Wo wandern erinnern heißt

Die tragische Geschichte des Doolough Valley taugt nicht für fröhliche Tourismusprospekte. Wer trotzdem dorthin reist, sucht Sinn statt Sonne und entdeckt einen Weg, die Welt zu verändern.

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Text: Nicole Quint

Aiteall lautet das wohl schönste Wort des ­irischen Gälisch. Es beschreibt das sonnige Intermezzo zwischen zwei Wolkenbrüchen, den magischen Moment, in dem sich der Himmel sein Blau zurückholt und alles glitzern lässt – die tropfnassen Wiesen und Wollgräser, das granitgraue Felsgestein und auch die geröteten Gesichter der Wanderer, die über Aiteall staunen. Eben noch hatte Irland alle Regen-Register gezogen, nun schickt eine leichte Brise sanfte Wellen über den See, goldener Dunst durchzieht die Luft und ein Regenbogen spannt sich weit über den Gipfel des Mweelrea Mountain. Der über 800 Meter hohe Berg wacht über das Doolough Valley, ein kahles Tal in der südwestlichen Ecke der Grafschaft Mayo, das im kollektiven Gedächtnis der Iren einen besonderen Platz einnimmt.

Der Marsch der Hungernden

Hier trug sich eine der erschütterndsten Episoden während der Zeit der großen Hungersnot zu. Vier Jahre in Folge hatte die Kartoffelfäule bereits die Ernten vernichtet, als am 30. März 1849 eine große Menge hungernder Menschen in Louisburgh auf das Eintreffen zweier britischer Inspektoren wartete. ­Colonel ­Hogrove und Captain Primrose sollten den Armen ihr Anrecht auf Hungerhilfe behördlich bestätigen und Bezugsscheine für Mehl ausstellen. Statt nach Louisburgh, reisten die beiden Beamten jedoch ins 18 Kilometer entfernte Delphi, wo sie im Jagdhaus des Marquis von Sligo zu Gast waren. Den notleidenden Menschen in Louisburgh ließen sie ausrichten, sie sollten sich am nächsten Morgen in Delphi einfinden. Barfuß, nicht mehr als Lumpen am Leib und von Hunger geschwächt kämpften sie sich nachts durch das verschneite Doolough-Tal. Bei ihrem Eintreffen in Delphi saßen die Inspektoren gerade beim Dinner. Vor dem Fenster ihres Esszimmers kollabierten die Hungernden, doch Colonel Hogrove und Captain Primrose gewährten keine Hilfe und schickten die Wartenden wieder fort, ohne sie überhaupt angehört zu haben. Die Skelettprozession kehrte um. Unterwegs starben die völlig entkräfteten Männer, Frauen und Kinder am Wegesrand oder wurden, leicht und kraftlos wie sie waren, vom Sturm in den Doolough-See geweht. Catherine Dillon, Patt Dillon und Honor Dillon – Mutter, Sohn und Tochter, Catherine Grady, Mary McHale und James Flynn. Von vierhundert Menschen, die in dieser Nacht ihr Leben verloren haben, sind lediglich diese sechs Namen bekannt.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 04 / 2018

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