Hafen, Hanse, Hering

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Backtstein, B(r)aukunst, Brathering: Autorin Beate Wand beginnt die Runde durch die Hansestadt im Alten Hafen.
© Beate Wand

Schon kurz nach seiner Gründung wuchs Wismar über sich hinaus: Die Hansischen wollten ihre Konkurrenten mit riesigen Backsteinkirchen beeindrucken. Dazu hinterließen sie den heute knapp 43.000 Einwohnern schmucke Handelshäuser hinter einem stimmungsvollen Hafen.

Text: Beate Wand

Gleich fällt er um! 32 Meter Holz, von der Wasserlinie bis in die Spitze. Harz quillt aus den Ritzen. Es quietscht, wenn das Windfähnchen oben umschlägt. Jedes Mal, wenn die Augen an der Takelage hinaufgleiten, scheint der Mast ins Wanken zu geraten, auf mich zu kippen. „Wegen der Wolken“, tönt eine Stimme mit nordisch-frischem Zungenschlag, „wenn die ziehen, wirkt das so.“ Die 54 Meter hohe Douglasie wurzelte einst im Südharz. Seit 2006 stemmt sich ihr Stamm aus dem Rumpf der Kogge Wissemara gen Himmel. Von etwa Ostern bis Ende Oktober bläht sich daran ein riesiges Rahsegel, wenn das mittelalterliche Handelsschiff für einen Törn durch die Wismarbucht ablegt. Auf dem weißen Tuch streckt ein halber Stierkopf mit goldener Krone die Zunge heraus, daneben liegen vier rote und weiße Querbänder übereinander – die Farben der Hanse und das Wappentier der mecklenburgischen Herzöge schmücken das frühere Wappen von Wismar.

„Für unser neues Rahsegel musste der Segelmacher extra eine Turnhalle anmieten, um die 276 Quadratmeter aufzumessen“, berichtet Frank Töpfer, dem die Stimme gehört. Er ist eines von 330 Mitgliedern des Fördervereins Poeler Kogge. Seine Nachmittage verbringt der frühere Werftarbeiter oft auf dem bauchigen Boot, an dessen Rumpf sich die Planken wie Dachziegel überlappen. Geduldig erklärt er Besuchern, die das Steuerrad suchen: „Gab es damals noch nicht!“ Ende der 1990er Jahre zogen Archäologen vor Timmendorf auf der Insel Poel ein freigespültes Wrack aus der Ostsee und datierten es auf das 14. Jahrhundert. Daraufhin schlossen sich Begeisterte aus Wismar und Umgebung zusammen, um die mittelalterliche Kogge nachzubauen. Sie tauften das Replikat Wissemara, nach dem heute nicht mehr existierenden Flüsschen „Aqua Wissemara“, das der Hansestadt vermutlich seinen Namen gab.

Eine Gangway verbindet die hochgezogene Bordwand mit dem Kai im Alten Hafen. Gegenüber stapeln sich in der Abendsonne rot glühende Klinker zu den hochgezogenen Wänden ehemaliger Getreidespeicher. Mittlerweile „lagern“ in den einstigen Silos Urlauber in schicken Ferienapartements. Zur Hafenspitze weitet sich der Blick. Blau-gelbe Kräne schwenken ihre giraffenartigen Hälse, auf einem Ponton mit der Aufschrift „Glückauf“ steigt der Kranführer aus, gegenüber rollen vor dem Torfterminal Güterwaggons über die Gleise. Eine charmante Mischung aus Betriebsamkeit und entspannten Touristen, die über die Pier der Altstadt entgegenbummeln. Fuchteln sie plötzlich hektisch in der Luft herum, verteidigen sie ihren frisch an der Hafenkante erstandenen Brathering gegen angriffslustige Möwen. Füttern ist strengstens verboten, warnen Schilder. Strafen von bis zu 5.000 Euro sollen abschrecken.

Den kompletten Artikel lesen Sie in wanderlust 3/2020. Das Magazin können Sie hier nachbestellen.

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