Heiße Kufen, heiße Kurven!

Die Region Wilder Kaiser-Brixental rühmt sich, das größte zusammenhängende Skigebiet ­Österreichs zu sein. Man kann dort aber auch auf einem Schlitten ins Tal sausen – unter fach­kundiger Anleitung von Marianne Treichl, die hier die erste Rodelschule des Landes gründete.

neuer_name
Spaß ohne Leiden: Wer einen ­Rodelkurs beim Experten absolviert, meistert jede noch so steile Piste schnell und sicher.
© Günther Kast

Text: Günter Kast

Latoya fliegt auf die Kurve zu. „Bremsen!“, ruft Marianne Treichl. „Es geht nicht!“, schreit Latoya­ zurück. Im letzten Moment gelingt es ihr, den Schlitten herumzureißen und zum Stehen zu bringen. Als sie aufblickt, hängt ihr eine große Tanne fast ins Gesicht. „So geht das nicht“, schimpft Rodel-Lehrerin Marianne. „Mit deinen Schuhen ohne Profilsohle kann man ins Büro gehen, aber nicht auf eine Schlittenbahn. Die sind glatt wie ein Kinderpopo. Wir tauschen jetzt!“

Und siehe da: Auf einmal meistert die Mitarbeiterin einer Münchner Steuerkanzlei die Kurven der „Hexenritt“ getauften Strecke so souverän, als ob sie jahrelang mit Rodel-Olympiasiegerin Natalie Geisenberger trainiert hätte. Ihre eben noch vor Angst weit aufgerissenen Augen strahlen jetzt. Als Nicht-Skifahrerin hatte sich die 26-Jährige nur mäßig auf diesen Betriebsausflug gefreut. Doch jetzt macht ihr dieser Kurztrip in den Schnee einen Riesenspaß. „So wie Latoya geht es vielen“, sagt Marianne Treichl. „Einige Technik- und Ausrüstungstipps wirken oft Wunder. Man darf nur nicht denken: ‚Rodeln, das kann doch jeder. Dafür brauche ich doch keinen Kurs.‘“

Das sollte man in der Tat nicht glauben. Schlittenfahren auf richtigen, mehrere Kilometer langen Rodelbahnen mit Hunderten Metern Höhenunterschied ist eine nicht ganz ungefährliche Angelegenheit. In Österreich passieren jeden Winter zwischen 3.000 und 4.000 Rodelunfälle. Bei jedem zweiten brechen Knochen.

Rodeltipps von Marianne

Ganz so schlimm wird’s dann bei unserem Rodelabenteuer im Gebiet Wilder Kaiser-Brixental in den Tiroler Bezirken Kufstein und Kitzbühel aber nicht – dank Marianne. Die Mitarbeiterin der Bergbahnen im Wintersportort Söll wuchs mit fünf Brüdern auf einem Hof am gegenüberliegenden Berghang auf. Wenn sie ins Tal wollte, setzte sie sich auf einen Schlitten. Später fuhr sie Hobbyrennen. Und noch später­ arbeitete­ sie als Skilehrerin, wurde immer wieder von Gästen gefragt, wo man denn das Rodeln so richtig offiziell lernen könne. Ja, wo eigentlich? Marianne begann zu recherchieren. Es gibt zwar einen Verband, aber der fühlt sich vor allem für den Spitzensport zuständig. Eine richtige Rodelschule aber fand sie in Österreich nicht, nur in der Schweiz und in Italien.

Die Bergbahnen waren schnell davon überzeugt, dass es vermutlich eine gute Idee ist, diese Marktlücke selbst zu besetzen. Schließlich gibt es in deren Einzugsbereich gleich drei lange Schlittenbahnen: neben­ dem drei Kilometer langen „Hexenritt“ noch die viereinhalb Kilometer lange Astberg-Rodelbahn, die vom gleichnamigen Gipfel auf 1.267 Metern über die Brenneralm entweder nach Ellmau oder nach Going hinabführt, und die mehr als vier Kilometer lange Mond-Rodelbahn Söll, die beleuchtet ist und auch nachts befahren werden darf. Im vergangenen Winter eröffnete die Rodelschule, inzwischen finden bei den Bergbahnen mittwochs und freitags Rodelkurse statt.

An diesem Nachmittag haben sich sechs Teilnehmer angemeldet: drei Kolleginnen und Kollegen von Latoya sowie ein Paar aus Brandenburg an der Havel, Marco und Lisa. Sie fahren beide nicht Ski, rodeln aber gern, auch auf längeren Bahnen, zum Beispiel in Tschechien. Jetzt hoffen sie auf Tricks und Kniffe, die sie zu noch besseren Piloten machen. Marco hat sogar seinen eigenen Rodelschlitten mitgebracht, für den er etwa 50 Euro ausgegeben hat.

Beim Rodelverleih an der Talstation gibt es eine kleine Einführung in die Welt der Schlitten. Die „Leihfahrzeuge“ (sechs Euro pro Tag) können nicht ganz mit Mariannes eigenem „Ferrari“ mithalten, für den man 200 Euro und mehr bezahlt. Aber sie gehen als gute Mittelklasse durch, während Marcos 50-Euro-Exemplar lediglich das Prädikat „fahrbereit“ bekommt. „Ihr merkt es ja selbst“, erklärt Marianne. „Da gibt es große Unterschiede bei Gewicht, Steifigkeit und Lenkverhalten. Ein Rennrodel ist flexibler, leichter zu lenken, reagiert schneller. Marco, dein Schlitten fährt vor allem ­geradeaus.“ Alle lachen.

Jetzt geht’s zum Üben auf die Skipiste an der Talstation. Regel Nummer eins: Man „parkt“ den Schlitten so, dass er sich nicht selbstständig macht, denn im Gegensatz zu einem Ski hat er keinen Stopper. Regel Nummer zwei: Beim Bremsen benutzt man die ganze Sohlenfläche und haut nicht etwa nur die Hacken in den Schnee. „Nicht zimperlich sein“, ruft Marianne. „Auf der Bahn seid ihr locker mit 30 oder gar 40 Sachen unterwegs. Ihr müsst den Rodel zügig zum Stehen bringen. Wenn das nicht mehr funktioniert, reißt ihr den Schlitten mit einem Ruck nach oben.“ Drittens das Lenken: rechtes Bein in den Schnee, Schlitten fährt nach rechts. „Wenn ihr den Körper in die Kurve legt und mit der äußeren Hand die Lenkschnur nach innen zieht, geht es noch ein bisschen besser“, verrät Marianne. „Das Bremsen und Steuern mit der Hand im Schnee überlassen wir aber den Profis. Das wäre zu gefährlich, wenn ihr euch selbst über die Hand fahrt.“

Rodelschülerin Johanna probiert eine erste Schussfahrt auf der Piste. Die Sitzposition: locker und mittig, Oberkörper leicht nach hinten. Sieht routiniert aus. Doch Marianne ist nicht zufrieden: „Du hast die Füße nach innen ein­gestülpt. Das ist gefährlich. Bei einem Sturz brichst du dir so garantiert das Bein. Nimm deine Haxen auf die Außenseite des Schlittens und lehne sie nur leicht an.“

Bevor es auf den „Hexenritt“ geht, erklärt Marianne noch, welche Ausrüstung man benötigt: Helm, Skibrille, Handschuhe­ und Skihose, eventuell noch eine ­Warnweste, vor allem aber: hohe Schuhe mit einer griffigen Profilsohle. „Skischuhe sind deshalb ungeeignet“, erklärt sie. „Wer ein Paar alte Bergstiefel übrig hat, kann sich seine Rodelschuhe selbst bauen: ­Einfach kurze Schrauben eindrehen – ­fertig sind Eure Spikes.“ Aber genug geredet, jetzt wollen alle endlich auf die „Piste“. Mit der Gondel geht es hinauf zur Mittelstation an der Hohen Salve. Latoya ist guter Dinge – noch …

neuer_name
Majestätisch: Das Massiv des Wilden Kaisers bietet einen unverwech­selbaren Anblick und eine einzigartige Kulisse für ­den Wintersport.
© TVB wilder Kaiser Brixental

Weiße Gesichter beim „Hexenritt“

Zwei Minuten und eine Kurve später ist die Münchnerin ziemlich weiß im Gesicht. Die Tanne direkt vor ihrer Nase und der gähnende Abgrund dahinter haben ordent­lich Eindruck auf sie gemacht. Und Marianne, die sonst so schnell nichts aus der Ruhe bringt, macht sich ernsthaft Sorgen um ihren Schützling: „Was du machst, ist ein unkontrolliertes Irgendwas!“ Nach dem Schuhtausch ist jedoch alles gut, und Latoya­ steuert ihren Schlitten sicher. Marco und Lisa meistern den „Hexenritt“ ­ohnehin mit Bravour. Marco ist begeistert, weil sein Leihschlitten im Gegensatz zu seinem eige­nen Gefährt tatsächlich Kurven fährt. Dass wir jedoch noch immer Novizen sind, merken wir daran, mit welcher Geschwindigkeit die einheimischen Knirpse an uns vorbeischießen. Während wir versuchen, den Bodenwellen auszuweichen, steuern sie geradewegs darauf zu und schanzen ­mehrere Meter weit, begleitet von original Tiroler Jauchzern.

Noch einmal, bitte!

Nach etwa der Hälfte der Abfahrt sammelt Marianne ihre Schäfchen noch einmal um sich. Letzte Anweisungen folgen: „Es wird steiler. Wir queren eine Straße. Dann durchfahren wir einen Tunnel. Also: ­Zielwasser trinken! Und zuletzt kommen wir noch einmal in den Wald. Latoya, Wald, das heißt vor allem: Bäume!“ Die Rodel-Lehrerin erinnert weist außerdem auf noch etwas hin: „Beim Überholen seid ihr dafür ­verantwortlich, dass der Vordermann nicht gefährdet wird. Und eisigen Stellen weicht ihr besser aus und sucht euch eine griffi­gere Linie.“ An der Talstation schauen sechs Rodel-Novizen ihre Lehrerin mit erwartungsvollen Augen an. Übersetzt heißt das:" Noch einmal, bitte!" Marianne hatte nichts anderes erwartet.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2016

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat

Events

Zur Zeit liegen keine Events vor …