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Zeitreise um den Wall

Die Zeit der Kelten ist lange vorbei, aber ihre Spuren sind noch lebendig. Ringwall und Keltendorf am Hang des Dollbergs im Saarland zeugen davon.

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Hier hätten Asterix und Obelix auch gerne gewohnt: das neu erbaute Keltendorf in Otzenhausen im nördlichen Saarland.
© Edda Neitz

Text: Edda Neitz

Gigantisch und gewaltig sind Adjektive, die mir sofort einfallen, als ich vor dem zehn ­Meter hohen und 40 Meter breiten Wall stehe. Steine, wohin man schaut. Nur die grünen Fichten und Buchen daneben bieten einen farblichen Kontrast zu der Ansammlung vieler großer, grauer Granitbrocken, die Zeugnis einer bedeutsamen Geschichte sind. Denn inmitten des waldreichen Höhenzuges Dollberg, vor den Toren des kleinen Dorfes Otzenhausen, einem Ortsteil von Nonnweiler, erhebt sich eine der eindrucksvollsten keltischen Befestigungsanlagen Europas. Lange bevor die Römer sich in unseren Regionen breitmachten, lebten keltische Stämme im Hunsrück-Eifel-Moseltal-Gebiet, vor allem die Treverer. Der Stadtname „Trier“ leitet sich auch davon ab. Über die Kelten weiß man aber wenig, weil sie nichts aufgeschrieben haben. Nur aus dem schriftlichen Erbe der Römer können Archäologen und Historiker Informationen über die keltische Kultur ableiten. „Deshalb sind solche Denkmäler wie dieser Wall hier umso wichtiger“, sagt Thomas Finkler, der beim Denkmalschutz Nonnweiler arbeitet und für das neue Keltendorf, das im Juli eröffnet wird, sorgt. „Wir wollen die Geschichte der Kelten transparenter ­machen“, betont er.

Caesar war neidisch

„Sind Sie trittsicher?“, fragt Thomas Finkler, als wir vor dem Nordwall, der noch besonders gut erhalten ist, stehen. Vom Vor- und Hauptwall gibt es dagegen nur noch größere Steinhaufen. Treppen erleichtern uns den Aufstieg zur Mauerkrone. Erst oben verstehe ich die Frage von Thomas Finkler. Über lockeres Geröll zu laufen ist wirklich nicht einfach. Große und kleine Granitsteine haben die Kelten für ihren ­Festungswall, damals im ersten Jahrhundert vor Christus, einfach nur auf ein mächtiges Rahmengerüst aus Baumstämmen, dessen Inneres mit Erde und Geröll gefüllt war, lose geschichtet. Das Baumaterial, um die 230.000 Kubikmeter Gesteinsblöcke, lag in der Umgebung und war vor allem durch natürliche Frostsprengung entstanden. Also mussten die Menschen damals nicht die Steine aus den Felsen brechen, sondern lediglich aufsammeln. „Murus gallicus“ nannte ­Julius Caesar diese Verteidigungsmauer, von der er in seinen Texten oft bewundernd berichtete. Doch letztendlich war auch diese starke Mauer für seine Truppen kein Hindernis und für die Kelten kein Schutz vor römischer Invasion. Wer nun auf der Mauerkrone entlanggeht, vergisst das erbitterte Gefecht zwischen den Kelten und Römern. Das Panorama ist einfach zu eindrucksvoll. Auf der einen Seite blickt man in den Hunsrück, auf der anderen Seite ins Saarland. Unendlich weite Landschaft, unberührte Natur und friedliche Stille – oft benutzte Klischees? Vielleicht, aber sie müssen für diesen Ausblick erfunden ­worden sein.

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Das keltisch-römische Gräberfeld in Bierfeld ist für Archäologen eine wahre Fundgrube.
© Edda Neitz

Das neue alte Dorf

Auf der anderen Seite des Walls schlängelt sich ein schmaler Weg um meterhohe alte Buchen mit viel Totholz herum zu den kümmerlichen Resten eines römischen Tempels, der erst ein paar Jahrhunderte später errichtet wurde. Von den Kelten ist überhaupt wenig übrig geblieben. „Siedlungen und Festungen sind oft aus der Luft besser zu erkennen, da Landwirtschaft oder moderne Bebauung die Struktur der Landschaft sehr verändert haben“, weiß Archäologe Dr. Thomas Fritsch, der die Grabungen hier leitete. „Ein Hügel zwischen zwei Feldern ist nicht einfach ein Hügel, das kann durchaus ein Grabhügel sein“, erklärt er. So im nahen Schwarzenbach, wo reich ausgestattete Fürstengräber gefunden wurden. Nach ­einem kurzen Blick auf den Speichersee von Nonnweiler geht es schon wieder bergab und an der Quelle vorbei, die zur Zeit der Kelten Mensch und Tier mit Wasser versorgte. Bei früheren Grabungen fand man zahlreiches Keramikmaterial. Das hohe Eisenerzvorkommen im Saarland war der Hauptgrund für die Kelten, sich in dieser Region niederzulassen. Am Fuße des Dollbergs erwartet den Besucher dann das neu errichtete Keltendorf. „Eigentlich hätten wir das Dorf auf dem Berg an der Originalstelle errichten sollen, aber hier am Waldparkplatz ist es für Besucher praktischer“, begründet Thomas Finkler den Standort. Die Kelten bauten ihre Häuser aus Lehm und Flechtwerk, auf der Grundlage einer Holzkonstruktion. Wie ein Abbild von Asterix’ Welt ­wirken die vielen ­kleinen Hütten mit ihren spitzen und runden Dächern und dem typischen Palisadenzaun. Ob die keltischen Häuser tatsächlich Fenster hatten, weiß man nicht. „Wir haben welche eingebaut, denn schließlich sollen hier auch Workshops und Vorführungen stattfinden“, sagt Thomas Finkler. So wird die Wanderung um den Ringwall zu einer Reise in eine Zeit, die lange vergangen ist - aber immer noch lebendig.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 06 / 2016

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