Mörderjagd an der Mosel

In dem Roman „Die Maske des Buddhas“ wird das ­Moselstädtchen Traben-­Trarbach Schauplatz ­rätselhafter Verbrechen. Wer deren Spur mit dem Autor und Stadtführer Jens Buchner folgt, lernt Vergangenheit und Gegenwart der einstigen Weinmetropole kennen.

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© Stadtgeschichten-Verlag

Text: Wilfried Spürck

Jonas verließ die Kuppel des Mausoleums und leuchtete mit der Taschenlampe nach dem Weg zum unteren, hinteren Eingang der Gruft. Dort hoffte er, durch die ihm bekannte Eisentür in den Untergrund zu kommen. Ein Geruch von süßlich-moderiger Fäulnis bedrängte ihn, je näher er kam. ,Möppel, bleib immer schön an meiner Seite‘“, sagte Jonas zu seinem Freund.“ Krimiautor Jens Buchner blickt kurz von seinem Skript auf. Sichtlich gebannt verfolgen die Teilnehmer seiner Führung, wie Romanheld Jonas und sein tierischer Begleiter, ein Mops namens „Möppel“, den nächsten Schritt zur Aufklärung eines grausamen Verbrechens wagen – und sich dabei selbst in große Gefahr bringen, als sie um Mitternacht in eine unheimliche alte Gruft hinabsteigen. Die Augen einiger Zuhörer wandern unruhig umher. Suchen sie den Weg zum Eingang mit der Eisentür? Die Gruppe steht unmittelbar vor dem realen Vorbild dieses Schauplatzes aus dem Traben-Trarbach-Krimi „Die Maske des ­Buddhas“: einem Mausoleum am alten Friedhof, das der Industrielle Napoleon Graff Ende des 19. Jahrhunderts errichten ließ und das später in den Besitz der berühmten Weinguts­familie Melsheimer überging. Heute steht die imposante Familiengrabstätte ­weitgehend unbeachtet da.

Solchen eher vergessenen Orten zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen ist eines der Anliegen von Jens Buchner mit seinem Projekt „Stadtgeschichten“. Oftmals erschließt sich das Verständnis für die Plätze oder Bauwerke erst über einen Blick in ihre Vergangenheit. „Geschichte hautnah erleben und spüren, wie sie bis heute weiterwirkt: Dafür möchte ich Anregungen geben“, erklärt Buchner seine Idee. Zentrales Element bei der Umsetzung sind seine im eigenen „Stadtgeschichten Verlag“ herausgegebenen „Moselkrimi-Stadtführer“. „Über das populäre Medium Regionalkrimi möchte ich Lust wecken, sich auf die Geschichte und Geschichten der Stadt und ihrer Menschen aus teilweise ungewohnten Blickrichtungen einzulassen“, sagt er. Zu den Krimis bietet der Autor zwei- bis dreistündige Führungen an, bei denen er an den Spielorten der Handlung Ausschnitte aus dem Buch vorträgt und erklärt, was es mit diesen Orten auf sich hat.

Action am Festungsberg

In „Die Maske des Buddhas“ geht es um den Mord an einem jungen Mädchen, der auf zunächst rätselhafte Weise mit einer Unheil bringenden Buddha-Statue aus dem 13. Jahrhundert zusammenhängt. Jedes der 13 Roman-Kapitel spielt an einer geschichtsträchtigen Stelle in oder bei Traben-Trarbach an der Mittelmosel, das bis Anfang des 20. Jahrhunderts lange eines der größten Weinhandelszentren der Welt war. Im Anhang liefern kompakte Kurztexte Infos zu Historie und Hintergrund des jeweiligen Schauplatzes, inklusive Foto und Straßenplan. Außer dem Mausoleum lernen Leser wie Führungsteilnehmer beispielsweise die Ruine der jahrhundertelang umkämpften Grevenburg kennen – und den Weg dorthin. Dieser führt vom Ortsteil Trarbach auf der rechten Moselseite direkt an den Weinbergen entlang, oben bietet sich ein weiter Blick über das Moseltal. Auf der anderen Seite des Flusses, oberhalb von Traben, liegt der Mont Royal. Dort, wo Ende des 17. Jahrhunderts die Franzosen eine mächtige Festung gebaut hatten, die sie nach nur elf Jahren wieder verließen und zerstörten, beginnt für Jonas und Möppel eine wilde Auto-­Verfolgungsjagd – eine von vielen packenden Action-Szenen des Buchs.

Kultur- und Weinbotschafter

Intensiv hat sich der Autor mit all diesen Schauplätzen befasst. Geschichte fasziniert den studierten Historiker seit jeher; umfassende Kenntnisse über Vergangenheit und Gegenwart der 2.000 Jahre alten Kulturlandschaft Mittelmosel erwarb der 54-Jährige im Rahmen einer Ausbildung zum Kultur- und Weinbotschafter. Seit 2011 lebt der im Münsterland aufgewachsene Buchner in Traben-Trarbach, gemeinsam mit seiner dort geborenen Ehefrau Lissy, die unter anderem als Lektorin am Projekt mitarbeitet. Davor war er viele Jahre in Köln als freier Journalist und PR-Referent tätig. Die dabei erworbenen Kompetenzen in Sachen Recherche und Schreiben sind wichtige Grundlagen seines Stadtgeschichten-Projekts. Eng angelehnt an seine eigene Biografie erscheint das Krimi-Personal. Jonas trägt viele Züge des echten Jens Buchner, Roman-Ehefrau Mary könnte fast das Pendant zur rea­len Lissy sein. Und den Mops gibt es tatsächlich. Möppel – wie er auch in Wirklichkeit heißt – ist ein festes Mitglied der Familie.

Die Resonanz von Teilnehmern der Krimiführungen zeigt, dass der Funke zum Publikum überspringt. „Wir haben fast täglich noch ­einen Rückblick auf ihre sympathische Art, uns ihre Stadt zu zeigen, in die Historie einzusteigen und den Spannungsbogen immer hochzuhalten zwischen dem Krimi und der Gegenwart“, schwärmt etwa eine Besucherin aus Berlin. Zu dem positiven Anklang trägt auch bei,­ dass Buchner nicht auf einen Ablauf festgelegt ist, sondern das Programm gegebenenfalls auf die Wünsche der ­Besucher ausrichtet. Auch Führungen für Kinder bietet er an, bei ­denen diese sich in einem Krimiquiz selbst als ­Detektive beweisen können.

Preisgekrönt

Anerkennung hat der Autor und Stadtführer auch von offizieller Seite erfahren. Im vergangenen Jahr gewann Buchner das ­„Kreativsonar“, einen von den Wirtschaftsministerien von Rheinland-Pfalz und dem Saarland verliehenen Preis für ­Kreativschaffende. Das ließ auch verschiedene Medien aufhorchen. In einem Fernsehkurzbeitrag des SWR im August 2015 (Link zum Video, siehe Kasten links) konnte sich ein größeres Publikum ein Bild von dem Projekt sowie seinen Protagonisten Jens Buchner und Möppel machen. Allerdings gilt wie meistens auch in diesem Fall: Es geht nichts über das eigene Erleben - ob beim Lesen der Krimis oder bei den Führungen vor Ort in Traben Trarbach.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2016

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