Gute Nacht, Buche!

Im Solling bei Uslar-Schönhagen erfüllt sich auch für Große noch ein Kindheitstraum: schlafen hoch oben im Baumhaus. Mitten im Wald und im "Freiraum" sogar draußen.

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Blick vom "Freiraum" zum benachbarten "Baumtraum"

Text und Fotos: Beate Wand

Kaum sind die Schuhe ausgezogen, stürmt der kleine Wirbelwind hinein, schmeißt sich auf die Matratze und jauchzt: „Oh, wie gemüüütlich!“ Kein Wunder, schließlich füllt das riesige Doppelbett ja auch die gesamte Nische bis zu den Holzwänden aus. Mit viel Raum darüber, das Pultdach der Hütte reicht an dieser Stelle am höchsten. Das Fenster in der Wand ist hingegen eher lukenartig. Aber mit zwei Flügeln, die sich weit öffnen lassen. Streckt man die Hand hinaus, können die Finger über die raue Borke der Buche davor streichen, während der Kopf auf dem Kissen ruht. Ein paar Streicheleinheiten hat der Baum auch verdient. Schließlich trägt die schlanke, aufrechte Buche vor unserem Fenster einen wesentlichen Anteil unseres Glücks – eine Nacht mitten im Wald: Sie stützt das Baumhaus „Freiraum“ im Baumhaushotel Solling. Acht verschiedene Hütten sitzen auf dem (wildschweinsicher!) umzäunten Gelände im Erlebniswald Solling in den Bäumen. Durchdacht angeordnet, versprechen sie jedem Bewohner ausreichend Privatsphäre. Jede buhlt mit einer anderen Besonderheit um die Gunst abenteuerlustiger Besucher: Über den Turm der „Burg“ erklimmen Waldritter die von Zinnen umrahmte Dachterrasse.

Baum im Raum

Im „Sternengucker“ leuchten die Sterne ­direkt über dem Bett, falls Bäume und Wolken den Blick freigeben. Ansonsten sorgt ein Teleskop auf der Terrasse für scharfen Durchblick, um den Himmel über dem Ahletal zu betrachten. Das „Rundhaus“ umrundet einen Baum, der durch die Mitte wächst und auch noch den Tisch trägt. Um in die oberen Betten des einzigen Sechs-Personen-Baumhauses „Ahletal“ zu kriechen, sollte man noch so wach sein, um sich an Kletternetzen emporhangeln zu können. Das „Refugium“ lässt sich an drei Seiten um das Bett aufschieben, und den höchsten „Baumtraum“ auf sieben Metern erreicht man über eine Hänge­brücke. Keine Sorge, Ächzen und Knarzen gehört hier dazu, es hängt eben voll in den Seilen – zwischen zwei starken Buchen. Als einziges ­Baumhaus kommt es ohne zusätzliche Stützpfeiler aus. Ein echter Hingucker, die Hängebrücke schwebt direkt vor dem Fens­ter an unserem Tisch. Der Clou am „Freiraum“ offenbart sich auf dem seitlichen Balkon: Unscheinbar baumelt da ein kleiner metallener Griff. Daran zieht man wie an einer Schublade. Und dann – tatatataaa – rollt das Bett von innen nach außen. Dort schlafen, auf mittlerer Baumhöhe im Freien, den nächtlichen Geräuschen des Waldes lauschend und sich dennoch behütet und geborgen fühlen. So lautete der Plan. Ende April schien dafür der perfekte Zeitpunkt: Fast neongrün strahlen die frisch ausgeschlagenen Blätter und künden meist die erste Kurze-­Hosen-Zeit im Jahr an. Doch schon bei der Anreise peitschten dicke Hagelkörner über die Kuppen östlich der Weser. Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Expedition keimten auf. Hinter dem Eingangstor zum Erlebniswald schlängelt sich der Weg den Wald hinauf. Die Sonne blinzelt unschuldig durchs Blätterdach. Spechte hämmern zur Begrüßung. Dennoch, die Luft bleibt schneidig kalt. Rechts über unseren Köpfen verrät ein Holzschild an der Bretterwand, dass wir unser Ziel gefunden haben. Dank des Lageplans, der zusammen mit den Schlüsseln am Empfangshäuschen neben dem Parkplatz hinterlegt war. Eine lange, steile Treppe führt hinauf zu zwei Türen. Hinter der mit einer ausgeschnittenen fliegenden Taube verbirgt sich die Komposttoilette. Beim Öffnen der anderen Tür schlägt uns würzig-harziger Duft entgegen, der im Nu unsere Sorgen zerstreut: Eine kleine elektrische Heizung powert das Innere des aus Lärchenholz gezimmerten Baumhauses wohlig warm. Es riecht wie in der Sauna.

Das Wetter hören

Gegenüber ermöglichen Balkontür und Fens­ter den Blick auf die Stämmchen junger Buchen. In den Lücken ihres Laubs tauchen die Umrisse der Baumhäuser in der ersten Reihe auf, die direkt am Waldrand über einer Wiese thronen. Eine Bank und ein Klapptisch auf unserem Balkon laden (theoretisch) zum abendlichen Sitzen in Richtung Sonnenuntergang ein. Es fängt an, ganz sachte zu zischen. Schnee, der auf die Blätter fällt. Ein Geräusch, als schmölzen Millionen feiner Flocken gleichzeitig. Schnell wieder rein! Auf dem Holztisch steht eine Holzschale mit Äpfeln und ­Bananen. Dank Wasserkocher, einer Flasche Wasser, Teebeuteln und Cappuccino gibt’s auch jederzeit die Möglichkeit, sich von innen aufzuwärmen. „Gummibärchen!“ Meine Tochter hat das Betthupferl jetzt erst entdeckt. Die Sonne jagt ein paar Strahlen durch die Hütte. Ich lese die ­Begrüßungspost und blättere durch das Gästebuch. Ein härteres Prasseln ertönt. Ah, so klingt Schneeregen. Also erst mal eine Runde aufs Bett, Bücher angucken. Nach einem kurzen Sonnenmoment schüttet es wieder, diesmal rauscht es kräftig und gleichmäßig. Dächer und Waldboden verschwinden im Nu unter ­einer Decke Hagelkörner. Unten stapft ein Mann mit kurzer Hose über den weißen Weg zu seinem Baumhaus. Na, wenn das Wetter schon nicht zur Jahreszeit passt, dann wenigstens die Kleidung!

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Brandneu: in den Baumzelten trennt nur noch eine dünne Haut Mensch und Wald.

Einschlafen im Freien

Das Dach über dem seitlichen Balkon scheint die Güsse einigermaßen abzuhalten. Vielleicht doch im Freien einschlafen? Die Vierjährige hält es jetzt nicht mehr: Sie will einen Schneemann bauen. Vorsichtig steigen wir zwischen Eisklümpchen die nassen Holzstufen hinab und laufen zum Waldrand. Weiße Häubchen krönen Tische und Bänke auf der gemeinschaftlichen Sonnenterrasse. Ein einladendes Holzpodest mit Geländer mitten auf der Wiese. Grill, Kohle und Feuerstelle stehen für die Hotelbewohner bereit, doch angesichts der Witterung speisen wir ­lieber in einem der empfohlenen, zwei Kilometer entfernten Restaurants. Etwas den Hang hinunter steht – ganz aus Holz – die moderne Interpretation eines Zirkuswagens. Ein langes Rohr entlüftet den Ofen. Hinter den Scheiben der Tür offenbart sich das freundliche Innere des ebenfalls mietbaren Konferenzwagens. Sein Zwilling parkt hinter dem gläsernen Kegel „Wald­atelier“, wo es die „richtigen“ Toiletten gibt. Er beherbergt großzügige, schicke Kabinen zum Duschen. Die Seilbahn auf dem Spielplatz läuft auch bei Schnee, Duft- und Kräutergarten warten auf Wärme, um richtig zu sprießen, und für die Kletterei auf den Klimaturm belohnt uns eine weite Aussicht über die Wipfel des Ahletals. Dort fällt die Entscheidung: Wir wagen es!

Der kleine Mensch liegt mit Mütze unter der Kapuze des zusätzlichen Schlafsacks gut eingemummelt da und grinst: „Kuschelig!“ Samt Ladung schiebe ich das Bett hinaus und lege mich gut verpackt daneben. Erstaunlich, wie still es ist. Kein Rascheln, Knacken oder Kreischen. Nur ein Rauschen dringt an meine Ohren. Zivilisation. Die eigentlich ein gutes Stück entfernte und kaum befahrene Straße. Neben mir gleichmäßiges Schnorcheln. „Sie sägt hoffentlich nicht an dem Ast, auf dem wir liegen“, denke ich noch, bevor ich eindöse. Als die Blase mich zwei Stunden später weckt, weiß ich den Luxus der Not- und Nachttoilette richtig zu schätzen! Statt abziehen einfach zwei Schippen Kiefernborkenstreu hinein. Nun dringen doch noch ein paar Schreie durch den Wald. Ein Käuzchen? Mit zwei Handgriffen steht das Bett wieder innen. Jetzt noch kurz das Fensterchen auf und ein „Gute Nacht, Buche!“ in die Dunkelheit gehaucht.

Am nächsten Morgen winken uns zartgrüne Blätter und Zweige aus dem Schlaf. Vor der Tür warten frische Brötchen im Frühstückskorb. Er ist nach den Wünschen gefüllt, die jeder Gast bei der Anreise einträgt. Auf einem Zettel im Korb steht, dass die Wurst vom zwei Kilometer nahen Bauer Otte kommt, die köstlichen Marmeladen hat Antje Adolph gekocht, und die Eier legten die Hühner von Marlene Staab. Der Saft hatte mit 19 Kilometern die weiteste Anreise. Ein gemütliches Frühstück als perfekter Ausklang für unsere erste Nacht auf einem Baum.

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Im "Freiraum" wünscht wanderlust-Autorin Beate Wand der Buche vorm Bett einen "Guten Morgen".

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2016

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