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Lesedauer 8 Min.

Der Atem der Alpen

Sechs Etappen, je nach Variante 70-90 Kilometer, 5.000 Höhenmeter, ungezählte Ein­drücke: Auf dem Weitwanderweg „Segnes Trek“ bei Flims Laax erleben Wanderer die ­Bündner und ­Glarner Alpen von ihrer schönsten ­Seite. Christina ­Ragettli, eine echte Flimserin, kennt auf „ihrem“ Segnes Trek jeden Stein mit ­Vornamen.
Flims
© Flims Laax / Gian Ragettli

Erster Akt: Aufbruchstimmung und Hüttenflair

Wer wie Christina Ragettli die erste Etappe des „Segnes Treks“ auf der Ringelspitzhütte feiern möchte, sollte früh starten. „Am ersten Tag warten gleich 1.400 Höhenmeter“, sagt die 33-jährige Flimserin. Und am Anfang der Sechstagestour sind weder Füße noch Rücken die Belastung gewohnt. Also in Reichenau – keine zehn Kilometer westlich von Chur – die Wanderschuhe geschnürt und los geht’s! Erstes Ziel: der Kunkelspass. Der genießt unter (E-)Mountainbikern Legendenstatus. Entsprechend viel los ist auf der Sonnenterrasse der „Bergbeiz Kunkelspass“ an der Passhöhe. Christina riskiert einen Blick hinauf zum 3.248 Meter hohen Charakterkopf Ringelspitz. Was funkelt denn da im Spätnachmittagslicht? Genau – die Ringelspitzhütte! Aber bis dahin sind es noch stramme 650 Höhenmeter. Oben angekommen, öffnet sich der Blick in die beeindruckende Bergwelt rund um den Ringelspitz. Ein erster Ausblick auf das, was die nächsten Etappen bereithalten. Danach geht es in die gemütliche Stube der Hütte. Gekocht wird auf dem Holzofen, die Gerichte werden frisch zubereitet und es wird viel Wert auf saisonale und regionale Produkte gelegt – einfache, ehrliche Bergküche, die nach einem langen Aufstieg gleich doppelt schmeckt.

Wasser spielt auf dem Segnes Trek eine ­prominente Rolle: ob in den Strudeltöpfen der Alp Mora oder entlang des Wasserweges Trutg dil Flem.

© Flims Laax / Gian Ragettli

Zweiter Akt: die Alp Mora, oder: Mordor meets Gletschermühlen

„Soooo kalt!“, jubelt Christina und zieht die Zehen blitzschnell wieder an Land. Das eiskalte Fußbad in den kristallklaren Strudeltöpfen oberhalb der Alp Mora ist die Selbstbelohnung für den zweiten Tourentag. „Beim Segnes Trek sind die Etappen eher kurz, aber gespickt mit Highlights“, erzählt die Flimserin. „Weitwandern mit ein wenig Nervenkitzel – so mag ich es am liebsten!“ Morgens führt der Weg von der Ringelspitzhütte in den Lavoitobel und über den Morgang. Diese Passage ist als Alpinwanderweg weiß-blau-weiß markiert und ist zwar steil, aber nicht übermäßig ausgesetzt. Trotzdem sind auf solchen Abschnitten Trittsicherheit, Schwindelfreiheit, eine sehr gute Kondition sowie ein fundiertes Verständnis der alpinen Risiken unerlässlich. Nach 500 Höhenmetern kommt Christina zu den Gletschermühlen der Alp Mora.  Die „Strudeltöpfe“ sind der perfekte Ort für eine Mittagspause! Nach der Abkühlung geht’s höhengleich weiter Richtung Westen. Aber erst noch kurz bergauf. Ein standesgemäßer Bündner Aussichtspunkt hat nicht nur ein Holzbänkli, sondern auch eine Tafel mit Bergspitzenübersicht angebracht. Wenig später, nach einem Hirtenhüttchen an der Felswand, wähnt man sich dann in Mordor aus „Herr der Ringe“. Wie auf Kommando kreisen zwei Steinadler über ihr. Aber besser, man schaut hinunter als hinauf. Der Abstieg verlangt nämlich Trittsicherheit und gute Nerven. Der Weg ist teilweise in die Felswand gehauen. Zum Glück gibt’s eine Eisenkette. Zur Belohnung wartet ein gemütlicher Hüttenabend im Berggasthaus Bargis.

 

Der Segnes Trek ist eine alpine Sechs- Tages-Weitwanderung mit ­abwechslungsreichen Etappen und Naturhighlights wie den Segnesböden, Tschingelhörnern und den Strudel­töpfen auf der Alp Mora. 

© Flims Laax / Gian Ragettli

Dritter Akt: von einer Kathedrale, dem Atlas und vielen steinigen Böcken

Tag drei beginnt ganz gemütlich mit einer Wanderung über die Bargis-Hochebene. Danach steigt der Weg vorbei an spitzen Felsformationen – auch hier lässt „Herr der Ringe“ grüßen. Wer offenen Auges unterwegs ist, sieht sie dann irgendwann: die Kathedrale, eine kleine Schlucht mit einem imposanten Wasserfall. „Diesen magischen Ort schätzen wir Einheimischen sehr“, sagt Christina.

Next Stop: der Übergang „Fuorcla Raschaglius“. Schon etliche Male war die Flimserin auf der 2.500 Meter hohen Scharte – im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. „Ich liebe die Aussicht auf den Piz Dolf, Piz Segnas, Piz Sardona und den Atlas.“ Aber heute hat sie kein Glück. Es ist neblig und grau, nur kurz reißt es mal auf. Der Regen ist der einzige Begleiter, als Christina den oberen Segnesboden umrundet. Dann mogelt sich der Weg durch XXL-Felsbrocken hindurch. Ohne Vorwarnung stehen sie plötzlich da: etwa zehn Steinböcke. Dieser Anblick hebt die regnerische Laune sofort. An der Felswand mit Kette gilt: volle Konzentration! Und mit einem Mal hat sie freie Sicht auf das berühmte Martinsloch und die Tschingelhörner – mitten im UNESCO-Weltnaturerbe Tektonikarena Sardona. Genau hier wird die weltweit einmalige „magische Linie“ sichtbar: jene geologische Grenze, an der ältere Gesteinsschichten über jüngeren liegen – ein umgekehrter Aufbau, der in dieser Klarheit nirgends sonst auf der Welt zu sehen ist. Diese Glarner Hauptüberschiebung gilt als eines der eindrucksvollsten Zeugnisse dafür, wie die Alpen entstanden sind. Von hier aus ist es nur noch ein letzter Anstieg hinauf zum 2.627 Meter hohen Segnespass. Die Hütte direkt auf dem Grat war mal eine Militärbaracke, heute heißt sie „Mountain Lodge“. Wer wie Christina einen der zwölf Schlafplätze ergattert, fühlt sich dem Himmel ein gutes Stückchen näher.

 

Vierter Akt: der Traum von der schönsten Berghütte der Schweiz

Die Schuhe sind noch nass, als Christina nach dem Frühstück die Schnürsenkel bindet. Der Abstieg in Richtung Elm ist zu Beginn steil, Stöcke entlasten ihre Knie. Doch schon bald wird der Weg angenehmer. Sie staunt jedes Mal wieder über das Martinsloch, trödelt ein bisschen und fotografiert die herzigen Schafe auf der Alp. Bei der Tschinglenalp gibt es eine kleine „Beiz“, in der man auch übernachten kann. Es wird immer heißer. Mehr als gelegen kommt jetzt der Wasserfall mit kleinen Naturpoolbecken – sie fackelt nicht lange. Herrlich abgekühlt und frisch geduscht geht es eine halbe Stunde später über den felsigen Weg zur Martinsmadhütte. Irgendwann neigt sich dann auch der schönste Hüttenabend dem Ende zu. Jeder Schlafplatz hat ein Nachttischlein mit einem „Gute-Nacht“- oder „Schlaf-gut“-Täfelchen. „So wohl wie hier fühle ich mich auf keiner anderen Hütte.“

 

Auf der idyllischen ­Ringelspitzhütte endet die erste Etappe.

© Flims Laax / Gian Ragettli

Fünfter Akt: ein Berg namens Ofen und eine Hütte mit heißer Dusche

Es ist kalt, die Felswände schirmen noch die Sonnenwärme ab. Anfangs ist der Weg Richtung Grischsattel gemütlich, aber bald schon wird es steiler und nach einer Bachquerung folgt die steile Felswand. Diese Passage im Schwierigkeitsgrad T4 ist mit Stahlketten gesichert. Genau nach Christinas Gusto. „Von mir aus könnte dieser Abschnitt Stunden dauern!“ Aber schon nach einer Viertelstunde ist der Kraxelspaß vorbei und sie kommt auf eine Ebene. Durch kleine Schuttreisen geht’s weiter zum Grischsattel. Oben angekommen, kommt die Sonne raus und Christina entscheidet sich kurzfristig: „Jetzt geh ich noch auf den Ofen.“ Das Laaxer Stöckli könnte sie auch besteigen, es hat aber heute das Nachsehen. „Die Aussicht vom Ofen ist besser und der Weg gemütlicher“, weiß Christina. Apropos Aussicht: Die Tschingelhörner kratzen am Himmel, aber es ist wieder der Atlas (2.926 m), der allen anderen Charakterköpfen die Schau stiehlt. Nach dem Eintrag ins Gipfelbuch steigt Christina auf gleichem Weg zurück zum Grischsattel. Oberhalb der Crap-Grisch-Felswand führt ein Weglein hinab zur Bergstation Nagens Sura – und zum unteren Segnesboden. Dieser gehört zu den Moorlandschaften von nationaler Bedeutung und gilt als einzigartiges Naturjuwel: eine weite, offene Ebene, geprägt von Wasserläufen, seltenen Pflanzen und eindrücklichen Formationen. Sie wandert am Wasserfall des Flem vorbei. Dieser markiert auch den Start des prämierten Wasserwanderweges „Trutg dil Flem“. Von hier ist es nur noch ein Katzensprung zur Segneshütte. „Die Hütte ist super ausgebaut“, sagt Christina.

 

Sechster Akt: Grande Finale von der Tektonikarena Sardona hinab nach Flims

„Heute geht’s bergab“, sagt Christina und schultert den Rucksack. Macht nichts! Im Gegenteil. Frei nach dem Motto „Das Beste zum Schluss“ wartet der Wasserweg „Trutg dil Flem“, der auf knapp elf Kilometern Länge hinab nach Flims führt. Doch bevor es feucht-fröhlich bergab geht, lädt der Besucher-Pavillon Sardona direkt neben der Segneshütte zum Lernen und Verweilen ein. Im gläsernen Kubus erfährt man alles über das UNESCO-Weltnaturerbe Tektonikarena Sardona und die gut sichtbaren Kontinentalplattenverschiebungen. Statt der Segneshütte bietet sich zum Übernachten auch das „TCS Pop-Up“ an, ein alpines Glamping-Dorf mit Luxuszelten. Cooler kann man in den Alpen kaum übernachten! Aber Christina muss weiter. „Den Weg auf dem Trutg dil Flem in mein Heimatdorf kenne ich natürlich in- und auswendig“, sagt die 33-Jährige. Der Bündner Künstler Jürg Conzett hat hier sieben spektakuläre Brücken gebaut, über die man immer wieder die Uferseite wechselt. 1.000 Höhenmeter geht es nun bergab bis nach Flims. Und auch den passenden Einkehrtipp für zwischendurch hat Christina parat: „In Startgels musst du unbedingt den Schoggikuchen probieren!“ Der Bach Flem wird nun immer breiter. Am Ende locken noch zwei Aussichtsplattformen mit Tisch und Bänken – perfekt für ein letztes Picknick, bevor man am Ende des Waldes die Talstation Flims erreicht und nach sechs erlebnisreichen Tagen wieder in die Zivilisation entlassen wird. 

 

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Aussichtsreiche Rastmöglichkeiten wie etwa mit dem Blick auf den Flimserstein und ­leckere Kost wie im Berghaus Bargis gehören auf dem ­Segnes Trek zur Tagesordnung. Es wartet viel Bergluft: vier von fünf Übernachtungen sind auf über 2.000 Metern und der höchste Pass liegt auf 2.760 Metern.

© Flims Laax / Gian Ragettli

Der Segnes Trek Infos

Flims Laax, Graubünden und Glarner Alpen, Schweiz

 

Tour:

• Dauer: 6 Tage

• Start: Reichenau Ziel: Flims

• Länge: 70

• Höhenmeter: ca. 5.000 m

• Schwierigkeitsgrad: mittelschwer bis anspruchsvoll, Trittsicherheit erforderlich

• Technische Anforderungen: schwer, Alpinwanderweg, weiss – blau – weiss markiert, SAC-Skala: T3-T4

 

Highlights:

• UNESCO-Weltnaturerbe Tektonikarena Sardona

• Segnesböden (oberer und unterer)

• Tschingelhörner und Martinsloch

• Gletschermühlen der Alp Mora

• Trutg dil Flem – prämierter Wasserwanderweg

 

Unterkünfte:

• Ringelspitzhütte, Berggasthaus Bargis, Mountain Lodge, Martinsmadhütte, Segneshütte

 

Beste Jahreszeit:

Juni bis Ende September (abhängig von Schneelage und Wetterbedingungen)

 

Anreise:

Startpunkt in Reichenau, nahe Chur (ÖV-Anbindung vorhanden).

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