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Lesedauer 8 Min.

Überleben in der Natur

Wischen und Scrollen können heute schon Kleinkinder. Doch wie steht es angesichts von Krisen, Kriegen und wachsender Naturfremde um die Fähigkeit, draußen zu überleben? Im Schwarzwald zeigt Survivaltrainer Holger Bohnert Kindern und Erwachsenen, dass schon ein Knoten dafür hilfreich ist.
Schwarzwald
© Beate Wand

Das Seil taucht aus der Schlinge wie eine Schlange aus dem See. Dann führt Holger Bohnert das Ende um das Seilstück vor der Schlinge, lässt es wieder in den See tauchen und zieht – fertig ist der Palstek. Er schiebt die Schlaufe des Rettungsknotens durch eine der Ösen an der riesigen Plastikplane und fixiert sie dort mit einem kleinen Ast. „Das ist ein Vorteil. Wenn es morgen beim Abbauen vielleicht regnet, muss ich nur die Stöckchen ziehen und alles ist von der Plane gelöst, die Knoten kann ich später öffnen.“

Um den 57-Jährigen, der ein bisschen an Manfred Krug erinnert, hockt eine Gruppe und schaut genau zu: ein Vater, der seinem 13-Jährigen zeigen will, wie man ohne Handy draußen klarkommt; eine Tante, die mit ihrem Neffen schon zum zweiten Mal solch einen Kurs mitmacht; eine Chemielaborantin, die beruflich neu anfangen will. Sie alle wollen lernen, wie man in freier Natur zurechtkommt. Eingecheckt haben sie im Wildnis-Camp und verbringen das Wochenende auf einer Wiesenkuppe oberhalb von Bad Peterstal-Griesbach. Noch etwas höher verlaufen mit dem Teufelskanzelsteig und Sinfoniesteig zwei der zertifizierten Wege des Premium-Wanderorts.

Der Schriftzug „Survicamp Schwarzwald“ zieht sich über die Brust von Bohnerts T-Shirt. Davor baumelt sein Neck Knife, ein kleines Messer mit feststehender Klinge am Lederriemchen. So hat der Überlebenstrainer immer Werkzeug griffbereit. Seine Finger halten nie lange still. Geschickt knüpft er noch einen Spannknoten ans andere Seilende und legt ihn um einen kurzen Ast. Den hat er zuvor angespitzt und mit der Rückseite seiner Axt in den trockenen Boden geschlagen.

Die wichtigsten Knoten für den Lagerbau haben alle vorher im Kreis geübt: Neben dem Palstek noch den, der die Abspannleinen strafft, den Mastwurf aus Mickymausohren, der das Firstseil der Planenkonstruktion um die beiden Astpflöcke schlingt, und den Prusik, der eine Leine um ein dickeres Seil klemmt. Zwei aus der Gruppe machen es Bohnert nun an den übrigen Ösen nach, klopfen mit dicken Steinen Holzheringe ein, und wenig später spendet das Tarp aus grüner Zeltplane Schatten. Bohnerts ältere Hündin Luna legt sich hechelnd darunter, flüchtet mit ihrem schwarzen Fell aus der heißen Juli-Sonne.

So ein Shelter ist überlebenswichtig. Er schützt nicht nur vor Sonne, sondern auch gegen Regen und Wind. Bohnert hat vorab die Dreierregel erklärt: Der Körper kommt drei Minuten ohne Sauerstoff aus, drei Stunden ohne Schutz, drei Tage ohne Wasser und drei Wochen ohne Essen.

Survivaltrainer Holger Bohnert bringt seinen Kursteilnehmern bei, worauf es draußen ankommt. Ganz wichtig: einen Wetterschutz bauen. Auch das Feuermachen mit Feuerstahl und Birkenrinde als Zunder ist Teil des Programms. 

© Beate Wand

Bei dieser Hitze ist es wichtig, genug zu trinken. „Man spürt es vielleicht nicht in dem Moment“, sagt er, „doch spätestens abends rächt sich Flüssigkeitsmangel.“ Man wird schlapp, bekommt Kopfschmerzen oder Schwindel. Und vor dem Schlafengehen muss noch etwas sein: Die Zeckenkontrolle.

Trotz der Überlebensregeln grenzt Bohnert das Wildnis-Camp und Bushcrafting, also die Fähigkeit, sich mit einfachen Mitteln in der Natur aufzuhalten, von seinen Survival-Kursen ab: „Beim Überlebenstraining schlage ich mich so einfach wie möglich durch, baue eine schnelle Unterkunft, schaue, dass ich unterwegs etwas Essbares finde. Bushcrafting ist eigentlich genau das Gegenteil. Da möchte ich die Zeit in der Natur genießen – den Wald, die Bäume, das Holz. Mich mit Holz beschäftigen, etwas daraus bauen.“

Bohnert ist dankbar, den Schreibtisch gegen einen Arbeitsplatz in der Natur getauscht zu haben. Das tue ihm gut, sagt er. Der Weg dorthin führte über eine stressbedingte gesundheitliche Krise. Danach stellte der gelernte Maschinenschlosser sein Leben neu auf und machte sich selbstständig. Aus der Beratung von Betrieben zu Arbeitssicherheit und Prozessoptimierung wurde nach und nach Vorsorge für Familien: Vollmachten, Patientenverfügung, Notfallmanagement. Immer geht es um die Frage, was geregelt sein muss, wenn das Leben aus dem Takt gerät. 2021 ließ Bohnert sich zum Survival-Trainer ausbilden. Für ihn ist das die praktische Fortsetzung derselben Frage: Was passiert, wenn etwas schiefgeht – und wie bin ich vorbereitet?

 

Das Naturlager ist fertiggestellt und kann jetzt in der Praxis getestet werden. 

© Beate Wand

Wichtiges Werkzeug

Verschiedene Äxte, Klappsägen und Messer liegen im Halbkreis vor Holger Bohnert auf dem Boden. Er bevorzugt solche mit durchgehender Klinge, bei denen der Stahl bis zum Griffende oder sogar darüber hinaus reicht. So ein „Full Tang“ hält Schläge von hinten aus und eignet sich deshalb auch, um Holz zu spalten oder Kerben herauszuarbeiten. Eine Axt mitzuschleppen, ist schließlich ganz schön schwer.

Entscheidend sei der sichere Umgang damit, betont Bohnert: immer vom Körper weg arbeiten. Er greift das Messer „verkehrtherum“, also mit eingedrehtem Handgelenk, hält es auf Brusthöhe und schnitzt am Holz nach außen. Anschließend klemmt er sich einen Ast in die Kniekehle, der andere Oberschenkel drückt von unten dagegen. So eingespannt sitzt er fest. Bohnert sägt ihn außerhalb des aufgestellten Beins durch. Bei Kindern müsse man gut auf- passen, mahnt er. Einen Finger habe noch nie jemand verloren, Verletzungen habe es aber schon gegeben. Meist die Folge eines Moments der Unachtsamkeit.

Ein weiteres Überlebens-Utensil verbindet den Griff von Bohnerts Messer mit seinem Handgelenk, damit es nicht versehentlich herunterfällt: ein Stück Paracord. Die robuste Kunststoffschnur ist leicht, stabil und vielseitig knotbar. Die Kinder tragen sogar geflochtene Survival-Armbänder daraus: Reserven zum Öffnen. Mit den gut zwei Metern Schnur lässt sich notfalls etwas befestigen, abspannen oder sichern.

 

Ofelia präsentiert stolz ihre Brennessel-­Bratlinge, die hier draußen ­besonders gut schmecken. 

© Beate Wand

Nutze die Waldkraft

Zum Genießen schickt Holger Bohnert die Gruppe in den Wald. Jede und jeder soll sich an einer ansprechenden Stelle niederlassen und eine Viertelstunde nur lauschen, riechen, schauen, fühlen, vielleicht sogar schmecken. Stefan geht barfuß und wählt einen Baumstamm am Hang, dick mit Moos bewachsen wie ein Sitzkissen. Auf jeden kleinen Windstoß folgt eine Welle leichter, fließender Bewegungen, begleitet von einem Rascheln. „Das Erste, was auffällt, wenn du von der Wiese hier reinläufst, ist die angenehme Temperatur. Bestimmt so fünf oder sechs Grad kühler“, sagt er, als sich alle hinterher treffen und ihre Eindrücke schildern. Noch erfüllt vom Insektengebrumme, dem harzig-frischen Tannenduft und dem Flattern eines knallorangenen Schmetterlings fühlen sich alle – auch die Kinder – entspannt, die Übung fanden sie beruhigend.

„Ich kann nur empfehlen, sich zwischendurch mal so eine Auszeit zu nehmen“, sagt Bohnert. „Die Natur gibt uns sehr viel. Das Einzige, was man dafür tun muss: Handy abschalten.“

Eine geschulte Wahrnehmung hilft auch, Gefahren in der Natur besser abzuschätzen oder einen geeigneten Lagerplatz zu finden. „Wir gehen jetzt nochmal richtig in den Wald und bauen uns gemeinsam eine Unterkunft“, sagt Bohnert. Aus dem, was der Wald an Baumaterial bereitstellt, falls man ohne Tarp oder Zelt unterwegs ist. „Wer möchte, kann auch heute Nacht darin schlafen.“

Stöckchen knacken, Laub raschelt. Am Hang sucht die Gruppe einen langen, kräftigen Ast, der die Konstruktion der Laubhütte trägt. Das Fundstück gabelt sich am Ende; dadurch verhakt es sich mit der dünnen Birke, die den First-Ast stützt. Vor dem Baum neigt sich der Hang nur leicht in Richtung des späteren Fußendes. Bohnert rät, vorher am Lagerplatz probezuliegen. Leichte Schieflagen bemerkt man sonst erst nachts, wenn man ständig zur Seite rollt oder rutscht.

Die einfachste Variante wählen und nutzen, was die Natur schon liefert, lautet seine Lagerbau-Devise. Das kann ein Felsvorsprung sein oder – wie hier – passende Bäume und sogar Heu aus dem Haufen, den jemand im Wald abgeladen hat. Viele Hände tragen rasch Äste heran und lehnen sie schräg gegen den First. Dann folgen biegsamere Zweige, die quer dazwischen gewebt werden. Darauf kommt das Heu als isolierende Deckschicht. Wo keines ist, wäre Laub die richtige Wahl; zum Sammeln hilft notfalls eine Jacke. Moos sollte man bei Trockenstress dagegen lieber schonen.

Mit vier schnellen Schnitten löst Bohnert Rinde von einem liegenden Birkenstamm. Sie enthält ätherische Öle und eignet sich sogar im feuchten Zustand als Zunder. Am Lagerplatz zeigt er zunächst, wie gut aufgefaserte Watte Funken annimmt: auseinanderzupfen, bis die flauschige Seite offenliegt, dann die Messerspitze hineinhalten und den Feuerstahl über die Klinge ziehen. Funken fallen hinunter und entzünden die Baumwolle. Sein Lieblings-Survival-Hack: immer einen Tampon in die Hosentasche stecken. Die Birkenrinde erfordert etwas mehr Geduld, doch schließlich fängt auch sie Feuer und entzündet qualmend erst dünne Ästchen, dann die gespaltenen Scheite in der Feuerschale.  

Ofelia sitzt in einem Campingstuhl unter dem Tarp. Die Frau von Holger Bohnert teilt seine Outdoor-Leidenschaft und hat sich auf Trekking mit besonders leichter Ausrüstung spezialisiert. Sie greift eine Handvoll Teig aus der Schüssel vor sich und drückt ihn routiniert zu einem Fladen. „Ich bin Mexikanerin, ich kann Tortillas machen“, sagt sie und

lächelt. Brennnesseln und Thymian hat Ofelia am Morgen gesammelt; sie geben der Mischung aus Dinkelmehl, Karotten und etwas Öl eine wilde Note. So landet am Ende eines Tages, an dem alle vertrauter mit Natur geworden sind, sogar ihr Geschmack auf dem Gaumen.

 

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© Beate Wand

Wandern & Wildnis

Bad Peterstal-Griesbach

Als zertifizierter Premiumwanderort bietet Bad Peterstal-Griesbach wanderfreundliche Unterkünfte und mehrere Qualitätswege: Zum Einstieg eignet sich der Premium-­Spazierwanderweg Panoramawegle (4,1 km, gut 200 hm) in Bad Griesbach. Die vier Premiumwege Peterstaler Schwarzwaldsteig (11 km, ca. 440 hm), Wiesensteig (13,5 km, ca. 400 hm), Teufelskanzelsteig (7,1 km, ca. 400 hm) und Himmelssteig (10,8 km, gut 400 hm) erkunden Hänge und Höhen, ­Streuobstwiesen und Felsen, Waldstücke und Wasserfälle beiderseits des Renchtals. Der Sinfoniesteig (35,7 km, ca. 1.160 hm) verbindet als Etappenweg die schönsten Stellen und umrundet die Nationalparkgemeinde über den höchsten Ortsteil Zuflucht. Mit ­genialem Blick vom Roßbühl auf 963 Metern. 

 

Zeltplattformen und Survivaltraining

Das Wildniscamp ist nur einer von vielen Kursen, die Holger Bohnert im Survicamp Schwarzwald anbietet. Outdoor-Abenteuer von Axtwerfen und Bogenschießen über Blackout-Krisentraining, Outdoor-Medizin und Pflanzenkunde bis zu Teambuilding und Wildtierverarbeitung zählen zum Programm. Das TekkingCamp Himmelsterassen nahe des Himmelssteigs hat Holger Bohnert nun zu seinem neuen Schlafspot Wildnis-Camp in Bad Griesbach umgezogen. Dort kann man auch im Winter und für mehrere Nächte zelten, bekommt auf Wunsch einen Frühstücks-, Vesper- oder Grillkorb. Zusätzlich gibt es Duschen, einen überdachten Sitzplatz und einen Hüttenraum. Es entstehen noch Stellplätze mit Strom, Jurten und ein Gemeinschaftstipi. holgerbohnert.de

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