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Am deutschen Amazonas

Undurchdringlicher Urwald, Lianen, seltene Vogel-, Amphibien- und Fischarten, mäandrierende Flussarme: All das gibt es nur in Südamerika? Falsch! In der Südpfalz, ganz nah an der Grenze zu Frankreich, hat sich am Altrhein ein absolut faszinierendes Naturparadies bewahrt.
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PfalzTouristik

„Unsere Schwäne trauern dieses Jahr. Das sehe ich ihnen richtig an“, sagt Hermann Schwäger und deutet auf ein Paar am flachen Ufer. Die Köpfe unter die Flügel gesteckt, ruhen die beiden Vögel teilnahmslos in der Sonne. „Sie haben keine Jungtiere, deshalb sind sie so deprimiert.“ Der viele Regen im Frühjahr führte dazu, dass der Flusspegel sprunghaft anstieg und die Eier aus den Nestern fortspülte. „Für Schwäne, die nur einmal im Jahr brüten, ist das eine Katastrophe“, bemerkt der 73-Jährige und steuert das Elektroboot langsam an dem depressiven, weil nachwuchslosen Vogelpaar vorbei. Wir befinden uns auf einem urwüchsigen Arm des Altrheins, man könnte auch sagen: Wir erkunden den Pfälzer Amazonas. Hell glitzert der Fluss im Sonnenlicht. Ein Kormoran breitet die majestätischen Schwingen aus, hebt ab und peitscht dabei das Wasser auf. Ein paar Meter weiter döst eine Sumpfschildkröte auf einem Stück Treibholz vor sich hin. Rechts und links des Ufers erhebt sich dschungelartiger Auwald. Silbrig schimmernde Weiden, mächtige Pappeln und Erlen ragen weit ins Wasser hinein. „Das Einzige, was uns fehlt, sind die Alligatoren im Uferbereich“, scherzt Schwäger. „Dafür sieht man hier vor allem im September ganz viele Eisvögel. Und schauen Sie mal da rechts – da schwingt sich gerade ein Purpurreiher in die Luft! Die sind in Deutschland ganz selten.“

© Alexa Christ

SÜMPFE, SCHWEMMLAND UND SCHLEIFEN VOR DER BEGRADIGUNG

Noch vor rund 200 Jahren wand sich der heute so regulierte Rhein zwischen Basel und Bingen in gewaltigen Mäandern durch eine weite Auenlandschaft, trat mit schöner Regelmäßigkeit über seine Ufer und war alles in allem ziemlich unberechenbar. Doch dann kam ein Mann namens Johann Gottfried Tulla. Als Oberingenieur im Dienst des Markgrafen von Baden begann der Pfarrerssohn aus Karlsruhe 1817 mit dem gigantischen Projekt der Flussbegradigung. Dabei kappte er dem Rhein die Schlingen und zwang ihn in ein einheitliches Bett von maximal 250 Metern. Als 1876 die Regulierung des Oberrheins lange nach Tullas Tod abgeschlossen war, hatte sich der Lauf des Flusses um 81 Kilometer verkürzt. „Für die Menschen war das ein Segen“, berichtet Hermann Schwäger. „Die Hochwassergefahr ließ deutlich nach. Das Land entlang des Stroms – damals das größte Malariagebiet Europas – wurde entsumpft, sodass urbares Ackerland entstand. Die Schiffe auf dem Rhein mussten nicht mehr stromaufwärts gezogen werden, und die Landesfürsten von Baden, Frankreich und der bayerischen Pfalz mussten nicht mehr nach jedem Hochwasser neue Grenzverläufe festlegen“, zählt Schwäger die Pluspunkte auf. Sein Blick wird ernst. „Aber für die Natur war es eine Katastrophe. 90 Prozent der Auwälder mit ihrer artenreichen Tier- und Pflanzenwelt starben ab.“ Zum Glück ist rund um das südpfälzische Germersheim ein schmales Band dieser ursprünglichen Auenlandschaft aus Altrheinarmen, rinnenartigen Schluten, Tümpeln, Wasserlöchern und Baggerseen erhalten geblieben. Ein einmaliges Naturparadies, das sich wunderbar zu Fuß entdecken lässt. Im kleinen Örtchen Hördt etwa. „Unser Treidlerweg erinnert daran, dass vor dem Aufkommen der Dampfschifffahrt die Schiffe und Boote an langen Leinen von Knechten und Zugtieren flussaufwärts gezogen werden mussten“, erzählt Wegewart Hubert Ehnes vom Pfälzerwald-Verein. Der knapp 13 Kilometer lange Rundweg beginnt am Michelsbach, vorbei an Grasund Schilfflächen, und folgt dem Bogen des Altrheins. Schwarz-blaue Libellen schwirren zahlreich durch die Luft, paaren sich im Flug. Schon bald führt der Weg in den Auwald, der mit jedem Schritt urwüchsiger und erdiger zu werden scheint. Ein Springfrosch hüpft über den Weg. Unter den Bäumen breitet sich ein Teppich aus Schachtelhalmen aus. An die raue Borke riesiger Pappeln schmiegt sich Efeu, der massive Stämme entwickelt hat. Selbst Lianen und die seltene Wilde Weinrebe findet man in diesem „Dschungel“. „Am Boden lässt sich gut die Reliefstruktur erkennen, die durch die vielen Hochwasser geschaffen wurde“, bemerkt Ehnes. Immer mehr sumpfige Stellen tauchen auf. Bald sind es kleine Seen sowie Fischteich um Fischteich, die links und rechts des Wegs für entzückte Ahs und Ohs sorgen. Üppiges Grün rahmt die Naturschönheiten ein. Hier treibt Totholz im Wasser und bildet das perfekte Stillleben, dort schwimmen Teich- und Seerosen wie in einem Gemälde von Monet. Bereits seit 1966 ist die Hördter Rheinaue Naturschutzgebiet. In Deutschland gibt es nur noch zwei Prozent reinen Laubwald – 80 Prozent davon befinden sich in den Pfälzer Rheinauen. Neben Weiden, Pappeln und Erlen – Weichhölzern, die es gut vertragen, nasse Füße zu bekommen, und deshalb die erste Reihe am Wasser bilden – wachsen in den geschützteren Lagen auch Ulmen und Eschen, Buchen und Eichen. So wirkt es fast ernüchternd, als der Weg irgendwann auf den Rhein trifft und dessen begradigtem Lauf folgt. Welcher Kontrast! Die breit ausgebaute Wasserstraße, auf der ein riesiges Containerschiff an uns vorbeizieht, kann mit dem Charme des Altrheins keine fünf Sekunden mithalten. Wie gut, dass der Treidlerweg schon bald wieder in den Auwald abbiegt. „Dieser Teil ist ein Naturwald“, verrät Ehnes. „Er wurde im Jahr 2020 aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen. Etwa fünf- bis sechsmal im Jahr steht dieser Wald im Wasser – immer dann, wenn der Pegelstand des Rheins 6,50 Meter übersteigt.“ Hier nimmt der Eindruck, in einen Urwald geraten zu sein, endgültig überhand. Wohin das Auge auch blickt, ranken, wuchern, schlängeln sich wilde Schlingpflanzen an Stämmen und Ästen hinauf. Die feuchte Luft duftet würzig. Vögel zwitschern laut um die Wette. Am Ende des Wegs schimmert ein weiterer See – bei Sonnenschein in Azurblau, bei verhangenem Himmel in mystischem Silbergrau. Eine Feuerlibelle schwirrt über das Wasser.

© Alexa Christ

AUF DEN SPUREN DER RHEINFISCHER

Nur ein paar Kilometer von Hördt entfernt erinnert der Fischerweg im kleinen Neupotz an die Zeit vor der Rheinbegradigung. „Als das alles noch Schwemmland war, lebten die Menschen hier von der Korbmacherei und vom Fischfang“, erzählt Wanderwart Norbert Meyer. Der knapp elf Kilometer lange Rundweg führt an den ehemaligen Fischgründen der Neupotzer am Altrhein vorbei. Noch heute scheint bei den Einheimischen ein weit zurückliegendes Trauma präsent. „Das ist die Stelle, an der unsere Kirche versunken ist“, sagt Meyer, um gleich darauf mit einem Zwinkern hinzuzufügen: „Ihr Glockengeläut hören wir noch immer, wenn Hochwasser droht.“ Es war im Jahr 1535, als das alte Dorf „Potz“, das auf einem schmalen Landstück zwischen Altrhein und Otterbach lag, von den Fluten des Rheins weggerissen wurde. Das heutige Neupotz entstand daraufhin an der westlichsten Gemarkungsgrenze – so weit weg vom Wasser wie möglich. Letzteres kommt an diesem Tag auch kurz von oben. Wir flüchten vor dem Regen in die Schutzhütte im Auwald. Rasch quert eine Bisamratte unseren Weg. „Ringelnattern, Kreuzottern und Blindschleichen sieht man auch viel bei uns“, erzählt Meyer. Doch wir stoßen bald darauf nicht auf Schlangen, sondern auf zwei Rehkitze, die Kopf an Kopf auszumachen versuchen, wer der Stärkere ist. Als wir den Rheinhauptdeich erreichen, ist längst wieder die Sonne hervorgebrochen und der Blick geht weit über das seit 2006 geschaffene Poldergebiet – ein Eldorado für Vögel. Allein sechs Störche zählen wir, die auf Beutefang durch die noch mit Regentropfen benetzten Wiesen staksen. Nil- und Kanadagänse flattern hektisch vor uns davon. Der Altrhein gibt derweil weiter unseren Weg vor, führt uns bald ans malerisch am Setzfeldsee gelegene Anglerheim des ASV Neupotz, in dem man natürlich am besten Fisch speist. Was sonst? Von hier ist es nicht mehr weit zurück ins Dorf. Im Haus „Leben am Strom“ wartet zum Abschluss Emil Heid auf uns. Der überaus rüstige 83-Jährige ist die gute Seele dieses Rheinauen-Informationszentrums, das in einem herrlichen Fachwerkbau aus dem Jahr 1785 untergebracht ist. Begeistert führt er durch die Ausstellung, die vom Wandel des einstigen Fischerdorfs kündet, vom Kampf der Menschen gegen das Hochwasser früher und heute erzählt und vom Leben am und mit dem Rhein in unterschiedlichen Epochen. „Mein Urgroßvater war noch Lachsfischer“, berichtet Heid mit leuchtenden Augen. „Damals waren die Bestände so groß, dass sogar die Schweine damit gefüttert wurden.“ Seit einiger Zeit siedelt man in den Rheinauen Lachse wieder an – steht zu hoffen, dass sie erneut ein Teil dieses einmaligen Naturparadieses werden.

© Britta Hoff

erleben

LUSORIA RHENANA

Römische Geschichte hautnah: Die originale Rekonstruktion eines römischen Patrouillenschiffs der Spätantike lädt dazu ein, die verschlungenen Arme des Altrheins zu entdecken. Die rund 18 m langen Schiffe sicherten im 4. Jahrhundert nach Christus die Grenzen des Römischen Reiches an Rhein und Donau, dem sogenannten „Nassen Limes“, gegen das Eindringen germanischer Barbarenstämme. Rund 600 solcher Schiffe patrouillierten damals. Jeden 1. Sonntag im Monat findet um 16.30 Uhr eine öffentliche Erlebnisfahrt mit der „Lusoria Rhenana“ ab dem Setzfelder See bei Neupotz statt. Interessierte Gruppen können das Schiff komplett anmieten. Infos: lusoria-rhenana.de

NACHENFAHRTEN

Ab Germersheim kann man auf einer zweistündigen Bootsfahrt mit fachkundigem Bootsführer die ganze Faszination der Rheinauen direkt vom Wasser aus erleben. So erfährt man einiges über die besondere Flora und Fauna der Pfälzer Rheinauen, sowie über die Entstehung und Geschichte des Rheins. Kinder haben die Möglichkeit, als Kapitän einen Nachen zu steuern, die Wassertiefe oder auch die Wassertemperatur zu messen. Zudem werden besondere Themenfahrten wie Vogelstimmen-, Sonnenaufgangs-, Imker- oder Kräuterfahrten angeboten. Infos zur Buchung: germersheim-erleben.eu

entdecken

FESTUNGSSTADT GERMERSHEIM

Schon in Römerzeiten gab es erste Siedlungen im Raum Germersheim. Der Ort selbst wurde 1090 erstmals in einer Chronik urkundlich erwähnt. Als Freie Reichsstadt, Oberamtsstadt und Garnisonsstadt erfuhr die Stadt in den nachfolgenden Jahrhunderten eine wechselvolle Geschichte. Im 19. Jahrhundert wurde die königlich-bayerische Festung errichtet, die noch heute das gesamte Stadtbild prägt. Die eindrucksvollen, gut erhaltenen Militärgebäude, die „Germersheimer Unterwelt“ mit ihren Kasematten und Minengängen sowie verwinkelte Gassen und romantische Plätze lassen sich bei einer öffentlichen Führung wunderbar entdecken. Infos: germersheim-erleben.eu

genießen

KULTURSOMMER GERMERSHEIM

Bereits seit 30 Jahren feiert die Stadt Germersheim jedes Jahr einen bunten Kultursommer. Geboten werden Lesungen, Konzerte, Theater, Freiluft- Kino und Stadt-Walks. Alles Open Air und in den historischen Gemäuern der alten Festungsstadt. Informationen zum Programm: kultursommer-germersheim.de

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