"Der größte Berg ist der im Kopf"
Fernwanderin und Autorin Nina Rühlig im Interivew
Fernwandern boomt. Warum sehnen sich gerade heute so viele Frauen danach, mehrere Tage oder Wochen unterwegs zu sein?
Ich glaube, viele möchten einfach dem Alltag entkommen. Unser Leben wird immer schneller, lauter und hektischer. Beim Fernwandern ist das anders. Gerade wenn man allein unterwegs ist, ist man ganz bei sich. Es gibt kaum Außenreize und keinen Termindruck. Am Ende besteht der Tag nur noch aus Gehen, Essen, Schlafen – vielleicht noch das Zelt aufbauen. Dadurch richtet sich der Blick wieder auf das Wesentliche.
Sie schreiben darüber, dass Fernwandern Freiheit bedeutet. Was macht diese Freiheit aus?
Für mich steckt Freiheit in ganz vielen Dingen. Ich laufe zwar mit einem Ziel vor Augen – einer Hütte, einem See oder einem anderen Ort –, aber ich muss unterwegs nichts leisten. Ich gehe einfach, weil ich gehen möchte.
Dazu kommt, dass ich meinen eigenen Rhythmus bestimmen kann. Ich entscheide, wie schnell ich laufe, wann ich Pausen mache und wie weit ich an einem Tag gehen möchte. Ein weiterer Aspekt ist die Reduktion. Gerade wenn man alles, was man braucht, im Rucksack trägt, merkt man, wie wenig man eigentlich zum Leben braucht. Das empfinde ich als unglaublich befreiend.
Wie viel Planung braucht eine Fernwanderung?
Das hängt sehr vom Typ Mensch ab. Ich selbst plane eher wenig. Meine Ausrüstung ist im Grunde immer dieselbe. Wenn es sein müsste, wäre mein Rucksack wahrscheinlich in einer Viertelstunde gepackt. Natürlich schaue ich mir vorher die Route an. Ich prüfe, ob Zelten erlaubt ist, wie die Versorgung aussieht und ob es schwierige Passagen gibt. Aber meine Planung für die siebenwöchige Wanderung durch die Pyrenäen? Die bestand im Grunde aus einem Tag Wanderführer lesen. Viele Menschen glauben, eine Fernwanderung müsse bis ins kleinste Detail organisiert werden. Ich sehe das anders. Gerade zu viel Planung kann auch einschränken. Wenn man jede Unterkunft Monate vorher bucht, verliert man unterwegs ein Stück Freiheit.
Sie sprechen mit vielen Frauen, die vom Fernwandern träumen. Was hält sie am häufigsten davon ab, den ersten Schritt zu machen?
Vor allem Ängste. Das klingt pauschal, aber genau das hat sich auch in einer Umfrage bestätigt, die ich vor dem Schreiben meines Buches durchgeführt habe. Die meisten Frauen nannten in irgendeiner Form Ängste als Hemmnis – auch wenn diese sehr unterschiedlich sind. Manche haben Angst, allein unterwegs zu sein oder den Weg nicht zu finden. Andere sorgen sich vor unangenehmen Begegnungen oder davor, allein zu übernachten. Viele Frauen beschäftigt außerdem die Frage, ob sie sich überhaupt eine Auszeit nehmen dürfen – besonders dann, wenn Familie oder Kinder zu Hause sind. Ich glaube, Frauen fällt es oft schwerer, sich selbst die Erlaubnis zu geben, einfach einmal zehn Tage oder drei Wochen nur für sich unterwegs zu sein.
Gab es eine Tour, die Ihr Verhältnis zum Alleinwandern nachhaltig verändert hat?
Besonders gut erinnere ich mich an meine Wanderung auf dem Westweg im Schwarzwald. Zum ersten Mal war ich zwei Wochen komplett autark unterwegs. Das bedeutet: draußen schlafen, draußen kochen und zu wissen, dass ich nicht einfach in ein Hotel oder auf einen Campingplatz ausweichen konnte. Ich erinnere mich noch genau an die erste Schutzhütte. Ich fragte mich: Hoffe ich eigentlich, dass noch jemand kommt? Oder wünsche ich mir, ganz allein zu sein? Diese Erfahrung war für mich eine echte Initialzündung. Seitdem fällt es mir sehr leicht, allein draußen zu übernachten.
Was würden Sie Frauen empfehlen, die zwar gern eine Mehrtagestour machen würden, sich allein aber nicht auf den Weg trauen?
Ich würde zunächst überlegen, ob das Alleinunterwegssein wirklich das Problem ist oder ob es darum geht, bestimmte Erlebnisse teilen zu wollen. Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Wer grundsätzlich gern allein unterwegs sein möchte, sich aber nicht traut, kann sich langsam herantasten. Man muss nicht gleich mehrere Wochen allein durch die Berge laufen. Zwei Tage können schon reichen. Ganz allein ist man meistens eh nicht. Auf viel genutzten Wegen kommt man oft schnell mit anderen Menschen ins Gespräch, weil man bereits ein gemeinsames Interesse hat. Man trifft sich unterwegs, übernachtet vielleicht am gleichen Ort oder läuft ein Stück zusammen.
Es gibt ja auch viele Angebote, die Frauen den Einstieg erleichtern.
Wer lieber bewusst in einer Gruppe unterwegs sein möchte, findet heute viele Möglichkeiten. Ich würde zuerst bei Wandervereinen oder dem Deutschen Alpenverein schauen. Dort gibt es oft geführte Touren – gemischt oder auch speziell für Frauen – und die Organisation ist meist sehr günstig. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Wanderreiseveranstalter, die geführte oder individuell organisierte Mehrtagestouren anbieten. Ich würde aber immer erst die niedrigschwelligen Angebote der Wanderverbände ausprobieren.
Alleinwandern kann auch sehr bereichernd sein.
Ja, weil man sich selbst viel intensiver begegnet. Im Alltag sind wir ständig beschäftigt oder werden abgelenkt. Beim Fernwandern bleibt dafür kaum Raum. Man ist mit seinen Gedanken
unterwegs und merkt plötzlich, was einen beschäftigt. Außerdem trifft man alle Entscheidungen selbst. Wann gehe ich los? Wann mache ich Pause? Wo übernachte ich? Dieses Vertrauen in die eigenen Entscheidungen stärkt das Selbstvertrauen enorm.
Das ganze Interview gibt es in der aktuellen Ausgabe der Wanderlust und natürlich im Wanderlust-Abo! 5 x im Jahr.