Im Land der Mitternachtssonne

Die üppigen Täler, sanft gezeichneten Berge und steilen Küsten auf der Nordkyn-Halbinsel ­lassen jedes Wandererherz höherschlagen. Die Natur auf diesem norwegischen Fleck Erde scheint völlig unberührt und kann dank der Mitternachtssonne während elf Wochen rund um die Uhr ­bestaunt werden. Ein vielseitiges Netz aus Wanderwegen wartet auf die Besucher.

neuer_name
Vom Finnkirka-­Wanderweg lässt sich die Aussicht besonders gut genießen.
© Christopher Butler

Text: Christopher Butler, Kathy Klöti

Es ist später Abend, und die Sonne­ geht nicht unter. Noch immer erstrahlt die Natur in schillernden Farben, getaucht in warmes Licht. Besonders grüne Farben treten hervor, während die nächtliche Sonne in diesen kälteren Teilen des Globus mit geringerer Intensität scheint. Dass wir einen ganzen Tag unterwegs waren, wird uns angesichts der nicht endenden Helligkeit gar nicht richtig bewusst. Dies ist einer von vielen einzigartigen Eindrücken, die wir mitnehmen von der Nordkyn-­Halbinsel, die auf 71 Grad nördlicher Breite an der arktischen ­Küste Norwegens liegt. Weiter­ nach Norden geht’s auf dem ­europäischen Festland­ nicht.

Wandern in unberührter Natur

Das Volk der Samen gab der Halbinsel den Namen Corgasnjarga, der genauso schön ist wie die einzigartige Landschaft mit einem dank dem Golfstrom verhältnismäßig milden Klima. Obwohl Spuren von Besiedlung Tausende Jahre zurückgehen und die Region­ seit dem frühen 16. Jahrhundert ein bedeutendes Fischereizentrum ist, blieb die Natur weitgehend ursprünglich und lädt ein zur Erkundung zu Fuß. 240 Kilometer markierter Wanderwege ermöglichen größtenteils ein unabhängiges und individuelles Wanderabenteuer, das uns auf historischen Fußpfaden vorbei an Flüssen mit frischem Gebirgswasser, fischreichen Seen und Tundra mit ausgiebigen Mengen an Moltebeeren, Heidelbeeren und Preiselbeeren führte. Freiluftfans finden­ hier sehr gute Möglichkeiten zu zelten, aber auch die lokalen Hotels, Pensio­nen, ­Cottages, Fischerhütten oder Zimmer beim Slettnes-Leuchtturm bieten sich an.

Panoramablick über den Ozean

Ein idealer Startpunkt für Wanderungen ist Kjøllefjord im Westen, Nordkyns größte Ortschaft und gleichzeitig Verwaltungssitz der Gemeinde Lebesby. Hier wanderten wir von einem kleinen Tannenwald aus über ein relativ steiles Gefälle hinauf zu einer Landschaft mit sanften Hügeln auf ungefähr 200 Metern über Meereshöhe. Dort genossen wir den Panoramablick auf Kjøllefjord und das glitzernd blaue Wasser des Arktischen Ozeans. Einmal in Skjøtningberg angekommen, empfiehlt es sich, an der Küste weiterzuwandern. Nach einem Kilometer entdeckten wir Svartholla, einer Höhle mit Sicht auf das offene Meer. Die markanten, besonderen Formen von Svartholla ­erschienen der Lokalbevölkerung seit jeher als mythisch und geheimnisvoll. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Höhle sogar als Versteck vor feindlichen Soldaten benutzt. Die Unberührtheit der Natur auf der Halbinsel faszinierte uns durchweg. Mehrere Male begegneten wir Rentieren, die in einer Zahl von ungefähr 5.000 im Sommer über Nordkyn streifen. Auch einen Einblick in die kulturelle Entwicklung der Region bekamen wir. Wanderschilder klären über die Geschichte der Nordkyn-Halbinsel auf. Viele der Wege führen zu Orten, die einst bedeutend waren in der Geschichte der Region. Dazu zählen frühere Siedlungen, die heute in Erholungsgebiete umgewandelt worden sind. Oft sieht man hier aus Holz gebaute Häuser nach traditioneller skandinavischer Art. Ein Beispiel für eine solche Siedlung ist das Oksevåg-Tal. Die Relikte am Fuß des Fjords sind Zeugen der samischen Besiedlung: ein besonders schöner Platz, an dem wir uns auch zu einer Wanderpause verführen ließen. Auch eine ehemalige Walfangstation kann besucht werden. Vom Strand bietet sich ein atemberaubender Aussicht zu den Talhängen auf der gegen­überliegenden Seite des Fjords. Wer hier eine Rast einlegt, kann gar den Rand des nördlichsten Waldes der Welt ausmachen.

neuer_name
Am Dorfeingang von Skjotningberg: Die wanderlust-Autoren Kathy Klöti und Christopher Butler genießen den Ausblick.
© Christopher Butler

Auf Zeitreise in Fischerdörfern

Neben schönen Hütten und der Möglichkeit zum Picknick am Strand bietet Nordkyn viele geschichtsträchtige Orte. Skjøtningberg im Nordwesten ist einer davon. Von Kjøllefjord ist er in neun Kilometern zu Fuß erreichbar. Während des 15. und 16. Jahrhunderts war Skjøtningberg der wirtschaftliche Mittelpunkt von Nordkyn und wurde, trotz der lediglich 250 Einwohner, damals als ein für diesen Teil Norwegens gro­ßer Fischerort betrachtet. ­Wissenschaftler entdeckten gar ­Überreste aus der Jungsteinzeit, darunter einen Grabhügel. Wer Zeitreisen mag, sollte sich auch das Dorf Nordmannset im Südwesten nicht entgehen lassen. Viele der hölzernen ­Gebäude, darunter eine alte Fischfabrik, sind gut erhalten und verpassen dem ­Gebiet einen eindrucksvollen Anstrich aus dem letzten Jahrhundert.

neuer_name
Auf Spurensuche in Nordmannset, dem ehemaligen Fischer- und Bauerndorf.
© Jan Olav Evensen

Paradies für Vogelbeobachter

In der nordöstlichen Ecke von Nordkyn, nahe dem Fischerdorf Gamvik, liegen das Naturschutzgebiet Slettnes und der zugehörige Leuchtturm. Dieser nördlichste Leuchtturm auf dem europäischen Festland ist gar durch das Kulturerbe-Gesetz geschützt. Unter Vogelbeobachtern und anderen Naturliebhabern ist das Gebiet bekannt für über 100 arktische Tierarten, welche hier den Sommer verbringen. Ein weiteres Highlight auf Nordkyn ist die Felsformation Finnkirka, bei Kjøllefjord gelegen. Eingetragen als samisches Kulturmonument bedeutet Finnkirka den Samen viel. In ihrer Religion ist die Natur spirituell, und herausstechende Besonderheiten in der Landschaft wurden als heilig betrachtet. Frühe Quellen beschreiben Finnkirka als samische Opferstelle. Es ist ebenfalls bekannt, dass vorbeifahrende Seemänner hier zuerst Opfer dargebracht haben für gutes Gelingen und später dafür, dass sie die Reise auf den heimtückischen Gewässern um Nordkyn überlebt hatten. Auf dem Weg zu diesem Wahrzeichen kamen wir durch sehr familienfreundliches Wanderterrain, das für Jung und Alt geeignet ist. Die Mischung aus Blau, Grün und Grau zusammen mit der hoch aufragenden Küstenlinie und der endlosen Aussicht repräsentiert Nordkyns Landschaft in all ihrer Pracht. Mit etwas Glück sieht man hier gar Delfine oder Wale, die durch die Gewässer des Fjords gleiten. Als wir das Plateau über Finnkirka ­erreichten, eröffnete sich uns eine wahrlich ­spektakuläre Sicht auf die ­einzigartige Zwillings-Felsformation – ein ­Meisterwerk der ­unerschöpflichen Natur, das wie von ­Steinmetzen ­gemeißelt scheint.

Europas nördlichste Spitze

Die Reise zum nördlichsten Zipfel des euro­päischen Festlands, Kinnarodden (ebenfalls bekannt als Kap Nordkyn), bietet die größte Herausforderung für Wanderer. Die umliegenden Gewässer sind unter­ ­Fischern und anderen Seefahrern als eine der stürmischsten und rauesten Seepassagen bekannt. Wir entschieden uns gegen die Bootsfahrt und wählten die 46 Kilometer lange Wanderung inklusive einer­ Übernachtung. Auf 71 Grad nördlicher Breite ist das Wetter oft unberechenbar. Plötzliche Regen­fälle, dichter Nebel oder harsche Winde, ausgehend vom Arktischen Ozean, können den Weg zum Kap Nordkyn riskant machen. Gerade auf diesem Weg sollten Wanderer ihre Reisezeit großzügig berechnen. Neben gutem Schuhwerk und Allwetterkleidung sind Karte und GPS-Gerät unerlässlich. Doch die Mühen werden mit fantastischen Erlebnissen belohnt. Wir hielten an zahlreichen Aussichtspunkten, von denen aus wir Landschaften mit sanften Hügeln, Abschnitte mit Mooren und die Täler der gegenüberliegenden Fjorde bewunderten. Entlang des Weges ließen wir uns von Frischwasserflüssen bezaubern, aus denen man Trinkwasser gewinnen kann, und von kleineren Gebirgs­seen mit Forellen und Saiblingen, wo man das eigene Abendessen ­fangen kann.

Europas nördlichste Spitze

Fünf Kilometer vor dem Erreichen von Kap Nordkyn führte uns die Wanderung durch das ­Naturschutzgebiet Sandfjorden, das sich auch sehr gut zum Zelten eignet. Vor allem aber imponierte uns der ­Kontrast: Nach vielen Kilometern durch ein Areal mit überwiegend kargem Felsgelände fanden wir uns hier in einem üppigen Tal in der Nähe eines Sandstrands und einer Küstenwiese mit Bergbächen wieder. Dieses Gebiet war einst ein Handelszentrum für Fischer, und an manchen Orten sind Überreste von deren Hütten zu entdecken – einige der wenigen Spuren menschlicher Aktivität entlang dieser Route. Endlich erreichten wir unser Ziel, den nördlichsten Zipfel des europäischen Festlands – und alle Mühen waren wie weggeblasen. Nach der extrem anspruchsvollen Wanderung hatten wir das Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein. Kinnarodden ragt 234 Meter aus dem Meer und bietet ein atemberaubendes Panorama aus zerklüfteten und steil ins Wasser abfallenden Felswänden. Nur wenige Anblicke auf der Welt lassen sich mit dem plätschernden Blau der Barentssee im dunkelroten Licht der Mitternachtssonne vergleichen. Das hinter uns liegende Nordkyn-Plateau ist eine spektakuläre Landschaft, geformt von Eis, Wind und Meer. Hier, so scheint es, ist die Herrschaft der Natur vollkommen.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 05 / 2016

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat

Events

25.06 – 02.07.2017
Wander- und Kulturreise Mazedonien
01.07.2017
Westerwald - Bergfest auf dem Roßbacher Häubchen
12.07.2017
Westerwald - Von Bölsberg ins Wäschebachtal
09.08.2017
Westerwald - Rund um die Lochmühle
03.09.2017
Westerwald - Von Oberzeuzheim nach Oberweher
13.09.2017
Westerwald - An der schwarzen Nister
29.10.2017
Westerwald - zum Heidehäuschen
12.11.2017
Westerwald - Von Uckersdorf zum Vogelpark