Zeitlos schön

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Unterwegs mit Bergwandererführerin Marlies Speicher im Grenzgebiet zu Österreich.
© Wolfgang Stelljes

Das Dürrnbachhorn gehört zu den schönsten Gipfeln in den Chiemgauer Alpen und die Winklmoosalm zu den bekanntesten Almen. Und auch sonst ist Reit im Winkl ein Ziel, das man durchaus öfter besuchen kann.

Text: Wolfgang Stelljes

Beginnen wir mit einem Geständnis, auch wenn unser Ruf in der Wander-Community ein wenig leiden könnte: Ja, wir haben die Seilbahn genommen, von der Winklmoosalm hinauf zur Bergstation Dürrnbachhorn. Zweierlei können wir zu unserer Ehrenrettung vorbringen: Erstens handelt es sich nicht um eine gewöhnliche Seilbahn, sondern um eine Nostalgiebahn. Und zweitens wollte ich Erinnerungen auffrischen. Denn vor genau 30 Jahren war ich zusammen mit meinem Vater auf dem Dürrnbachhorn. Auch damals sind wir mit der Bahn gefahren.

Nur meine Mutter hat nicht die besten Erinnerungen an Reit im Winkl. Eigentlich wollte sie zusammen mit meinem Vater Urlaub machen, wählte dann aber für eine abendliche Runde das falsche Schuhwerk; drei Wochen lag sie in Gips. Also rief mein Vater an, ob ich ihm nicht Gesellschaft leisten wolle. Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, nach Reit im Winkl zu fahren, Maria Hellwig, das war nicht so meins. Nun aber lockte die Aussicht auf einen günstigen Urlaub, mitten in den Semesterferien. Ich fuhr los. Höhepunkt unserer gemeinsamen Tage: der Kauf der ersten Wanderschuhe und die Tour auf das Dürrnbachhorn.

Die Winklmoosalm

30 Jahre sind seither vergangen, ein bisschen aus der Übung bin ich schon. Da hilft nur eine Art individueller Coach: Marlies Speicher, geprüfte Bergwanderführerin, be­gleitet mich und meine Frau. Wir treffen sie vor der Hütte der Bergwacht auf der Winklmoosalm. Speicher ist guter Dinge, wir haben „Kaiserwetter“, ideal fürs Bergwandern. Vor jeder Tour geht sie auf die Internetseite der Wetterstation Innsbruck; sicher ist sicher.

Neben uns hält ein Traktor, zwei Männer „ratschen“. „Die Almbauern haben hier das Sagen“, sagt Speicher. Seit 1868 werden die Flächen dort genossenschaftlich bewirtschaftet, aufgeteilt nach „Kuhgräsern“, so heißen die Anteile am ­Weiderecht. „Eine intakte Almwirtschaft, von Menschenhand kultiviert“, sagt Speicher. „Gäbe es die Bauern nicht, würden wir im Wald stehen.“

Unser erster Weg führt uns zur Kapelle Mariä Himmelfahrt, dem Wahrzeichen der Alm. Nicht weil wir besonderen Beistand nötig hätten, sondern weil wir vielleicht etwas zu ungläubig geguckt haben, als Speicher erzählte, dass sie von Kindesbeinen an auf der Alm war, ganze Sommerferien lang. „Schwammerl“ und Beeren hat sie gesammelt und aus Seidenpapier Kronen gebastelt, die die Kühe beim Almabtrieb tragen. Gemeinsam werfen wir einen Blick in die kleine Kapelle, in der Bilder die Erinnerung wachhalten an verstorbene Almbewohner, darunter ihre Schwiegereltern.

Die Nostalgiebahn

Die Nostalgiebahn, Baujahr 1952, ist ein kleines Abenteuer für sich: keine geschlossenen Kabinen, sondern offene Holzsitze, die an gebogenen Metallstangen baumeln. Ein freundlicher Mensch hilft beim Einsteigen, ein Schwenkbügel verhindert ein vorzeitiges Aussteigen. Lisa, meine Frau, wäre vermutlich gar nicht mitgefahren, hätte sie genau gewusst, auf was sie sich da einlässt. Nun lässt sie zwar die Beine, aber nicht die Seele baumeln. Dabei geben die Bäume immer wieder den Blick frei auf das Dürrnbachtal zu unserer Linken. 20 Minuten dauert die Fahrt, von 1.195 Meter geht es hinauf auf 1.610 Meter, mit einer Geschwindigkeit von 1,6 Metern pro ­Sekunde.

Hans Finger, als Gärtner eigentlich eher für das Drumherum zuständig, rückt auf der Terrasse der Bergstation extra einen Edelweißtopf zur Seite, damit wir ein Foto machen können. Die Kulisse beeindruckt: rechts Bayern mit dem Geigelstein, direkt vor uns die Tiroler Berge mit dem Wilden Kaiser, „der steht majestätisch da“, weiter links die schneebedeckten Gletscher des Alpenhauptkamms, Großvenediger und Großglockner, und ganz links die Berchtesgadener Berge. „Nicht schlecht“, denkt sich der Norddeutsche. Dabei ist es ja erst der Anfang.

Das Dürrnbachhorn ruft

Der Aufstieg beginnt, kurz und steil, in für uns ungewohntem Gelände. Marlies Speicher empfiehlt kleine Schritte und einen aufrechten Gang. Sie sieht es sportlich: „Die Goldmedaille zeigen wir her.“ Gebirgslatschenkiefern, die ich bislang bestenfalls als Duftkonzentrat wahrgenommen hatte, säumen den Wegesrand und geben mitunter zusätzlichen Halt.

Wir passieren einen Stein und folgen dem Weg zum Gipfel quasi auf der Grenze zu Österreich – für Speicher eine gute Gelegenheit, die Geschichte vom „Schell-Unter“ zu erzählen. Denn nach den Wirren der napoleonischen Kriege war ganz Reit im Winkl ein „weißer Fleck auf der Landkarte“, von den Mächtigen der Welt vergessen. Also trafen sich die Regenten von Bayern, Salzburg und Tirol, um die Dinge friedlich zu regeln. Ein Kartenspiel sollte entscheiden, zu wem das Hochtal gehört. Der Kurfürst von Bayern machte den entscheidenden Stich, den „Schell-Unter“, so will es die Sage. Das nahe Salzburg hätte auch gepasst, sinniert Speicher, jedenfalls was das Brauchtum betrifft. Und auch vom Gemüt her, denn hier wie dort gebe es eine große Gelassenheit und den Glauben, dass etwas gut ausgeht, ganz nach dem Motto: „Schaun mer mal, das kriegen mer scho“.

Endlich, der Gipfel, 1.776 Meter über Normalnull. „Da vorne, die Kante, da ist Schluss“, sagt Speicher. Vor uns geht es steil runter. Die alpinistisch deutlich anspruchsvollere Nordseite wurde 1906 erstmalig bestiegen, durch Walter ­Schmidkunz, auch ein Journalist, auch ­geboren im hohen Norden, damit hören die ­Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Zu unseren Füßen liegt das Naturschutzgebiet Östliche Chiemgauer Alpen und irgendwo in der Ferne Traunstein. „Es ist ein bisserl diesig“, sagt Speicher, „wenn es föhnig ist, dann ist es glasklar.“ Zitronenfalter und Pfauenauge umschwirren uns, dazu ein paar Bergdohlen, alles andere als scheu. Speicher packt ihren Rucksack aus. Immer hat sie ein Erste-Hilfe-Paket inklusive Biwaksack dabei. Und ein Seil, „wenn sich jemand fürchten sollte“, weil es mal etwas steiler zugeht.

Ständig kommen neue Gipfelstürmer, Einheimische wie Urlauber. Die einen ­grüßen kurzatmig „Hallo“, die anderen entspannt „Grüß di“. Und alle machen ein ­Selfie. Die Mutigen gehen weiter über ­einen Grat, doch der ist nur für Leute, die trittsicher und schwindelfrei sind; also nichts für uns. Wir nehmen den Weg, den wir gekommen sind, aber nicht die Nostalgiebahn, sondern einen schmalen Pfad hinab ins Finsterbachtal, den wir ohne Marlies Speicher vermutlich nicht gefunden hätten. Unseren Endspurt absolvieren wir im Schatten ­hoher Bäume auf einem Forstweg.

Max, Rosi, Evi & Co.

Die Winklmoosalm ist mit 560 Hektar die größte Alm Deutschlands, so bekannt wie sonst vielleicht nur noch die Seiser Alm. Und es ist der bekannteste Ortsteil von Reit im Winkl. Hier ist sie großgeworden, die Frau, die alle nur „die Rosi“ nennen, wahlweise auch „die Goldrosi“. 1976 gewann Rosi Mittermaier in Innsbruck in den alpinen Disziplinen drei olympische Medaillen, davon zwei goldene. Und so wie Maximilian II., dem bayrischen König, das Verdienst gebührt, mit seinem Besuch anno 1858 den Tourismus angeschoben zu haben, so hat Rosi Mittermaier „den Wintersport gepuscht“. Auch ihre Schwestern Heidi und Evi sammelten fleißig Medaillen. Plötzlich war die Winklmoosalm in ­aller Munde und „ein touristisches Aushängeschild“, noch dazu leicht erreichbar, sagt Florian Weindl. Wobei der Tourismus-Chef von Reit im Winkl sofort darauf hinweist, dass der schneesichere Ort auch andere Größen des Wintersports hervorgebracht hat, Evi Sachenbacher-Stehle zum Beispiel, ebenfalls Olympiasiegerin. Außerdem gebe es auch heute noch „eine ganze Handvoll“ aussichtsreicher Kandidaten für die nächsten Spiele, nur Namen nennt Weindl nicht, „kein Druck, bitte!“.

Die ganze Geschichte finden Sie in Ausgabe 3/22, hier im Shop erhältlich.

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