Bayerns stille Seite
Auf dem Burgensteig in der Oberpfalz
„Im Mai haben wir unseren Frühlingsmarkt gefeiert. Wir hätten aber noch viel mehr Ideen. Man könnte hier heiraten oder im Gewölbekeller Lesungen veranstalten, wenn der Freistaat Bayern uns ließe“, sagt Jochen Wittmann, erster Vorsitzender der Wolfsteinfreunde. Auf knapp 600 Metern Höhe thront die trutzige Burgruine Wolfstein als weithin sichtbares Wahrzeichen über der Stadt Neumarkt in der Oberpfalz. Einst mächtiger Stammsitz derer von Wolfstein, verfiel die Burg seit Beginn des 17. Jahrhunderts zusehends. Erst als sich der Verein Wolfsteinfreunde gründete, begann Mitte der 1990er Jahre die Freilegung und Sanierung der malerischen Ruine. Wenn man so wie wir zum Sonnenuntergang auf den 22 Meter hohen Bergfried steigt, dann entfaltet sich ein ebenso stimmungsvoller wie markanter Ausblick über die Hügellandschaft des Bayerischen Jura.
„Sehen Sie den Dillberg dort drüben im Westen?“, fragt Wittmann. „Da verläuft die Sprachgrenze zwischen Franken und der Oberpfalz. Und das da hinten im Osten, das ist die Burgruine Velburg.“ Burgen sind das Stichwort in der Oberpfalz. Knapp 80 ragten einst auf ihren Hügeln wie aufrechte Landmarken in die Höhe. Gut 40 davon – manche nur noch Ruinen oder Burgställe, andere gut erhalten – können heute auf den fünf Burgensteigen erwandert werden. Sie verbinden die Landkreise Neumarkt und Regensburg miteinander. Hinzu kommen etliche kleinere Burgensteig-Runden und -Schlaufen. Als Wanderer hat man hier die Qual der Wahl.
Wer sich für die Etappenwanderung von Neumarkt nach Sinzing entscheidet, wird durch das Tal der Schwarzen Laber geführt, die sich in unzähligen Windungen idyllisch durch die felsige Landschaft schlängelt. Von Neumarkt aus weist das Maskottchen der Burgensteige, Ritter Wonnebold, den Weg zunächst von der Burgruine Wolfstein zum benachbarten Mariahilfberg, wo die Wallfahrtskirche alles bietet, was man von bayerischem Barock erwarten darf: recht viel Gold, Geschnurkel und Gemurkel, wie der Bayer so schön sagt. Schlichter, aber kunsthistorisch nicht weniger bemerkenswert kommt die Kapellengruppe daher, die sich unterhalb der Kirche befindet. Zwischen den zwei Stein- und fünf Holzkapellen – die erste entstand bereits im Jahr 1687 – treffen wir auf Pater Martín im knallroten FC Bayern Trikot. Schon seit neun Jahren lebt der Geistliche aus dem nordargentinischen Salta im hiesigen Orden. Wenn die Bayern gegen die Boca Juniors aus Buenos Aires spielen würden, wäre er für Bayern, schwört er breit grinsend. Mit vier Schwestern aus der benachbarten Gemeinde inspiziert er den Zustand der Mini-Kirchen. „Die müssen mal gründlich gereinigt werden“, sagt er. Die Nonnen ahnen, wie sie den Rest dieses sonnigen und heißen Tags verbringen werden.
Im Künstlerort Kallmünz befindet sich die seit 1707 bekannte Höhlenwohnung im Schlossberg. Der letzte permanente Bewohner verließ sie 1937.
Alexa ChristTrockenhänge, die ans Mittelmeer erinnern
Da haben wir Wanderer es besser, denn uns führt der Weg in das schöne Lengenbachtal. Die schattigen Abschnitte im Wald tun gut, doch schon bald geht es durch offene Feuchtwiesen, Trockenrasen, Kalkmagerrasen und Quellbereiche. Die Natur dürstet nach Regen, der einfach nicht fallen will. Die Vegetation weckt mediterrane Gefühle. Trockenpflanzen haben die besten Karten – der Natternkopf etwa, der seine blauen Blüten aufrecht in die Luft reckt. Die Sonne brennt mittlerweile so erbarmungslos, dass es Zeit für eine Pause ist. Im kleinen Lengenfeld kehren wir ein. Seit 1428 schenkt das Winklerbräu Gerstensäfte aus, seit 1628 brauen sie das Bier sogar selbst – von Hand, versteht sich. Ein frisch gezapftes Helles und cremige Käsespätzle im überaus stilvollen Biergarten sind genau die richtige Stärkung, um danach den Weg nach Velburg fortzusetzen. „Verliebt in Velburg lautet unser Motto – das stammt zwar von meinem Vorgänger, könnte aber von mir sein“, bemerkt Bürgermeister Christian Schmid zur Begrüßung. Der 44-Jährige residiert in einem echtem Hingucker von Rathaus – reich an rot-weißen Zinnen, neugotisch im Stil. Es ist die beherrschende Dominante an dem mit kunterbunten Barockbauten überaus sehenswerten Stadtplatz. Unser Ziel liegt aber auf einer felsigen Kuppe gut 130 Meter über dem Ort: Dort ragen die Reste der Velburg in den bajuwarisch-blauen Himmel. Eine alte Lindenallee führt in Serpentinen zu ihr herauf.
Bele Schneider wartet bereits auf uns. Die ehemalige Requisiteurin, die früher Filme wie „Das finstere Tal“ oder „Räuber Kneißl“ ausgestattet hat, ist heute Heimatpflegerin. Die genauen Anfänge der Burg liegen im Dunklen, der erste Burgherr sei aber der Edelfreie Kuno gewesen, berichtet sie. Nachdem die Schweden im Dreißigjährigen Krieg die Burg zerstört hatten, verfiel sie. „Da war sie aber sowieso schon lange unbewohnt gewesen“, erzählt Schneider. „Schon 1526 bezog der damalige Burgvogt lieber ein komfortables Stadthaus unten im Ort.“ Wir erklimmen den Bergfried, genießen die Aussicht über die bewaldeten Hügel der so genannten Kuppenalb ringsum und nehmen unsere nächsten beiden Burgen ins Visier.
Strahlende Nonnen aus vier verschiedenen Ländern. Die Johannesschwestern leben in Velburg und kümmern sich an diesem sonnigen Tag um die Kapellengruppe am Mariahilfberg. Rundes Bild: Jochen Wittmann, 1. Vorsitzender der Wolfsteinfreunde.
Alexa ChristBurgen, so weit das Augen reicht
In Parsberg grüßen schon von Weitem die zwei markanten Zwiebeltürme der 820 Jahre alten Burg. Das Wahrzeichen thront auf einem Sockel aus moosbewachsenem Schwammstein, der vor etwa 150 Millionen Jahren auf dem Grund des Jurameers entstand. Als sich das Meer durch das Herausheben des Fränkischen Schildes zurückzog, blieben Lagunenlandschaften voller Muschelkalk zurück. „Deshalb haben wir hier nur weiße Steine“, erklärt Hans-Jürgen Hopf. Der Bürgermeister des sehr hübschen 8.000-Einwohner-Städtchens rät: „Kommen Sie im Winter wieder, dann feiern wir auf der Burg den schönsten Weihnachtsmarkt der Oberpfalz!“ Der Rundblick von der Aussichtsplattform bietet ein Panorama, das an Schönwettertagen den Atem raubt.
Die Wanderung ist ohnehin reich bestückt mit fantastischen Weitblicken. Den nächsten beschert uns die Nachbargemeinde Lupburg, die als kleiner Abstecher auf der Burgensteig-Runde 5 liegt. Auch hier erhebt sich auf einem Jurakegel eine Burganlage. Und die ist etwas ganz Besonderes. 1985 war die Festung, in deren Schatten sich einst ein lebhafter Markt aus Ackerbürgern, Handwerkern und Händlern entwickelte, nicht mehr als eine Ruine. Daraufhin fasste der Gemeinderat den Entschluss zum Wiederaufbau. „Bis heute hat uns das nur 1,5 Millionen Euro gekostet, weil die Lupburger Vereine ganz viel Eigenleistung erbracht haben. Die örtliche Metzgerei hat jedes Wochenende die Brotzeit spendiert“, erzählt Bürgermeister Manfred Hauser, dessen Verwaltung die Burg heute bewohnt, voller Stolz. „Deshalb identifiziert sich der Lupburger auch mit nichts und niemandem so sehr wie mit seiner Burg.“ Zurück auf der Hauptroute übernimmt ab Eggenthal die Schwarze Laber die Wegführung. Ihr Name stammt wahrscheinlich aus dem Keltischen und bedeutet so viel wie „die Schwatzende, die Rauschende“.
Wer nun ein wild tosendes Gewässer erwartet, sieht sich jedoch getäuscht – aufgrund des geringen Gefälles ist die Schwarze Laber ein eher ruhiges, zahmes Flüsschen. Umso mehr Muße bleibt, die Stillleben aus hübschen Wasserpflanzen zu genießen, an denen sich wirklich Myriaden von Schmetterlingen tummeln. Historische Getreide-, Hammer-, Papier- oder Pulvermühlen säumen den Flusslauf.
In Kallmünz und Neumarkt erheben sich die jeweiligen Burgen als Ruine über dem Ort
Alexa ChristEin Ort wie gemalt
Überhaupt spielt das Wasser eine bedeutende Rolle. Bei einem Abstecher auf den Burgensteig durch das Naabtal nördlich von Regensburg begleiten den Wanderer die Flussläufe von Naab und Vils, die sich in Jahrmillionen unermüdlich durch die tief eingeschnittenen Juratäler gearbeitet haben. Pittoreske Orte, stille Altwässer und schroffe Kalkfelsen reihen sich hier wie Perlen auf eine Schnur. Für Angler sind die beiden Flüsse ein wahres Eldorado, ziehen sie hier doch noch über zwei Meter lange Welse aus dem Wasser. Das ungekrönte Juwel des Tals ist jedoch der Markt Kallmünz, der am Zusammenfluss von Naab und Vils nicht schöner in die Landschaft gemeißelt sein könnte. Ein Umstand, der auch bedeutenden Künstlern nicht entging. „Um die Jahrhundertwende haben sie Kallmünz halb tot gemalt“, spottet Bernhard Hübl, der schon seit Jahren als Nachtwächter durch die historischen Gassen führt. Mit „sie“ meint Hübl namhafte Maler wie Charles Palmié, Elsa Boyens oder Karl Schmidt-Rottluff. Um 1900 verbrachten die Herrschaften gern die Sommerfrische in Kallmünz.
Das Gasthaus „Zur Roten Amsel“ wurde gar in ein Künstlerheim verwandelt. Im Juni 1903 reiste Wassily Kandinsky mit seinen Schülerinnen an – darunter Gabriele Münter. In Kallmünz begann ihre Liebesgeschichte, hier verlobten sie sich. Doch wie es sich für den Burgensteig gehört, bietet Kallmünz natürlich nicht nur Kunst, sondern auch die dazugehörige Burgruine. Über dem Ort erhebt sich der Schlossberg nach beiden Seiten mit bis zu 110 Meter hoch aufragenden Felswänden. Als Wanderer erklimmt man ihn bei der Kirche St. Michael über eine Vielzahl steiler Stufen.
Das Höhenplateau diente schon seit der Steinzeit als Siedlungs- und Versammlungsstätte. Vor 3.000 Jahren schütteten die Kelten hier einen Ringwall auf. Er umgibt noch heute die Reste der einst mächtigen Burganlage, die sich die Wittelsbacher im 13. Jahrhundert einverleibten und zu einem Stützpunkt ihrer Macht ausbauten. Übrig geblieben sind davon noch die eindrucksvolle Ringmauer, der Bergfried, sowieTeile des Palas und der Kapelle. Die schönen rundbogigen Arkadenfenster im Obergeschoss des Palas geben das perfekte Fotomotiv ab – zumindest bis man die spektakuläre Aussicht auf Kallmünz, das Umland und den Zusammenfluss von Naab und Vils entdeckt. Spätestens da möchte man wie Kandinsky und Münter zum Künstler werden.
MEHR WANDERLUST: Inspirierenden Reportagen, Produkttests und Wissenswertem aus unserer heimischen Tier- und Pflanzenwelt gibt es in der aktuellen Ausgabe der Wanderlust und natürlich im Wanderlust-Abo! 5 x im Jahr.
Wunderbare Ausblicke in die Weite genießt man immer wieder entlang der Burgensteige.
shutterstock/Robert Ruidl
Infos und Kontakte
Burgensteige
Ein Wegenetz aus mehr als 200 Wanderkilometern bieten die fünf Burgensteige. Sie führen ins Tal der Schwarzen Laber, ins Naab- und Regental, rund um Donaustauf und rund um den Brennberg. Hinzu kommen etliche kürzere Burgenschleifen und Runden, die sich als Tagestouren anbieten. Die Wanderkarten „Burgensteige I und II“ sowie die Karte „Burgensteige im Neumarkter Land“ dienen zusammen mit dem Wegesymbol des Ritters Wonnebold zur Orientierung und können im Vorfeld bestellt oder vor Ort in den Tourismuszentralen oder bei den Landratsämtern Regensburg und Neumarkt abgeholt werden. Alle Infos unter:
www.burgensteige.de
Jurasteig
Als 237 km langer Rundweg führt der Jurasteig über die Höhen und Täler von Donau, Altmühl, Weißer und Schwarzer Laber, Lauterach, Vils und Naab. Zusätzlich zur Hauptroute, die den Oberpfälzer Jura umfassend erkundet, gibt es noch 18 Schlaufenwege. Wer den ganzen Steig läuft, hat 13 Etappen zu bewältigen.
www.jurasteig.de
Wasser- und Mühlenweg
Im Tal der Weißen Laber führt über 69 km der Wasser- und Mühlenweg von Höhenberg bei Neumarkt über Deining, Dietfurt a.d. Altmühl, Breitenbrunn bis Wissing und über den Petersberg zurück zur Weißen Laber. Viele historische Mühlen und Hammerwerke säumen den Weg. Infos unter
www.tourismus-landkreis-neumarkt.de
Übernachten
In Parsberg ist das Romantik Hotel Hirschen die allererste Adresse, die Metzgerei, Gasthaus und Hotel vereint. Die geschmackvollen Zimmer und Suiten sind aus naturnahen Materialien gefertigt, die Küche verwöhnt den Gourmetgaumen und im Garten mit Naturpool sowie im exklusiven Spa-Bereich lässt es sich wirklich herrlich entspannen.
www.romantikhotelhirschen.de
In Lengenfeld ist das Gutshofhotel Winklerbräu mit eigener Privatbrauerei ein Muss. Das Haus gibt es seit 1428, die Brauerei seit 1628. Zimmer mit Stil, viel Wellness und mehrfach prämierte Slowfood-Genussküche. Sowohl im historischen Braustüberl als auch im Biergarten sitzt man wunderschön.
www.winkler-braeu.de
In Neumarkt verbindet auch das Wittmanns Metzgerei und Gastronomie mit Lifestyle-Hotel. Lounge-Atmosphäre trifft auf Oberpfälzer Tradition. Noch dazu beherbergt das Haus ein Weißwurstmuseum. Wer‘s mag, kann dort von Metzgermeister Norbert Wittmann in der Weißwurstakademie alles über das bayerische Nationalgericht lernen.
www.wittmanns-neumarkt.de
Gleich unterhalb der Burgruine Wolfstein liegt auf einer kleinen Anhöhe über Neumarkt das Berghotel Sammüller. Der weitläufige Biergarten bietet einen herrlichen Panoramablick über die Juralandschaft und die Stadt Neumarkt sowie leckere Oberpfälzer Küche mit regionalen Zutaten. www.sammueller.de
In Kallmünz befindet sich mit dem kleinsten Wirtshaus der Oberpfalz ein absolut uriges Lokal – der Bürstenbinder. Hier gibt‘s hausgebrautes Bier und handgemachte „Bauchstecherla“ – Fingernudeln, die in der Pfanne angebraten und mit unterschiedlichsten Zutaten wie Speck, Käse oder Kraut serviert werden. Unbedingt probieren!
www.zum-buerstenbinder.com