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Lesedauer 7 Min.

Die Frau, die nicht ankommen will

Christine Thürmer hat rund 70.000 Kilometer zu Fuß ­zurückgelegt. Im Gespräch ­erzählt sie, warum Rekorde zweitrangig sind, Ankommen traurig machen kann – und weshalb eine warme Dusche manchmal größeres Glück ­bedeutet als jedes Panorama.
Christine Thürmer
© Christine Thürmer

wanderlust: 70.000 Kilometer zu Fuß – fühlt sich das wie ein Rekord an, den man verteidigen muss?

Christine Thürmer: Nein. Mit dem Titel der „meistgewanderten Frau der Welt“ habe ich mich eh sehr schwergetan. Auch reizt es die Leute zu widersprechen. Mindestens einmal im Jahr schreibt mir jemand, er sei Briefträger, gehe viel mit dem Hund spazieren oder habe auf andere Weise längst mehr Kilometer gesammelt. Dann sage ich: Zieh gern mit deinem Hund und zehn Kilo Gepäck los und zelte abends – mal sehen, wie weit du kommst.

 

Um Rekord geht es also nicht.

Nein, mir geht es nicht um Kilometer. Das Attribut „meistgewanderte Frau“ ist eher aus der Strategie meiner Agentur entstanden.

Nun stimmt es ja wahrscheinlich. Und es imponiert auch.

Ja, ich bin für viele Frauen meiner Generation ein Role Model. Drei Viertel meiner Follower sind Frauen. Und gerade Frauen meiner Generation interessieren sich sehr für Outdoor, haben aber oft kein glaubwürdiges Vorbild.

Auch, weil Outdoor noch immer männlich geprägt ist.

Und wenn Frauen sichtbar werden, sind es oft junge Influencerinnen: lange Haare, straffe Figur, alles sieht wahnsinnig gut aus. Wenn die sagen: „Wandern kann jeder“, ist das für viele nicht unbedingt glaubwürdig. Und dann komme ich: plattfüßig, X-Beine, übergewichtig. Ich bin eine von ihnen. Wenn ich sage: Die meistgewanderte Frau der Welt hat ganz bestimmt keine Idealfigur, dann wirkt das glaubhaft. Genau diese Identifikation ist wichtig.

Was motiviert Sie zum Weitwandern?

Das ist tatsächlich meine Berufung. Und mein Beruf – aber vor allem meine Berufung. Ich laufe einfach wahnsinnig gerne. Das ist der Lebensstil, der mir am meisten Spaß macht.

Keine Selbstoptimierung, kein Ich muss es mir beweisen?

Natürlich gab es am Anfang auch ­Phasen, in denen ich ausprobiert habe: Schaffe ich das? Kann ich zwei Wochen lang jeden Tag 50 Kilometer laufen? Aber mittlerweile habe ich mir das so oft bewiesen, dass dieser Antrieb kaum noch eine Rolle spielt. Es geht nicht darum, immer höher, schneller, weiter zu kommen.

Sondern?

Um das Unterwegssein selbst. Ich bin gerade in der Phase, in der die Wandersaison beginnt, und ich bin sehr glücklich, dass es losgeht. Das ist nicht dieses Gefühl: Ich muss jetzt raus, weil mein normales Leben furchtbar ist. So war es bei mir nie. Ich habe gern gearbeitet, ich hatte auch Job­angebote. Ich habe mich nicht gegen etwas entschieden, sondern für etwas. Für diesen Lebensstil. 

Dieses Unterwegssein war Ihnen aber nicht in die Wiege gelegt. Als Kind, heißt es, mochten Sie Wandern gar nicht.

Ich musste als Kind mit meinen Eltern zu irgendwelchen Bierkellern wandern – mit Wadenstrümpfen und Kniebundhosen. Wandern war, so wie ich es kennengelernt habe, unglaublich unsexy. Das war die Generation Volksmärsche, Thermoskanne, Flachmann, bundesdeutsche Qualitätswanderwege und Biertrinken.

Wandern in Fernost: In Japan und Südkorea traf Christine Thürmer auf Wege, die klimatisch, topografisch und kulturell ganz andere Anforderungen stellen.

© Christine Thürmer

Wann hat sich dieses Bild verändert?

2003, bei meinem ersten USA-Aufenthalt. Ich war damals Prokuristin, hatte richtig Karriere gemacht und mir einen Urlaub in Kalifornien gegönnt: San Francisco anschauen, den Yosemite-Nationalpark. Dachte dann: Jetzt gehst du halt mal eine Woche wandern. Ich hatte mich vorher in großen Outdoorketten völlig überausstatten lassen mit Dingen, die aus heutiger Sicht keiner braucht.

 

Dort sind Sie dann auf Langstreckenwanderer getroffen?

Genau. Ich saß auf dem Campingplatz, ziemlich behäbig, mit ­lauter biertrinkenden Amerikanern – und dann kamen diese Thru-Hiker an. Also Menschen, die eine lange Strecke in einer Saison durchwandern. Von Mexiko nach Kanada. Das war eine völlig andere Größenordnung als alles, was ich kannte. Zerlumpt, braungebrannt, minimalistisch, mit dem Geruch der großen weiten Welt. Da habe ich gesehen: Wandern kann auch ganz anders sein. Und ich dachte: Wow, das will ich ausprobieren.

Aus diesem Ausprobieren wurde dann der Pacific Crest Trail, einer der großen US-Fernwanderwege – mehr als 4.000 Kilometer von Mexiko nach Kanada. Sind Sie mit dem Anspruch gestartet, das schaffen zu müssen?

Nein. Eher mit der Frage: Kann ich das? Ist das etwas für mich? Damals kam einiges zusammen: Ich bin aus meinem Job geflogen, und dann ist noch ein guter Freund von mir gestorben. Ich dachte: Jetzt ist die Chance. Es hätte auch nach hinten losgehen können.

Aber es ging nicht nach hinten los.

Nein. Wobei das allen klar war, außer mir. Meine Freunde sagten: Wenn das jemand schafft, dann du. Mir war das überhaupt nicht klar. Die Abbruchquote auf so langen US-Trails liegt bei ­etwa 80 Prozent. Trotzdem wusste ich nach zwei Wochen: Das ist es jetzt. Nicht nur diese eine Wanderung – das will ich generell machen.

War es ein innerlicher Triumph zu merken: Ich kann das!

Nicht im klassischen Sinn. Ich gehe solche Projekte nicht nach dem Motto an: Ich setze mir ein Ziel, erreiche ich es, habe ich gewonnen, wenn nicht, habe ich verloren. Diese Herangehensweise sorgt nur für Frust. Ich hatte eher eine Labor-Haltung, wie bei einer wissenschaftlichen Arbeit. Die Frage lautet: Kann ich von Mexiko nach Kanada wandern? Die Antwort ist ja oder nein. Egal, was herauskommt, es gibt kein Gewinnen oder Verlieren.

Was passiert mit einem, wenn man dann nach 4.277 Kilometern an der kanadischen Grenze steht?

Erst einmal ist man traurig. In dem Wanderführer damals stand ein japanisches Haiku, sinngemäß: Wenn das alles ein Traum ist, möchte ich nicht aufwachen. Je näher ich der kanadischen Grenze kam, desto mehr wurde mir klar, was damit gemeint war.

Weil mit dem Ziel auch die Wanderung endet?

Genau. Ich hatte das Gefühl: Das ist gerade mein Leben, das ist das, was ich tun will. Und je näher wir dem Ende kamen, desto langsamer wurden wir. Niemand wollte wirklich ankommen. Denn wenn man ankommt, ist es vorbei. Dann wacht man auf und ist zurück im normalen Leben.

Wirklich keine Euphorie bei der Ankunft?

Natürlich war da auch Freude. Aber eben auch dieses: Oh Gott, jetzt ist diese schöne Zeit vorbei. Später wurde das noch deutlicher. Ich bin ja dreieinhalbmal durch Europa gewandert, jeweils 7.000 bis 8.000 Kilometer. Als ich einmal in Tarifa ankam, am südlichsten Punkt des spanischen Festlands, dachte ich nur: Mache ich jetzt das Abschlussfoto – oder gehe ich erst ins Hotel und dusche? Und dann bin ich erst duschen gegangen. Das Ankommen wird irgendwann nebensächlich.

 

Ein Platz im Wald genügt zum Lebensglück: Christine Thürmer schätzt beim Weitwandern die Freiheit, überall übernachten zu können.

© Christine Thürmer

Das Ziel verliert also an Bedeutung, weil das Unterwegssein wichtiger wird.

Und daran erkennt man auch, aus welchem Grund Menschen überhaupt unterwegs sind. Grob gesagt gibt es Wegwanderer und Hinzuwanderer. Die Mehrzahl der Menschen, die lange Distanzen gehen, sind Wegwanderer.

Also Menschen, die von etwas weggehen?

Da geht es vor allem darum, aus einer unangenehmen Lebenssituation wegzukommen. Man kann Hape Kerkeling nehmen oder Cheryl Strayed. Bei ihr waren es Drogensucht, Verlust, schwierige Lebensumstände. Bei Hape Kerkeling war es, salopp gesagt, Erschöpfung, Gewicht, Burnout. Da ist im normalen Leben vieles schwierig, und die Wanderung wird zum Mittel der Flucht.

Und wenn diese Menschen ihr Problem gelöst haben?

Dann gehen viele zurück in ihr altes Leben. Hape Kerkeling hat seinen Pilgerweg gemacht, ein Buch darüber geschrieben, und dann war es das. Im Prinzip hätte er auch Fahrrad fahren oder segeln können. Er ist eben zufällig beim Wandern gelandet.

Und Sie zählen sich zu den anderen?

Ja, zu den Hinzuwanderern. Mir wurde damals zwar gekündigt, aber mir hat Arbeiten immer Spaß gemacht. Ich hatte auch Jobangebote und hätte einfach weitermachen können. Ich war überhaupt nicht angewidert vom Kapitalismus, war auch keine klassische Aussteigerin. Ich habe nur gemerkt: Das Wandern macht mir Spaß. Und das wollte ich immer wieder erleben.

 

Das vollständige Interview gibt es in der aktuellen Ausgabe der Wanderlust und natürlich im Wanderlust-Abo! 5 x im Jahr.

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Zur Person

Christine Thürmer zählt zu den bekanntesten Weitwanderinnen im deutschsprachigen Raum. Rund 70.000 Kilometer hat sie zu Fuß zurückgelegt, dazu kommen Zehntausende Kilometer mit dem Fahrrad und mehrere Tausend mit dem Boot. Doch wer von ihr eine klassische Abenteuererzählung erwartet, bekommt etwas anderes: Thürmer spricht nicht gern über Rekorde, nicht über Heldentum und auch nicht über das große Gipfelglück. Im Gespräch mit Stefan Brunner erzählt sie stattdessen, warum Ankommen irgendwann nebensächlich wird, weshalb sie sich nicht als Aussteigerin versteht und wie Weitwandern den Blick auf das eigene Leben verändern kann. 

 

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