Auf fremden Pfaden zu Karl May

Mehr als nur ein Wanderweg: Wie ein begehbares Lexikon fesselt der Karl-May-Weg nahe dem Bergbaustädtchen Sulzbach an der Saar Wanderer wie Leseratten. Ihr Puls steigt, wenn sie sich durch die „Schluchten des Balkan“ schlagen oder die „Höhen von Dschinnistan“ bezwingen!

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Geschichten erwandern: In Sulzbach gibt es noch Cowboys und Indianer – jedenfalls, wenn man mit Hubert Dörrenbächer unterwegs ist.
© Beate Wand

Text: Beate Wand

Kieferngeruch streift die Nase. Vom Himmel brennt die Sonne. Kleine Fußabdrücke zeichnen eine Spur in den roten Sand – den Hang hinauf. „Little Bär“ steht dort oben, als Friedenspfeife ein reich beblättertes Ästlein im Mund. „Big Horse“ hat es für die kleine blonde Indianerin von einem Robinienbusch gezupft, bevor sie im Dickicht aus staksigen Fichten, Kiefern und Birken möglichst lautlos durch den Talgrund ritten – „Little Bär“ auf den Schultern von „Big Horse“. Sie späht. Kein weißer Mann ist zu sehen. Die Luft ist rein, sie können sich unbemerkt auf dem Sims um das „Tal des Todes“ herumschleichen …

Zugegeben, das klingt riskanter, als es ist: Der „Sims“ ist der bequem begehbare Karl-May-Weg (KMW), und er umrundet kein „Tal des Todes“, sondern eine vor über dreißig Jahren stillgelegte Sandgrube. Wildnis hat sie inzwischen zurückerobert. Ganz im Westen Deutschlands, im oberen Sulzbachtal, rund zehn Kilometer nordöstlich von Saarbrücken. Big Horse kennt das Gebiet wie seine Westentasche. Viele Jahre streifte er als „Hüter der Bäume“ durch diese Wälder. In seinem Wigwam liest er Karl May. Mit neun Jahren entbrannte seine Leidenschaft. Anfangs lockte das Verruchte. Später studierte er aufmerksam Vor- und Nachwörter, verglich verschiedene Ausgaben miteinander, las Kommentare über Mays Werke. So reifte er mit jedem einverleibten Band zu einem echten Kenner des als „sächsischer Lügenbold“ titulierten Schriftstellers heran.

Paradox – aber passend!

Warum nicht jemandem einen Wanderweg widmen, der nie vor Ort war? Nach diesem scheinbar paradoxen Konzept entstand in Sulzbach die Idee für einen Karl-May-­Themenweg. Schließlich hatte auch der wohl berühmteste deutsche Abenteuer-Autor die Schauplätze seiner Helden in Amerika und dem Orient nie gesehen, als er sie verfasste. Ihn inspirierte die Landschaft vor seiner Haustür. Details daraus übertrug er wie kein anderer in die Fremde. Die gröbere Umgebung dazu schrieb er einfach aus anderen Reiseerzählungen ab.

Bei der Planung des Wanderwegs bot sich für Big Horse alias Ex-Revierförster Hubert Dörrenbächer die einmalige Gelegenheit, selber Karl May zu spielen. „Was kann ich in seinem Stil verwenden?“, fragte sich der 67-Jährige. Im vertrauten Revier zwischen Ruhbachtal und Brennender Berg baldoverte er Stellen aus, die ebensogut als Westernkulisse taugen könnten. Koppeln und prärieartige Wiesen durchziehen das Tal des Ruhbachs im Nordosten. Im Südwesten formen ehemalige Steinbrüche und überwucherte Halden Talkessel und Schluchten. Sie ­erinnern an die Zeiten, in denen Bergbau, Glasmacherei, Alaun- und Salzgewinnung das Leben im Sulzbachtal prägten.

Ein Leben erwandern

Ein Krokodil lauert im Gras. Auf seinem weit aufgesperrten, aus einem Baumstamm gesägten Maul reitet Little Bär. Nun schnappt es nach Beute – vor der ­ersten von 38 Tafeln, die am Wegesrand aus Leben und Werk Karl Mays erzählen, aber auch Unbekannteres verraten: dass er komponierte, Goethe und Schiller verehrte, mystisch angehaucht war. Sie muten wie ein aufgeschlagener Buchrücken der grünen Reihe an. Big Horse steht neben „Ardistan“ und erläutert: „Es gibt immer eine Beziehung zwischen Tafeltext und Buchtitel, aber der Text bezieht sich nicht auf das Buch.“ Geboren als Sohn einer armen Weberfamilie im erzgebirgischen Ernstthal, im „niedrigsten, tiefsten Ardistan“ – wie May seine Auto­biografie beginnt –, kämpfte er sich auf einem Weg voller Irrungen und Wirrungen zu den Höhen von „Dschinnistan“ empor „ins Reich der Edelmenschen“.

Bei der nächsten Tafel sonnt sich der Autor zurückgelehnt auf einer Bank. In voller Lebensgröße: ins Holz geschnitzte Strähnen der zurückgekämmten Haare, hohe Stirn, große Augenhöhlen über platten Wangenknochen und die Lippen unter dem buschigen Schnäuzer leicht gespitzt. Sein Konterfei markiert den Weg – rot auf der Hauptschleife, grün auf der Dudweiler Schleife und den Zuwegungen (siehe Kasten S. 43). Hinter einem Abzweig symbolisiert ein Gitter mit darüberliegenden Ästen eine Gefängniszelle. Karl May saß mehrere Jahre ein. Wegen einer Bagatelle vorbestraft, durfte er kein Lehrer mehr werden. Er geriet auf die schiefe Bahn, hielt sich mit Betrügereien, Hochstapelei und Unterschlagung über Wasser, musste sich in Höhlen verstecken – Gelegenheit für intensive Naturstudien! Als er für (aus heutiger Sicht teils lächerliche Delikte) über sieben Jahre ins Kittchen wanderte, fraß er sich durch Bücher und beschloss, Schriftsteller zu werden.

Den kompletten Artikel finden Sie in Heft 2/2016 von Wanderlust. Hier können Sie das Heft nachbestellen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2016

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