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Schwäbisch-Fränkischer Wald

Wo wilde Waldschluchten und Wasserfälle auf Felsgestalten und historische Mühlen treffen, ist der perfekte Ort für ein Mikroabenteuer. Im Schwäbischen Wald bei Welzheim haben sich die Bäche spektakulär in die Landschaft gefräst. Ein Paradies für seltene Tiere, Pflanzen und Naturliebhaber.
Aufnahme einer Brücke über einen Bach im Schwäbisch-Fränkischen Wald.
©

Evelyn Scheer

Während wir noch die Wanderstiefel schnüren, empfängt uns bereits ein munteres Pfeifen, Zwitschern und Tirilieren. Ein ganzer Vogelchor scheint uns auf das Naturabenteuer einstimmen zu wollen. Noch beschwingt von dem Konzert der gefiederten Wald- und Wiesenbewohner machen wir uns auf den Weg in die erste Schlucht. Gleich drei spannende Täler sind heute unser Ziel.

Famose Naturszenen in der Edenbachschlucht

Ein kleines Stück wandern wir auf einer blühenden Wiese entlang, bevor wir in den Wald eintauchen. Auf schmalem Wurzelpfad geht es im Gänsemarsch in die Edenbachschlucht. Ganz leise rascheln die Baumspitzen im Wind. Die Sonne malt Lichttupfer auf den Boden des zunehmend dichter werdenden Waldes. Es wird steiler und immer urwüchsiger. So ähnlich müssen einst die Urwälder ausgesehen haben. Wobei das gar nicht so abwegig ist. Das Relief der Schlucht ist so geschaffen, dass es wirtschaftlich kaum zu nutzen war. Dadurch konnte das Edenbachtal seine ursprüngliche Form erhalten. Leise plätschernd macht der Edenbach auf sich aufmerksam. Was wir zunächst nur hören können, eröffnet sich nun vor unseren Augen. Idyllisch mäandert der Bach durch das Tal. Wir beobachten aufmerksam die Ufer – mit ein wenig Glück kann man hier im Naturschutzgebiet seltene Tierarten wie Wasseramseln oder Feuersalamander entdecken. Dieses Glück ist uns zwar nicht hold, doch eine feenhafte Erscheinung fesselt unsere Aufmerksamkeit. Wie ein funkelnder Saphir setzt sich eine Blauflügel-Prachtlibelle auf einem Baumstamm in Szene.

Unterwegs auf den Spuren der Waldfeen

Inmitten der Waldwildnis geht es entlang des Edenbachs weiter. Wir sind unterwegs auf einem der Premiumwanderwege im Schwäbischen Wald, die den klingenden Namen „Feenspuren“ tragen. Und in der Tat sind diese wie gemacht für zauberhaften Naturgenuss. Nach der Begegnung mit der zarten Libelle kann man sich die Existenz von Feen, Elfen und Trollen beinahe vorstellen. Tief hat sich der Bach in die Landschaft gefräst. Was mag uns hinter der nächsten Kurve erwarten? Der Weg hier entlang ist schmal und schmiegt sich eng an eine Felswand. Ein Stahlseil im Sandstein bietet etwas Sicherheit. In einem Wechsel aus Hürdenlauf und Limbo geht es auf engem Pfad voran. Mal geht es über einen Baumstamm, mal darunter hindurch. Wie Mikadostäbe liegen die hölzernen Hindernisse kreuz und quer im Bachbett – manchmal auch über dem Weg. Auf und in den umgefallenen Bäumen finden Moose, Pilze und Insekten eine neue Heimat.

Gewässer vor Bäumen im Schwäbisch-Fränkischen Wald.
© Evelyn Scheer

Tosende und stille Wasser

Die Wanderung ist ein kleines Abenteuer, die unsere Konzentration erfordert. Holzbohlen ermöglichen, dass wir unsere Tour trockenen Fußes fortsetzen können. In einem Moment gurgelt der Bach friedlich vor sich hin, im anderen schwillt die Lautstärke etwas an. Über Jahrmillionen hinweg haben sich an den härteren Steinschichten Stufen in der wildromantischen Bachschlucht gebildet. Das Wasser rauscht in Kaskaden, Stromschnellen und Wasserfällen hinab.

Unser Blick schweift nach oben über den üppig bewaldeten Prallhang, der rechts von uns steil emporragt. Hier gedeihen besondere Schluchtenwaldbaumarten wie Esche, Bergahorn, Schwarzerle, Bergulme und Tanne. Kein Wunder, dass in dieser Waldwildnis so viele Vögel ein Zuhause haben. Kaum wird das Solo des Gewässers leiser, erheben sich erneut die Vogelstimmen. Es ist schattig und angenehm kühl. Und schlammig. Unsere Stiefel schmatzen plötzlich lautstark. Der tonige Untergrund der als Knollenmergel bezeichneten geologischen Schicht saugt sich an unseren Schuhen fest und scheint uns nicht mehr loslassen zu wollen. Wir sind froh, stabile Wanderstiefel mit griffigen Sohlen zu tragen. Unbemerkt von uns Wandersleuten führt oberhalb des Trails die Zugtrasse der Schwäbischen Waldbahn von Schorndorf über Rudersberg nach Welzheim. Auf einer der steilsten Bahnstrecken Baden-Württembergs schnaufen historische Dampf- oder Dieselloks bergauf. Nächster Stopp ist die ehemalige Laufenmühle mit dem „Erfahrungsfeld der Sinne Eins + Alles“. An dieser Stelle mündet unser Weggefährte Edenbach in die Wieslauf – deren Schlucht wir gleich erobern werden. Doch zuvor stürzen sich beide Flüsschen spektakulär jeweils fünf Meter im freien Fall in die Tiefe. Sie landen unsanft mit lautem Getöse in einem Felsenkessel. Wir über queren die grüne Stahlbrücke und entdecken die rot-braune Klingenmühle versteckt im Wald. Früher unter dem Namen Klingenbachmühle bekannt, drehte sich ihr Wasserrad bereits seit 1614. Ihren Namen hat die Mühle von der Klinge, also einem der tief eingeschnittenen, steilen Bachtäler, die so charakteristisch für die Landschaftsform des Schwäbischen Waldes sind. Heute ist die historische Mühle ein Café mit Biergarten, wo sich Ausflügler mit hausgemachtem Kuchen und regionalen Gerichten stärken können. Die Mühle thront malerisch neben einem hübschen Wasserfall.

Wild, wilder, Wieslauf

Uns führt der Weg wieder in die Tiefe an die Wieslauf, die sich schon von Weitem tosend ankündigt. Gleich zwei Wasserfälle nehmen uns in Empfang, die vor dem Hintergrund des Fachwerks der Mühle ein beliebtes Fotomotiv abgeben. Die Wieslaufschlucht präsentiert sich deutlich ungestümer als die vorherige. Tief eingeschnitten in die Landschaft braust das Wasser durch die enge Talsohle, die „Hölle“, wie die Passage so treffend heißt. Vor allem nach Regen ist das spektakulär. Entlang des Höllenwegs passieren wir Sandstein Kaskaden und staunen, in welcher Geschwindigkeit der Bach die moosbedeckten Felsblöcke umfließt. Wir kommen uns vor wie im schwäbischen Amazonas, als wir durch den dschungelartigen Bannwald laufen. Über kühne Holzbrücken, denen krumme Äste als Geländer dienen, arbeiten wir uns vorwärts. Es wackelt. Ohrenförmige Pilze besiedeln die Ränder eines Holzstegs. Hackschnitzel auf dem aufgeweichten Boden und Holzbohlen erleichtern das Vorankommen.

Gewässer umgeben von Bäumen im Schwäbisch-Fränkischen Wald.
© Evelyn Scheer

Die Dritte im Bunde: Strümpfelbachschlucht

Erneut tauchen wir aus einer Schlucht auf, um gleich in die nächste hinabzusteigen. Entlang von Streuobstwiesen führen die „Feenspuren“ in die Strümpfelbachschlucht. Elstern krächzen, ein Graureiher ist im Wasser auf Nahrungssuche. Es bleibt wildromantisch, als wir Holzbrücken überquerend zum nächsten Wasserfall gelangen. Einem Perlenvorhang gleich tröpfelt auf der einen Seite sanft das Wasser hinunter. Direkt daneben donnert es in einem massigen Schwall über die dunkle Felskante. Das Spektakel genießen wir staunend auf einem Baumstamm sitzend, der sich wie ein Logenplatz vor dem Wasserfall präsentiert. Für uns ein perfekter Platz für eine kleine Rast. Bevor wir uns endgültig in die Unterwelt aufmachen, gilt es erst einmal rund 150 Höhenmeter aufwärts zu bewältigen. Für die Mühen des Aufstiegs werden wir auf dem Schmalenberg jedoch reich belohnt. Weit schweift der Blick von der Hochfläche über die grüne Idylle des Wieslauftals und des Welzheimer Waldes bis in den Nordschwarzwald.

Versteck eines Bösewichts

Die zuvor mit Schweißtropfen gewonnenen Höhenmeter geht es nun wieder abwärts. Mit Unterstützung von Ketten und Stahlseilen hangeln wir uns auf lehmigen Treppen steil nach unten. Wir hören es erneut plätschern. Wie es sich für ein Märchen gehört, braucht man auch einen Bösewicht. Der Missetäter ist schnell gefunden. Es ist ein Falschmünzer, der einer Sage nach in der Geldmachersklinge vor langer Zeit sein Unwesen getrieben haben soll. Die Klinge entpuppt sich als dramatische, grottenartige Hohlkehle. Von der Decke der hufeisenförmigen Sandsteingrotte läuft das Wasser rund fünf Meter in einem schmalen Strahl hinab, bevor es unten einen mächtigen Steinquader malträtiert. Ein wahrlich märchenhafter Tag geht zu Ende, als wir am Start und Zielpunkt unserer Rundwanderung wieder von dem muntereren Vogelorchester verabschiedet werden.

Aufnahme eines Gewässers zwischen Bäumen im Schwäbisch-Fränkischen Wald.
© Evelyn Scheer

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Naturpark der Kontraste

Der Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald liegt rund 50 Kilometer nordöstlich von Stuttgart. Es ist ein Großschutzgebiet voller Kontraste mit Mischwäldern, Streuobstwiesen, Weinbergen, Klingen, Grotten, Schluchten, Felsgestalten und Gewässern. Auch kleinere Städte, beschauliche Weiler und viele Mühlen zählen dazu. Mitten durch den Naturpark verläuft das UNESCO-Welterbe Limes. Als zweiter Naturpark in Baden-Württemberg 1979 gegründet, dient er dem Schutz der Natur und dem Erhalt der Kulturlandschaft. Rund 40 Prozent der Fläche bestehen aus Naturschutz-, Landschaftsschutz- oder speziellen EU-Schutzgebieten.

Wanderweg Feenspuren

Mittelpunkt des zertifizierten Premiumwanderwegs „FeenSpuren: Drei Schluchten“ ist das Wasser: Entlang von Wasserfällen, Kaskaden und Stromschnellen, mal sanft gluckernd, mal temperamentvoll tosend. Es ist eine abwechslungsreiche Wanderung durch drei Schluchten, vorbei an einer historischen Mühle, einem mächtigen Viadukt und pittoresken Felsformationen. Weitere Informationen und die Tour gibt es unter: feenspuren.de/drei-schluchten

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