Die Idee eines Lebens

Nach dem tragischen Tod seines Sohnes vor über 60 Jahren erbaute Giovanni Demetz die Toni-Demetz-Schutzhütte. Heute führen seine Nachkommen die Hütte mit Stolz und Hingabe – damit es nicht noch einmal zu einem Unglück wie damals kommt.

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Toni-Demetz-Schutzhütte: Eingebettet Im Herzen der Dolomiten, zu ihren Füßen das sagenhafte Grödnertal.
© Toni Demetz Hütte

Text: Carolin Müller

Am 17. August 1952 schlägt ein Blitz auf dem Langkofel ein und trifft eine Seilschaft: zwei Gäste aus Mailand und ihren jungen Führer Toni Demetz aus St. Christina, der gerade mal 20 Jahre alt ist. Der Erste, der am Ort des tragischen Unfalls ankommt, ist Giovanni Demetz, Tonis Vater. Doch zu spät: Er kann nur noch den Tod seines erstgeborenen Sohnes feststellen. Obwohl er unter Schock steht, bemerkt er, dass einer der zwei Italiener noch atmet. Trotz aller Belastung sammelt er seine Kräfte, um ihn heil ins Tal zu bringen. Erst bei seinem zweiten Aufstieg kann er, zusammen mit der Bergrettung, den leblosen Körper seines Sohnes und den des zweiten Alpinisten bergen.

Dem Präsidenten sei Dank

Dieses traumatische Ereignis schafft zwischen Giovanni Demetz, genannt Giuani, und dem Langkofel eine Art unsichtbaren Bund, eine untrennbare Verbindung, die ein Leben lang anhalten wird. Giuani verfolgt seitdem mit schier unbändiger Leidenschaft den Traum, in der Langkofelscharte ein Schutzhaus für Bergsteiger zu errichten.

Noch im Unglücksjahr erhält Giuani für seinen Rettungseinsatz den „Gran Ordine del Cardo“ – die Auszeichnung für die größten humanitären und solidarischen Taten in den Bergen. Auf der anschließenden Feier vertraut er dem damaligen Präsidenten Italiens Luigi Einaudi seinen Wunsch an.

Hollywood hätte es sich nicht besser ausdenken können: Auf einem kleinen Grundstück in der Langkofelscharte in Gröden, unweit der Stelle, wo Toni Demetz sein Leben ließ, wird nur wenige Monate später die italienische Regierung Giovanni Demetz den Bau jener Schutzhütte genehmigen.

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Die Toni-Demetz-Schutzhütte, wie sie heute aussieht – ausgebaut für 27 Schlafplätze und mit Gondelbahnstation.
© Toni Demetz Hütte

Nur ein Jahr später beginnt dieser mit der Errichtung der Hütte auf 2.685 Metern, die Bergsteigern einen sicheren Unterschlupf und mit einigen wenigen Betten auch die Möglichkeit einer bescheidenen Übernachtung bieten soll. „Die Freude am Bau der Schutzhütte hat dazu beigetragen, den großen Schmerz zu überwinden“, resümiert Giuanis jüngster Sohn Enrico Demetz heute.

Die Einweihung der Schutzhütte, die Giuani seinem verstorbenen Sohn widmet, findet schließlich im Jahre 1954 statt. Giuani und seine nunmehr vier Kinder tragen alles Nötige auf ihrem Rücken den steilen Weg vom Sellajoch bis zur Hütte hinauf, um die Bewirtschaftung zu ermöglichen. Eine Seilbahn wird den Aufstieg und den Transport der Materialien und der Lebensmittel erst 1960 wesentlich erleichtern.

Schutz vor Wind und Schnee

Am 8. August 1994 stirbt Giovanni Demetz im Alter von 91 Jahren. Nach wenigen Jahren Auszeit durch die Geburt seiner drei Töchter führt heute wieder Enrico Demetz die Toni-Demetz-Hütte. „Die Arbeit auf der Hütte wieder in die Hand zu nehmen sprach mir sehr zu“, sagt er. „Und als ich merkte, dass meine Familie in dieser lebensverändernden Entscheidung geschlossen hinter mir stand, war sehr schnell klar, was wir zu tun hatten. Heute führe ich die Schutzhütte mit meiner Frau und meinen Töchtern.“

Natürlich ganz im Sinne seines Vaters: Alpinisten und Bergsteiger sollen hier sicheren Schutz vor Wind, Regen und Schnee finden und durch ein gutes Essen und einen unvergleichlichen Rundblick auf die suggestive und einzigartige Kulisse der Dolomiten Leib und Seele stärken können. „Die Arbeit und Leidenschaft meines Vaters haben mich und meine Familie schon von klein auf geprägt. Die Freude an der schönen Landschaft und die Begeisterung und Liebe für die Berge ist uns schon in die Wiege gelegt worden“, sagt Enrico Demetz, den seine Freunde einfach nur „Heini“ nennen. Die Hütte ist mittlerweile für 27 Schlafplätze ausgebaut worden.

Das einschneidende Ereignis vom Tod seines Bruders Toni hat vor allem im Leben Giuanis, aber auch in Enricos Leben tiefe Spuren hinterlassen. Alljährlich versammelt Enrico Demetz am 17. August auf der Langkofelscharte deshalb seine Familie, seine Freunde und alle Bergliebhaber zu einer Freilichtmesse zum Gedenken an seinen verstorbenen Vater Giovanni und seinen älteren Bruder Toni sowie an alle in den Bergen Verunglückten.

Unruhige Stunden bangen Hoffens gehören leider dennoch nicht der Vergangenheit an: „Manchmal warten wir abends lange auf Kletterer, die noch nicht zurückgekehrt sind, obwohl die Dunkelheit schon längst eingebrochen ist“, berichtet Enrico Demetz. „Wenn sie dann endlich zurück sind, erwarten wir sie mit geheiztem Ofen und einer warmen Suppe. In solchen Momenten erfüllen wir mit Stolz den eigentlichen, von meinem Vater vorgesehenen Sinn und Zweck dieses Hauses, nämlich den einer Schutzhütte. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass dieser Geist aufrechterhalten bleibt.“ www.tonidemetz.it

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 06 / 2015

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