Mallorca: Eine „Tour der Sinne“ für blinde und sehende Menschen gemeinsam

Schon mal im Wald und am Meer die Augen geschlossen und die anderen Sinne benutzt? Was für den einen ein kurzer Moment der Abwechslung und des In-sich-Gehens bleibt, bestimmt bei anderen das gesamte Leben. Mit der „Tour de sens“ bringt ein Schwesternpaar aus Stuttgart beide Gruppen zusammen, zum Beispiel auf Mallorca.

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© Xavi Garcia Tur/dpa

Text: Timo Dillenberger

Unsere Augen lenken uns ab!“ Sonja Mutschlers Sicht der Welt um sich herum hat sich seit ihrer ersten „Tour de sens“ komplett verändert. Verantwortlich für den Lernprozess waren andere Gäste der Reise, für die das Wort „Sicht“ eher übertragen gilt, denn sie sind blind oder sehbehindert. Die sehende Sonja war eigentlich als Begleitung der gemischten Reisegruppe mitgekommen. Doch sie erinnert sich heute weniger an die Verantwortung und die von ihr geleisteten „Blindenführer-Dienste“, sondern eher an die positive Lebenseinstellung, die ihr die Blinden mitgaben. Und an die geschärfte Sinneswahrnehmung, die sie durch ihre Aufgabe als Eins-zu-eins-Betreuung erfahren hat.

Die „Tour de sens“ ist kein karitativer Kurztrip, wie er von verschiedenen Gemeinden angeboten wird. Es ist ein ernstes und auch kommerzielles Reiseangebot für blinde und sehende Menschen. Das Prinzip: Durch den Mix bekommt jeder Teilnehmer mit Sehschwierigkeiten einen Partner – im wahrsten Sinne des Wortes an die Hand. Für die intensive Betreuung dürfen sich sehende Gäste zwar über die ein oder andere Vergünstigung freuen. Das ist für das Gros jedoch weit weniger wichtig, verglichen mit dem Erlebnis des Teamworks und der Verbundenheit der täglich wechselnden Zweiergespanne. Sonja Mutschler hat bereits mehrere solcher Reisen hinter sich und ist sich sicher: „Diese Erlebnisse wären für jeden Menschen heilsam! Man geht langsamer, aber bewusster durch die Welt, ohne diese übliche Hektik. Die Blinden würden jedem zeigen, dass unser dauerndes Gejammer vollkommen überzogen ist!“

Iris Barb hat bereits beide Welten erlebt. Ihre Augen verloren seit ihrer Teenagerzeit nach und nach ihr Sehvermögen im Randbereich, heute nimmt sie nur noch Kontraste im Sehzentrum war. Sie scheint die Zeit ein wenig zu bedauern, in der sie noch sehen konnte, aber wie die meisten Menschen nicht genau hinsah. Trotz oder gerade wegen ihrer Erkrankung gibt sie Sehenden den Tipp, wieder mal genauer hinzusehen.

Genau an diesem Gedanken entzündete sich auch der Ideenfunke von Laura Kutter, die gemeinsam mit ihrer Schwester Johanna die „Tour de sens“ ins Leben rief. Während eines langjährigen Aufenthaltes in Spanien führte sie Touristen durch ihre Zweitheimat. Das Tempo der „Touris“ und deren oberflächliches „Abarbeiten“ von Sehenswürdigkeiten und Sehenswertem entsprach jedoch nicht ihrer Begeisterung für die Gegend.

Ganz anders tickten da die Mitglieder des örtlichen Blinden- und Sehbehinderten-Vereins. Man unternahm erste gemeinsame Wanderungen und besuchte kulturelle Veranstaltungen. Dies ließ die Erkenntnis des Duos reifen: Hier gibt es nicht nur echten Handlungsbedarf, sondern auch eine Marktlücke. Bis zum sich tragenden Unternehmen mussten die tourismuserfahrenen Schwes­tern unzählige Arbeitsstunden auf eigene Kosten leisten. Bei der Vorbereitung von Reisen mit Sehbehinderten seien endlos viele Details im Vorfeld abzuklären, das reiche von der Eignung der Hotels inklusive Sensibilisierung des Personals über die Erkundung und Bewertung jedes einzelnen Wandermeters bis zu Sondervereinbarungen mit Museen. Diese folgen oft genug den Bitten der beiden Kutter-Schwestern und geben einzelne Kunstwerke zum „Ertas­ten“ frei, die­ andere Gäste nur von jenseits der Absperrung sehen.

In zwei vollen Reisesaisons seit der Selbstständigkeit konnten sie nun bereits 15 Reisen mit rund 180 Teilnehmern durchführen. Die Gäste hören auf Nachfrage gar nicht mehr auf, von der Liebe, Sorgfalt und Gründlichkeit der Reiseorganisation zu schwärmen. Jede mögliche Situation wird teils sogar auf Testreisen samt Test-Gast auf Tauglichkeit und Schwierigkeiten überprüft. Alle Routen zeichnen die Schwestern mit GPS-Trackern auf und vermerken mögliche Probleme im Gerät. Kulinarische Angebote werden gezielt ausgesucht, Wanderrouten ganz bewusst geleitet, um den Gästen auch ohne ­Bilder möglichst viel von der jeweiligen Region und ihren ­prägenden Eigenschaften zu vermitteln.

Ein Maximum an Eindrücken

Spanien und Portugal eignen sich nicht nur wegen Laura Kutters Ortskenntnissen besonders gut. Die Orangen- und Eukalyptus-Wälder, das Meer und die Landesküche bieten Nase und Gaumen Reize, die ein Sehender vielleicht gar nicht so intensiv wahrnimmt. „Wir fragen uns beim Ausarbeiten einer Reise immer: Was ist der Geschmack dieser Region? Was ist typisch? Ein Gang über den Markt ist deshalb obligatorisch“, meint Johanna Kutter.

An diesen Schnittstellen dreht sich das Verhältnis offenbar um: Diejenigen, die sonst die bildlichen Eindrücke für Nicht-Sehende beschreiben, lernen von den Blinden, Gerüche, Geschmäcker und Geräusche früher, deutlicher und intensiver wahrzunehmen. Sehende Begleiter berichten von Szenen, in denen den ihnen Anvertrauten wegen des Geruchs geräucherter Sardinen schon das Wasser im Munde zusammenlief, als das zugehörige Restaurant nicht einmal zu sehen war. Andere hörten Boote, die für den Begleiter erst Minuten später auftauchten. Gleichzeitig scheinen die Sehenden sensibler für ihre Umwelt zu werden. Dass Rauschen von Wäldern und Wasser kaum verschieden klingt, das wussten Blinde bereits, die Sehenden mussten sich erst von automatischen Assoziationen lösen. Sonja Mutschler sagt, sie nehme noch lange nach der Reise Sinneseindrücke ganz anders wahr. Und das schließe sogar das Sehen ein, denn wenn man für andere „mitsehe“, schärfe sich die Wahrnehmung von Details, die man für sich selbst vielleicht als unwichtig eingestuft hätte. Wahrscheinlich verhält sich das ähnlich zum Phänomen, wenn Schüler erst während eigener Erklärungsversuche eines Sachverhalts dessen Zusammenhänge verstehen.

Einen großen Anteil am Erfahren und Genießen haben vor allem bei Geburtsblinden die Hände bzw. das Tasten. Dabei sind die Organisatorinnen überrascht, mit welcher „Offenheit und Kreativität“ Veranstalter und Betreiber dem Thema entgegentreten. Highlight in diesem Sinne bleibt für die beiden Schwestern ein exklusiver Tag im Guggenheim-Museum in Bilbao. Eigentlich montags geschlossen, öffnete man nicht nur die Türen, sondern auch die Absperrungen für die Reisegruppe. „Eine Installation oder Skulptur von Richard Serra anzufassen und zu ertasten ist etwas Besonderes, ganz gleich, ob man sehen kann oder nicht!“, schwärmt Johanna Kutter heute noch von diesem Erlebnis.

Abstrakte Formen vermitteln

Schwerer wird das Vermitteln von Formen dann, wenn es nichts zum Tasten gibt. Umrisse von Gebäuden, Wolken, ganze Landschaftszüge oder zweidimensionale Bilder etwa bedürfen verbaler Erklärung oder, wie es die Schwestern alternativ versuchen, so vieler taktiler Hilfsmittel wie möglich. Taktil lässt sich verstehen als Synonym für den Tastsinn. Modelle, Karten, Umrisse und zur Not Hände und Füße helfen, Formen auch denen verständlich zu machen, die zum Beispiel nie Wellen gesehen haben. Der Bodensee hat in dieser ­„Sprache“ die Umrisse einer Faust mit gestrecktem Mittel und Zeigefinger. Nicht alle nehmen dabei Gegenstände gleich wahr. „Männer mit kräftigen Händen haben sicher ein anderes Bild von der gleichen Struktur im Kopf als eine zierliche Frau. Die Genauigkeit ist aber gar nicht so wichtig wie das eigentliche Erlebnis“, ordnet die erblindete Iris Barb diese Erkundungsversuche ein. „Allein schon etwas Neues mit den Händen und anderen Sinnen zu erkunden, ist toll ... In den Korkeichenwäldern sind die Begleiter immer wieder ausgeschwärmt und haben uns wilden Lavendel und Ähnliches herangeholt. Am Ende waren sie dann genauso beeindruckt von den Düften wie wir.“

Durch dieses Miteinander entstehe nach Aussage aller auch nie das Bedürfnis, sich bedanken zu müssen, auch Mitleid ist kein Thema in der Gruppe. Die blinden Gäste und die Veranstalter wissen sehr wohl, dass die Vollzeit­be­treuung und die ständige Verant­wortung auch eine gewisse Anstrengung in sich bergen. Ist eine Begleit­person mal erschöpft, dann springt eine der Schwestern sofort ein. Die Blinden sähen das nicht als persönliche Zurückweisung. Andersherum gehöre viel Mut und Vertrauen dazu, der Hand des meist völlig fremden Begleiters über steinige, enge Single-Trails, Klippen und entlang von Steilküsten zu folgen. Bei aller Begeisterung über Teamwork und Vertrauen: Bei der Frage nach persönlichen Highlights beschreibt Iris Barb fast sehnsüchtig einen Moment für sich allein: Am weitläufigen, flachen, weichen Strand konnte sie auf Taststock, Begleiter und jede Vorsicht pfeifen und ohne „Rücksicht“ und „Vorsicht“ einfach umhergehen, laufen, sogar in die Wellen rennen. Ein Genuss, ganz ohne Bilder.

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Ist das Gelände einfach zu laufen, fällt die Wandergruppe unter anderen kaum auf.
© Xavi Garcia Tur/dpa

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2014

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