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Lesedauer 6 Min.

Geheimnisse der Heide

Ganz im Westen von Niedersachsen, an der Grenze zu den Niederlanden, liegt die ­Samtgemeinde Uelsen. Naturfreunde entdecken hier Heidelandschaften und eine seltene ­Haustierrasse. Archäologen denken eher an Grabhügel und einen spektakulären Goldfund.
Heide
© Wolfgang Stelljes

Christian Kerperin (57) von der Unteren Naturschutzbehörde der Grafschaft Bentheim und seine Kollegin Pia Böke (29) sind „Gebietsbetreuer“ der Itterbecker Heide, also von Amts wegen zuständig für „Schutz und Pflege von Natur und Landschaft“. Im August und September brauchen die beiden hier eigentlich nicht viel zu machen, denn dann präsentiert sich die Heide in ihrem schönsten Gewand. Dann ist das Lila der Besenheide die vorherrschende Farbe. Sie blüht zuerst an der Spitze und später am ganzen Stängel, das Lila zeigt sich also erst zart, dann kräftig, erst punktuell, dann flächendeckend.

Sie waren fast schon ausgestorben: Bentheimer Landschafe, eine alte Haustierrasse.

© Wolfgang Stelljes

Krumme Kiefern, seltene Schafe

Die Itterbecker Heide gehört zu den größten zusammenhängenden Sandheideflächen im westlichen Niedersachsen. Auf rund 46 Hektar des insgesamt 126 Hektar großen Naturschutzgebiets erstreckt sich eine offene Heidelandschaft mit Wacholdern und Kiefern, urigen, teils mehrstämmigen oder auch verdreht gewachsenen Bäumen. Der Boden ist, wie man in der Grafschaft sagt, „Karnickelsand“, also extrem nährstoffarm. „Heide kommt damit am besten klar“, sagt Kerperin. Das Naturschutzgebiet ist Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Heidelerche, Ziegenmelker und Schwarzkehlchen sind gut vertreten, aber auch Zauneidechse und Schlingnatter, obwohl man die eher selten zu Gesicht bekommt. Nahezu unvermeidlich ist dagegen die Begegnung mit dem Bentheimer Landschaf, eine alte Haustierrasse, die aus der Region stammt und vor fünf Jahrzehnten nahezu ausgestorben war. Mit dem Verschwinden der großen Heideflächen war der Bestand auf gerade mal 50 Tiere geschrumpft, gehalten von drei Züchtern. Auch wenn es heute wieder Tausende von Bentheimer Landschafen gibt, ist das Überleben der Rasse keineswegs gesichert. In der Itterbecker Heide wachen Herdenschutzhunde darüber, dass sich nur der Schäfer und sonst niemand den Tieren nähert – und schon gar kein Wolf. Die Hunde schlagen sofort an, als wir einen Elektrozaun passieren. Sie sind von klein auf mit den Schafen zusammen, sagt Kerperin. „Die fühlen sich vermutlich als Schafe, die bellen können.“ Ein Schild am Zaun weist darauf hin, dass man gut beraten ist, ein wenig Abstand zu halten.

Wie in anderen Heideregionen auch verhindern die Schafe und Ziegen eine Verbuschung. Gäbe es die vierbeinigen Helfer nicht, würden Birken und Kiefern als „Pioniergehölze“ das Regiment übernehmen, assistiert von der Spätblühenden Traubenkirsche. Letztere ist eine invasive Art, die den Naturschützern große Probleme bereitet, weil sie schnell wächst und die Heide verschattet. Eingeführt wurde das aus Nordamerika stammende Gewächs einst unter anderem als Brandschutzgehölz, angepflanzt in Kiefernforsten, sagt Kerperin. „Das ist leider ein bisschen aus dem Ruder gelaufen.“

 Die Kiefern in der Itterbecker Heide wachsen krumm und schief dem Himmel entgegen.

© Wolfgang Stelljes

Zeugnisse aus der Bronzezeit

Neben der Itterbecker Heide gibt es im Bereich der Gemeinde Uelsen weitere Heideflächen. Eine eher kleine umgibt den „Egger Riesen“, einen tonnenschweren Findling, „bei dem jede Grundschulklasse aus dem Ort einmal gewesen ist“, so Kerperin. Bei dem Naturdenkmal handelt es sich um einen Granitstein, der in der Eiszeit von Skandinavien nach Itterbeck verfrachtet wurde. Irgendwo hier befand sich das Ende einer Gletscherzunge, Kerperin spricht geologisch korrekt von einer „Stauchendmoräne“. Das vorrückende Eis hat das Land quasi zusammengestaucht, auf eine Höhe von bis zu 85 Metern. „Für die Niedergrafschaft ist das schon eine Art Mittelgebirge.“

Auf diesem Landrücken, der von ausgedehnten Mooren umgeben war, ließen sich schon früh Menschen nieder. Davon zeugen die vielen Grabhügel aus der Stein- und Bronzezeit, zum Beispiel die „Söben Pölle“ südlich der Bauernschaft Itterbeck. Oder die in der „Hügelgräberheide Halle-Hesingen“ direkt an der Grenze zu den Niederlanden. Schon nach wenigen Metern erhebt sich hier ein Hügelgrab aus einer von Eichen umschlossenen und von Brombeeren durchsetzten Heidefläche. Es ist eines von 14. Ursprünglich gab es hier Hunderte solcher Grabhügel. „Ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage: Die Vielzahl der heute noch sichtbaren Hügelgräber ist landesweit einmalig“, sagt Geert 

Vrielmann, ein pensionierter Lehrer und erster Ansprechpartner in Sachen Ortsgeschichte. Die ersten Grabhügel dürften vor rund 4.000 Jahren entstanden sein. Wie unsere Urahnen einen solchen Grabhügel anlegten, bietet Raum für Spekulationen. Jedenfalls ist es eine Leistung, die Vrielmann heute noch Respekt abnötigt. „Was für ein Aufwand, was für eine Logistik – das fasziniert mich. Wie haben sich die Leute wohl für solche Aktionen verabredet?“ Vielleicht nach dem nächsten Vollmond, nur mal so als These, sagt Vrielmann. 

 

Die Itterbecker Heide gehört zu den größten zusammenhängenden Sandheideflächen im westlichen Niedersachsen.  Pia Böke von der Unteren Naturschutzbehörde der Grafschaft Bentheim kümmert sich um sie.

© Wolfgang Stelljes

Der Goldbecher vom Spöllberg

Überregional bekannt wurden die Grabhügel durch einen seltenen Fund. 1840 stieß ein Bauer, der Sand für einen Schafstall abbaute, am Spöllberg nordöstlich von Uelsen auf einen Becher, 11,5 Zentimeter hoch und gut 250 Gramm schwer. Kupfer, dachte sich der Bauer, und verkaufte den Becher für einen Taler an einen Viehhändler aus Uelsen. Als publik wurde, dass der Becher aus reinem Gold bestand, grämte sich der Bauer und wollte den Becher zurück. Hätte er doch nur auf seine Frau gehört, die das gute Stück gern behalten hätte. Am Ende eines langen Rechtsstreits erwarb der Fürst zu Bentheim-Steinfurt den Becher zu einem Preis, der es erlaubte, den

Bauern fürstlich zu entschädigen und die Bauerschaft Gölenkamp und mehrere Uelser Bürger zu bedenken.

Ob dieser Becher wirklich das älteste jemals gefundene Goldgefäß Europas ist, wie man immer wieder liest, ist unter Archäologen umstritten, sagt Vrielmann. Das Original ist in der Burg Bentheim ausgestellt, eine Nachbildung im Rathaus von Uelsen. Die Kunde von diesem Fund rief übrigens bald schon die ersten Grabräuber auf den Plan. Mit einem senkrechten Stich versuchten sie, ins Innere von Grabhügeln vorzudringen. Ob sie fündig wurden und auf Waffen, Schmuck oder Tongeschirr stießen, ist nicht bekannt. Die Lebensmittel, die man den Toten mit auf die Reise ins Jenseits gab, dürften ihr Verfallsdatum jedenfalls überschritten haben.

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Unterwegs auf dem Rundweg durch die Itterbecker Heide: Pia Böke und Christian Kerperin von der Unteren Naturschutzbehörde der Grafschaft Bentheim.

© Wolfgang Stelljes

 Spannender Ausflug in die Archäologie: der Bronzezeithof in Uelsen. Geert Vrielmann lässt auf dem Bronzezeithof die Geschichte unserer Vorfahren lebendig werden.

 

© Wolfgang Stelljes

Wandern & Entdecken

GRAFSCHAFTER SPURENSUCHE

15 Tagesrouten haben die Touristiker der Grafschaft Bentheim unter dem Titel „Grafschafter Spurensuche“ zusammen-gefasst, zwei davon führen durch die Samtgemeinde Uelsen. Die 25,2 Kilome-ter lange Route „Auf den Spuren der Bronzezeit“ verbindet unter anderem den Bronzezeithof mit dem Lönsberg, auf dem ein 35 Meter hoher Aussichtsturm steht. Etwas kürzer ist mit gut 20 Kilometern die Route „Auf den Spuren der Heide“, die durch die Itterbecker Heide, zur Itterquelle und zum Egger Riesen führt, einem tonnenschweren Findling. Näheres zu den einzelnen Routen unter 

www.grafschaft-bentheim-tourismus.de.

 

Zeitreise zum BRONZEZEITHOF

Ein nachgebauter Bauernhof aus der Bronzezeit lädt ein zu einer Reise in die Vergangenheit. Fast scheint es, als würden in dem flachen reetgedeckten Bau noch Leute wohnen. Zu dem Bauernhaus gesellen sich zwei Speicher, der eine auf vier, der andere auf sechs Pfosten. Bei Letzterem ruhen auf den Pfosten flache Steine. „Sie sollen verhindern, dass sich Mäuse dem Speck, dem Getreide oder den Bohnen nähern“, sagt Geert Vriel-mann, der sich hier ehrenamtlich engagiert. Ähnlich erfindungsreich waren unsere Vorfahren vor rund 3.000 Jahren, wenn es darum ging, harten Granitstein auszuhöhlen. Es gelang mit Holunder-holz, scharfkantigem Sand und ganz viel Geduld, „in 24 Stunden ein Zentimeter“. Infos zu Veranstaltungen und den 

Öffnungszeiten unter 

www.bronzezeithof.de.

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