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Stille Nacht, Heilige Nacht: Ein Lied zieht um die Welt

Ein schlichtes Gedicht, vertont mit Gitarre, wird zu dem Weihnachtslied schlechthin und erobert mit seiner zeitlosen Botschaft die Herzen der Menschen auf der ganzen Welt.

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Weihnachtsklassiker: Eine Krippe aus dem 18. Jahrhundert im Stille-Nacht-Museum Mariapfarr
© Friederike Brauneck

Text & Fotos: Friederike Brauneck

Es war eine arme Zeit, die gute alte Zeit, in der „Stille Nacht, Heilige Nacht“ entstand. So wie es im 19. Jahrhundert im damaligen Österreich für die Menschen ein Ausdruck ihrer Friedenssehnsucht war, so steht es auch heute noch in 300 Sprachen für diesen Wunsch. Joseph Mohr, Hilfspfarrer, und Franz Xaver Gruber, Organist und Volksschullehrer, beide aus dem Salzburger Land, sind die Urheber dieses schönen schlichten Liedes. Mohr verfasste 1816 den Text in Mariapfarr im Lungau. 1817 übernahm er als Geistlicher eine Stelle in Oberndorf und freundete sich mit Gruber aus dem benachbarten Arnsdorf an. Mohr bat Gruber, die sechs Strophen seines Gedichtes zu vertonen. Innerhalb einer Nacht schrieb dieser die Melodie, und am Heiligabend 1818 erklang das Lied zum ersten Mal in der Kirche Sankt Nikolaus in Oberndorf – im Anschluss an die Christmette vor der Krippe.

Das Besondere daran: ein Weihnachtslied, begleitet von einer Gitarre statt einer Orgel! Wahrscheinlich nicht als Bestandteil der Liturgie gedacht, denn ein solches „Wirtshausinstrument“ wäre zu jener Zeit im Gottesdienst undenkbar gewesen. Aber im Anschluss an die Mette war es statthaft: Mohr spielte die Gitarre und sang die Oberstimme, Gruber die Unterstimme, der Chor oder die Gemeinde wiederholten die Schlusszeile.

Ein Lied für die ganze Welt

Die Kirche Sankt Nikolaus in Oberndorf gibt es heute wegen der häufigen Überschwemmungen durch die Salzach nicht mehr. Kirche und Orgel hatten zu der Zeit bereits sehr gelitten. Deshalb wird spekuliert, dass die ungewöhnliche Begleitung mit der Gitarre einfach nur eine Notlösung war. Wie auch immer, die ramponierte Orgel trug auf andere Weise zur Verbreitung des Liedes bei. Denn der Orgelbauer Karl Mauracher versuchte in den Jahren 1821 bis 1825 immer wieder, das Instrument zu reparieren. Bei seiner Rückkehr ins heimische Zillertal nahm er das Lied mit, und dort wurde es Allgemeingut. Viele Familien verdienten sich damals durch Handwerk wie Schnitzereien ein Zubrot zur kärglichen Landwirtschaft. Auf Messen und Märkten in Leipzig und Berlin sangen sie Volkslieder als eine Art Werbemaßnahme – bald schon wurde „Stille Nacht“ als Tiroler Weihnachtslied bekannt. Von hier aus sprang der Erfolg über bis nach England und Amerika, auf den Spuren der Auswandererfamilien. Die Autoren des Liedes dagegen gerieten in Vergessenheit.

Unter König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen wurde es denn auch als Tiroler Volkslied zu Weihnachten vom Domchor in Berlin gesungen. 1854 wollte die Königlich Preußische Hofkapelle den Autor ermitteln und fragte im Salzburger Stift St. Peter an. Über seinen Sohn Felix, zu dieser Zeit Sängerknabe, erfuhr Vater Gruber von der Anfrage und beschrieb in einer „Authentischen Veranlassung“ die Entstehungsgeschichte. Das ursprüngliche Notenblatt war nämlich inzwischen verloren gegangen.

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Barocke Pracht: Bei der Wallfahrtskirche Maria im Mösl ertönt „Stille Nacht“ vom Glockenturm.
© Friederike Brauneck

In über 300 Sprachen

Über die Zeit entstanden verschiedene Versionen, auch die Folge der sechs Strophen variierte immer wieder. Aber der Geist des Liedes blieb erhalten. Er ist Ausdruck der Unruhen und Existenzängste nach den Wirren der Napoleonischen Kriege und dem Wiener Kongress 1814/15. Die beiden Autoren wussten aus eigener Erfahrung um die Nöte ihrer Mitmenschen, was sich in ihrem Lied glaubhaft widerspiegelt – und so gewann es an Beliebtheit. Im Ersten Weltkrieg wurde es an Weihnachten zu einer Brücke über die Schützengräben hinweg. Wie eine Ausstellung im Stille-Nacht-Museum in Arnsdorf dokumentiert, sollen an einem 50 Kilometer langen Abschnitt der flandrischen Westfront bei Ypern die Soldaten Waffen und Helme niedergelegt haben, kleine Weihnachtsbäume aus der Heimat an den Rand der Schützengräben gestellt und die Kampfhandlungen eingestellt haben. In vielen Sprachen erklangen in dieser ersten Kriegsweihnacht 1914 Lieder, darunter „Stille Nacht“. Nur kurz konnte dieser Frieden halten – Verbrüderung war bei Todesstrafe verboten.

Quer durch das Salzburger Land ziehen sich die Spuren der beiden Männer, die in verschiedenen Gemeinden tätig waren. Museen und Kirchen erzählen vom Leben der beiden. Führungen und Wanderungen vermitteln ein Bild jener Zeit, die historisch und kulturell ungeheuer viel zu bieten hat. So wird „Stille Nacht, Heilige Nacht“ zu einer Zeitreise durch Geschichte und Gesellschaft, und man stellt fest, dass das schlichte Lied nichts an Aktualität verloren hat – mit seiner Botschaft als Welt-Friedenslied.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2016

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