Von der Festung zu den

Im malerisch gelegenen Kronach können Besucher viele Zeugnisse der Vergangenheit erkunden. ­Neben der imposanten Festung Rosenberg erzählen auch die „Martern“ genannten religiösen ­Bildstöcke auf einem Rundweg über den Wallfahrtsort Glosberg vom früheren Leben der Menschen hier.

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Beschauliche Flussauen an der Haßlach am Rande von Kronach.
© Caroline Seidel

Text: Wilfried Spürck

Die Feinde kommen! Zu ­vielen Hundert rücken die schwer gerüsteten Soldaten des schwedischen Heeres an, bald werden sie ihre Kanonen auf unsere Festung abfeuern. Jetzt geht es um Leben oder Tod. Doch wir, die Soldaten und Bürger Kronachs, haben keine Angst … Mein Kopfkino läuft auf Hochtouren, während ich an einem friedlichen Tag im Oktober 2015 von der Kronacher Festung auf dem Rosenberg aus die weite Sicht in die Umgebung genieße. Unwillkürlich stelle ich mir die Situation der Menschen hier im Dreißigjährigen Krieg vor, als mehrfach schwedische Truppen und mit ihnen verbündete Protestanten aus Deutschland das katholische Kronach angriffen. Die mächtigen Türme und Mauern der drei konzentrisch von innen nach außen verlaufenden Befestigungsringe vor Augen, rücken die Ereignisse der fernen Vergangenheit nah an mich heran. Eindruck hinterlassen haben auch die dunklen, kühlen und teils sehr niedrigen Gänge im unterirdischen Gewölbe, durch die uns die im historischen Gewand gekleidete Gästeführerin Rosi Ross fachkundig leitete. Die Festung ist eine der besterhaltenen in Deutschland. Ihre Anfänge liegen im 13. Jahrhundert, in mehren Etappen wurde sie erweitert und umgebaut. Da sie nie zerstört und seit dem 19. Jahrhundert nur noch relativ geringfügig verändert wurde, versprüht sie noch heute historischen Charme wie kaum eine vergleichbare Wehranlage. Genutzt wird sie inzwischen unter anderem als Herberge für Touristen, als Standort der Fränkischen Galerie und als stimmungsvolle Kulisse für Events wie das Open-Air-Festival „Festung rockt“. Auf knapp 380 Metern Höhe, rund 60 Meter oberhalb von Kronach gelegen, prägt sie den Anblick des kleinen Städtchens entscheidend mit. Der rund 17.000 Einwohner zählende Ort liegt malerisch am westlichen Rand der Region Frankenwald im nördlichen Bayern und ist ­einer der Etappenorte des 2015 eingeweihten FrankenwaldSteigs. Die Flüsse Haßlach, Kronach und Rodach fließen hier zusammen.

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Von der Festung auf dem Rosenberg bietet sich ein weiter Blick in die Umgebung von Kronach.
© Caroline Seidel

Heiße Brühe gegen die Feinde

Kronach ist eine Fundgrube für Geschichte und Geschichten – und bietet auch Kunstliebhabern ein echtes Highlight: Die Fränkische Galerie mit ihrer großen Ausstellung von Werken des um 1475 hier geborenen Lucas Cranach des Älteren zeigt unter anderem zahlreiche Originale des bedeutenden Renaissance-Malers. Unter­halb der Festung lädt die schmucke Altstadt mit der vollständig erhaltenen Stadtmauer, ihren historischen Fachwerkhäusern sowie hübschen Plätzen und Gassen zu einem Spaziergang ein. Stadtführerin Rosi Ross schlägt uns mit fesselnden Geschichten in Bann. Darunter auch grausame: Im „Hexenturm“ genannten Lehlaubenturm am Marktplatz sehen wir in das tiefe, dunkle Loch hinein, in das im 16. und 17. Jahrhundert vermeintliche Hexen regelrecht hineingeschmissen wurden, ehe sie nach einigen Tagen oder Wochen zur „Peinlichen Befragung“ geholt und daraufhin auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Später hören wir an der Stadtmauer in der heutigen Schwedenstraße die Erzählung von den „tapferen Weibern von Kronach“. Als die Stadt im Dreißigjährigen Krieg von 1632 bis 1634 mehrfach angegriffen wurde, zermürbten Kronacher Frauen die Feinde, indem sie ihnen von der Mauer aus heiß ­Gekochtes – ob einfaches Wasser oder ­Brühe – über den Kopf gossen. Damit ­trugen sie dazu bei, dass die Belagerer sich l­etztlich zurückzogen – wie übrigens alle, die je versuchten, die Stadt oder die ­Festung einzunehmen.

Religiöse Denkmäler

Nach den imposanten Eindrücken, die uns in die große Weltgeschichte hineinkatapultierten, lernen wir nach kurzer Mittagspause die zunächst vergleichsweise unscheinbaren „Martern“ kennen. Sie sind jedoch typisch für die Frankenregion insgesamt und erzählen uns ebenfalls viel über das Leben der Menschen hier in früheren Zeiten. „Entlang der Marter“ heißt der 15 Kilometer lange FrankenwaldSteigla (siehe Kasten linke Seite), zu dem wir von der Festung aus starten. Benannt ist er nach den acht aus Sandstein erbauten kleinen religiösen Bildstöcken am Wegesrand, die Gläubige im 18. Jahrhundert errichten ließen – beispiels-weise aus Dankbarkeit Gott gegenüber oder um etwas von ihm zu erbitten. Der ehemalige Kreisheimatpfleger Roland Graf erläutert die Bezeichnung im Rahmen der offiziellen ­Eröffnung des Steiglas: „Weil die Reliefbilder an unseren Sandsteinmartern meist Darstellungen von der Marter Christi und von Märtyrern zeigen, erklärt sich der regional­ sehr verbreitete Name ,Marter‘.“ Deren typischer Aufbau weist unten einen Sockel mit Akanthus-Dekor (benannt nach der Akanthus-Pflanze) auf, darauf einen Schaft mit einer Inschrift und oben einen Aufsatz mit der religiösen Darstellung.

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Im 18. Jahrhundert ­gingen Franziskanermönche den Weg zur Wallfahrtskirche nach Kronach-Glosberg.
© Caroline Seidel

„Blutwunder“ lockte Pilger

Der erste Teil des Weges führt durchs idyllische Tal an der Haßlach auf dem „Franziskanerweg“ und endet in Glosberg, wo sich 1727 ein „Blutwunder“ ereignet haben soll: Die Marienstatue in der Kapelle habe drei Mal Blut geweint, heißt es. Nach der Wunderverkündung schnellte die Zahl der Pilger nach Glosberg in die Höhe, es wurde deshalb eine größere Kirche gebaut, in der wir heute eine Messe zur Einweihung des Steiglas ­feiern. Von 1732 bis 1746 kamen Franziskaner-Mönche aus dem Kloster Kronach ­täglich hierher, um die Gläubigen zu betreuen. Eine wegen des damals noch sumpfigen Bodens beschwerliche Tour. Kurz vor Glosberg steht übrigens die achte und letzte „Marter“. Sie hat einen besonders interessanten Hintergrund: „Ein Vater von zehn Kindern stiftete sie 1733, weil ihm jedes Jahr eines seiner Kinder verstarb“, erzählt Graf. „Nachdem er den Bildstock gestiftet hatte, hörte die Kin­dersterblichkeit in seiner Familie auf.“ Auch im Sinne der Überlieferung solcher Geschichten setzte sich Graf in den 1970er-Jahren dafür ein, die Martern zu restaurieren, die teilweise verfallen oder zwecks freier Bahn für die Feldarbeit regelrecht umgeworfen worden waren. Heute laden die Bildstöcke den Wanderer auch dazu ein, innezuhalten und die Stille der Umgebung auf sich wirken zu lassen. Als Zeugnisse vergangenen Lebens, das manchmal in unseren Köpfen wieder sehr gegenwärtig werden kann.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 06 / 2016

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