Rudolf Wötzel: Der Umsteiger

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Umgestiegen: Statt der hektischen Geschäftswelt hat Rudolf Wötzel die einsame Bergwelt oberhalb von Klosters als lebenswerten Ort für sich entdeckt. © Friederike Brauneck

Viele sehnen sich danach, doch nur wenige setzen es wirklich um: Raus aus dem alten Leben, hinein in ein völlig neues! Rudolf Wötzel riskierte den Umstieg vom Investmentbanker zum Hüttenwirt.

Text: Friederike Brauneck

Rudolf Wötzel hatte sich schon lange entschieden. Schon bevor Altkanzler Helmut Schmidt in „Zeit Online“ den Beruf des Investmentbankers als „ein Synonym für den Typus Finanzmanager, der uns alle, fast die ganze Welt, in die Scheiße geritten hat“, bezeichnete. Diese harsche Kritik kann ihn nicht mehr treffen, denn schon lange, bevor diese Berufssparte den negativen Beigeschmack des Skrupellosen und Unersättlichen erhielt, hatte sich der 48-Jährige für den Ausstieg in die Schweizer Berge entschieden. Er wollte zurück. Zum wirklichen Leben.

Bei unserer ersten Begegnung denke ich, typisch Frau: was für ein gut aussehender Mann! Eher sanft und zurückhaltend, nicht smart oder schneidig, wie es das Klischee geprägt hat. Statt Anzug und Krawatte trägt er nun ein kariertes Hemd locker über den Jeans. Das passt hierher ins idyllisch-abgeschiedene Schlappintal, oberhalb von Klosters.

Die ganze Wirklichkeit sehen

Sein Ausstieg aus der Finanzmühle mit Mitte vierzig geschah aus persönlichen Gründen, begleitet von Panikattacken und rastloser Getriebenheit. Er ließ seinen Job als Investmentbanker, zuletzt im Beratungsgeschäft bei Lehman Brothers für große Kunden, hinter sich. Was zunächst als Sabbatjahr gedacht war und ausgefüllt wurde mit einer fünfmonatigen Alpenquerung von Salzburg nach Nizza, führte zum Bruch mit seinem bisherigen Leben. Er wollte „nicht die nächste Einheit planen“, sondern erst einmal seine Erfahrungen in einem Buch verarbeiten. Es verkaufte sich gut.

In der Rückschau wurde ihm klar, dass er während seines Jobs damals immer nur einen „unrepräsentativen Ausschnitt der Wirklichkeit“ erlebt hatte, wie er sagt. Ein schleichender Prozess, der ihn vom eigentlichen Leben entfernte.

Eine neue Aufgabe fand sich in dem kleinen Bergrestaurant Gemsli nahe Klosters. Zwei Jahre musste er, der Deutsche aus München, sich das Vertrauen der Alteigentümer erarbeiten und sie davon überzeugen, dass er das Schmuckstück in dem winzigen Walser-Weiler nicht privat, sondern weiterhin als Gaststätte mit Übernachtung nutzen würde. Hier sieht er die Möglichkeit, im kleinen Rahmen zu gestalten. Noch hilft die Familie des Vorbesitzers dem Gastronomie-Neuling aktiv im Tagesgeschäft, aber er ist bereits ­Eigentümer. Es gibt einen Koch, aber wenn Not am Mann ist, packt Wötzel auch am Herd mit an. Er tut dies vielleicht weniger professionell, aber mit Überzeugung und Begeisterung. Dafür geht er auch schon früh am Morgen Pilze suchen – und wenn sich keine finden, wird eben etwas anderes auf den Speiseplan gesetzt.

Realitätssinn gehört dazu

Seine persönliche Handschrift ist inzwischen erkennbar in dem traditionellen Haus. Helles Holz, schlicht und unverschnörkelt, mit sanften Farben kombiniert. Traditionelles aus der Graubündner Küche wird geboten: Bündner Fleisch, selbstgebackenes Birnenbrot mit ­Feigen, Nüssen und getrockneten Birnen im Zopfteig. Dazu einen „Röteli“, ein Likör aus getrockneten Kirschen, mit Obsttrester und Gewürzen versetzt.

Das Betreiben der Hütte bedeutet für Wötzel das „Vereinen von bewusster Unproduktivität und Nachhaltigkeit des Tuns“. Fünf Monate gutes Essen und Leben an ­einem herrlichen Flecken belohnen ihn dafür. Die Saison hier oben endet meist schlagartig – wer hier den Winter verbringt, wird „vom permanenten Kommunikator zum ­Eremit“, hat er im letzten Jahr erfahren.

Aber auch, wer dieses einfache Leben mit Enthusiasmus führt, muss sich der ­Realität des schnöden Mammons früher oder später stellen. Zur Zeit tragen dazu bei Rudolf Wötzel Bücherschreiben, ­Coaching und Vorträge bei. Ob er nun angekommen ist, frage ich mich – typisch Frau eben. Aber halt, er will ja nicht planen …

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2012

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