Reinhardswald: Rund ums Märchenschloss

Knorrige Eichen, Dschungel von Adlerfarn und riesenhafte Baumgestalten am Wegesrand: So präsentiert sich der Urwald Sababurg im nordhessischen Reinhardswald dem Besucher. Kein Wunder, dass sich die Gebrüder Grimm von diesem Schauplatz zu vielen Märchen inspiriert fühlten. In Begleitung eines ehemaligen Revierförsters kommt man so manchen Geschichten und jahrhundertealten Geheimnissen auf die Spur …

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Weltbekannt: 1812 erschien das Märchen „Dornröschen“ der Gebrüder Grimm. Könnte das rosenumrankte Schloss Sababurg im Reinhardswald ihr Schlafplatz gewesen sein? © pa/dpa

Text: Anne Meyer

Hermann-Josef Rapp läuft plötzlich schneller. „Was ist denn hier passiert?“, ruft er ganz aufgeregt. „Vor drei Tagen hatten wir das noch nicht!“ Ich bemühe mich, mit dem pensionierten Förster Schritt zu halten, und nach ein paar Metern sehe ich es auch: Eine gewaltige, aber altersschwache Buche ist auf halber Stammeshöhe abgebrochen und liegt nun, über eine Länge von bestimmt dreißig Metern, vor uns auf dem Waldboden. Monströse Holzsplitter ragen in den Himmel. Wenn Bäume sterben, zieht sich das normalerweise über ­Jahre und Jahrzehnte hin. Doch wenn die Wurzeln dem Wind nicht mehr standhalten können, kommt das Ende abrupt. „Das tut einen Schlag wie ein Büchsenschuss, dann fällt das Ding um“, sagt Rapp. Befänden wir uns in einem herkömmlichen Wald, würden bald die Waldarbeiter einmarschieren, um die Buchenleiche aus dem Weg zu räumen. An diesem Wald ist aber nichts gewöhnlich. Wir wandern durch den nordhessischen Reinhardswald, ein großes, völlig abgelegenes Waldgebiet nördlich von Kassel. Seine dunklen Täler und schönen Wasserläufe, vor allem aber die mächtigen Bäume haben die Menschen zu vielen Volksmärchen inspiriert. Die Brüder Grimm, die in Kassel lebten, haben die Märchen vor rund 200 Jahren gesammelt und aufgeschrieben. Besonders verwunschen ist der Teil des Reinhardswaldes, in dem wir nun vor der frisch umgestürzten Buche stehen. Es ist der Urwald Sababurg, benannt nach einem benachbarten Schloss aus dem 14. Jahrhundert. Ein echter Urwald ist es natürlich nicht. Der Mensch hat hier irgendwann einmal sogar sehr gründlich seine Finger im Spiel gehabt, wie ich später erfahre. Doch immerhin: „Wenn hier ein Baum umfällt, dann bleibt er liegen“, sagt Rapp. Eben dieses tote Holz ist es, das dem Wald sein urwaldhaftes Aussehen verleiht.

Bald werden sich Hunderttausende von Pilz-, Flechten- und Moosarten des Holzes bemächtigen; Insekten, Asseln, Schnecken und Würmer werden sich darin tummeln. Sie leben vom Tod der Bäume und sorgen dafür, dass diese in den Kreislauf des Waldes zurückkehren. „Eremitenlebensräume“ sagen verzückte Biologen dazu; die seltenen Käfer darin nennen sie „Urwaldreliktarten“. Wissenschaftler sehen in den umgefallenen Baumriesen vor ­allem ein Symbol für das Ökosystem Wald.

Den meisten Wanderern im Urwald geht es da wohl eher wie den Brüdern Grimm. Sie erkennen Märchenhaftes in der urwüchsigen, bizarren Ästhetik des Totholzes. Sieht diese Eiche nicht aus wie ein Kobold? Und diese hier wie eine verwandelte Prinzessin? Wenn es Dornröschen tatsächlich gegeben hat, denkt man, dann muss es wohl hier gelebt haben, und Rotkäppchen hier dem Wolf begegnet sein.

Den kompletten Text inklusive aller Fotos, der Tourenbeschreibung sowie der Tourenkarte zum sammeln und nachwandern erhalten Sie in Heft 2/2012 von wanderlust.

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Nahe der Stadt Hofgeismar liegt das Schloss Sababurg. Es war zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein Jagdschloss des Landgrafen Wilhelm II. © pa/dpa

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2012

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