sitzen ist nicht gehirngerecht“, klärt uns Probst auf und bewundert nebenbei die tollen Bäume, die unsere nächsten Schritte flankieren, „wenn wir gehen, leistet unser Denkapparat zwanzig Prozent mehr.“ Die Bewegung darf aber nicht ablenken, sie sollte automatisch ablaufen. Schon griechische Philosophen wie die Aristoteles-Anhänger Peripatetiker, übersetzt „Umherwandler“, wandelten in einer Halle, während sie lernten und Gespräche führten. Draußen wirkt aber noch besser: Die frische Luft pumpt permanent Sauerstoff nach. Das kickt, Denken verbraucht viel davon. Unter dem Blätterdach der Allee reiht sich die Gruppe in zwei lange Schlangen. Die jeweils erste Person erhält ein Säckchen, eines mit Buchstaben, das andere mit Zahlen aus Holz. „Im Alltag nehmen wir unsere Umwelt zu 70 bis 80 Prozent über das Sehen wahr“, erklärt Stefanie Probst die nächste Übung, „es ist schwierig für uns, ohne Augen zu erkennen. Gut, sie mal auszuschalten!“. Blind fischt der vorderste Brainwalker ein Element nach dem ­anderen aus dem Beutel, ertastet es und reicht es nach hinten weiter. Die Zahlen sollen wir addieren, aus den Buchstaben ein Wort puzzlen, das zur Jahreszeit passt. Buchstaben zu ertasten fällt mir deutlich schwerer als Zahlen. I ist noch einfach. Einige verwirren mich mit ihren Serifen. Zwei Mal ein E? Irritiert gebe ich auf. 24 Eicheln lautet die Lösung. Bei der Summe liege ich aber bestimmt richtig! Oh nein, sechs zu wenig. Ich habe die Sieben für eine Eins gehalten.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2017

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