Schellenrührer stampfen den Frühling wach

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Gepolter, Getöse, Geklingel: Seit über 500 Jahren vertreibt man im Werdenfelser Land so den Winter (oben) – und lehrt auch unbescholtene Bürger im Brauhaus das Fürchten (unten).
© Alexa Christ

Schabernack treiben und Leute ärgern: Wer im Werdenfelser Land im Fasching „Maschkera geht“, der hat einen Freischein, um allerlei Unsinn anzustellen. Aber den ­Winter jagen die bayerischen Jecken mit ihren farben­frohen Holzmasken dabei auch noch aus dem Tal.

Text & Fotos: Alexa Christ

Kurz hinter Murnau steigen sie zu. Drei lustige Weiber in graugrünen Trachtenkostümen, riesigen Pelzmützen und eulenhaften schwarzen Brillen, mit denen sie wie Erich Honecker aussehen. Die Forscheste der drei stämmigen Grazien ruft gut gelaunt in den übervollen Zug: „So, ihr Herrschoftn, z’wem darf i mi etz auf den Schoß setzn?“ Blick in die Runde, lautes Gelächter, aber kein charmanter Herr, der sich anbieten würde. Macht nichts. Bis Mittenwald ist’s eh nicht mehr weit. Und da wollen sie alle hin. Weil heute „unsinniger Donnerstag“ ist. Im Rheinland heißt der Tag Weiberfastnacht. Während zwischen Düsseldorf und Köln die jecken Frauen den Männern die Krawatten abschneiden, steigt im oberbayerischen Mittenwald der Höhepunkt der Werdenfelser Fasenacht … ähm Fosanacht … nein, Fasanacht … oder einfach Fasching? Egal, über die genaue Bezeichnung herrscht Uneinigkeit, mithin ist alles richtig.

Weg mit dem garstigen Winter!

Kaum dass der Zug den kleinen Bahnhof im oberen Isartal erreicht, spuckt er Hunderte Fahrgäste in die hübschen Gassen dieses alpenländischen Musterdorfs aus. Jetzt schnell ab in die Fußgängerzone! Punkt zwölf wecken hier die Schellen­rührer in ihren feschen Lederhosen, den stilisierten Holzmasken und tannengrünen Trachtenhüten mit lautem Gepolter, Getöse, Geklingel und Geschrei den Frühling. Seit 500 Jahren machen sie das so. In völligem Gleichklang jagen die zünftigen Burschen – so viel lässt sich auch unter der Maskierung erahnen – mit dem Geklirre ihrer Schellen den garstigen Winter aus dem Tal.

Weg mit ihm! „Von den Schellenrührern gibt es genau zwölf, für jeden Monat im Jahr einen. Das dürfen aber nur Einheimische sein“, erzählt Renate Holzer aus Mittenwald voller Stolz. Zusammen mit einer Freundin steht die 62-Jährige vor dem von oben bis unten mit bäuerlichen Szenen bemalten Café Obermark – Mittenwald ist berühmt für die sogenannte „Lüftlmalerei“ – und ­bewundert das ausgelassene Treiben.

Denn neben den Schellenrührern tummelt sich noch viel mehr bizarres Gesindel auf den Straßen. Und das hat, zumindest für den gemeinen Preußen, merkwürdige Namen. Da ist der „Flecklamo“, eine Art Schelm im farbenfrohen Zipfelkostüm. Dann die „Untersberger Mand’ln“ – dämonische Spukgestalten heidnischen Ursprungs. „Pfannenzieher“ in weißen Hemden und bunten Häkellappen vor dem Gesicht zerren einen langen Baumstamm durch die Reihen. Auch das soll dem Winter den Garaus machen. An der nächsten Ecke schleudern „Jacklschutzer“ mit einem aufgespannten Tuch eine Puppe hoch in die Luft. Derweil mischen sich „Krätzenweibl“, „Jäterinnen“, „Rührmasseln“, „Gunglweiber“, Bärentreiber und ­Hexen unter die Schaulustigen, treiben ­ihren Schabernack mit den Leuten, stampfen mit den Füßen, tanzen, musizieren, verrenken sich die Beine, juchzen und zischen, was das Zeug hält. Eine Kakophonie aus ­wilden ­Geräuschen. Ein Kaleidoskop aus beinahe mythisch wirkenden Bildern.

Verwandt mit Venedig

„Maschkera gehen“, so nennt man im Werdenfelser Land, jenem oberbayerischen Landstrich zwischen Mittenwald, Garmisch-Partenkirchen und Farchant, die Kostümierung mit den für die Region berühmten, kunstvoll geschnitzten Masken, auch Larven genannt. Sie erinnern an den venezianischen Karneval, auch wenn sie viel volkstümlicher wirken.

Dennoch ist der Vergleich nicht weit hergeholt. Christian Ruf, Kulturbeauftragter der Gemeinde Garmisch-Partenkirchen und mit seinem gezwirbelten Schnauzbart und stattlichen Bauch ein Bayer wie aus dem Bilderbuch, erklärt: „Um 1487 haben die venezianischen Kaufleute wegen eines Streits mit Herzog Sigismund den großen Bozner Markt für 192 Jahre nach Mittenwald verlegt. Insofern ist unser Fasching schon stark von Venedig beeinflusst. Aber wir kennen auch Elemente des schwäbisch-alemannischen, tirolerischen und bayerischen Fasenachts-Brauchtums.“ Und so holen die Werdenfelser jedes Jahr zwischen dem ersten Sonntag nach Dreikönig und Faschingsdienstag die meist wie Schätze gehüteten Holzlarven aus den Truhen. Je nach Ausführung kosten die Masken zwischen 200 und 500 Euro. Echte antike Stücke sind gar kaum bezahlbar. Einer, der die Larven auch heute noch schnitzt, ist Daniel ­Neuner aus Garmisch. Der gelernte Schlosser, Volksmusikant und Schauspieler kommt aus einer Familie, in der bereits Großvater, Vater und Onkel Masken hergestellt haben. Neuner erzählt, dass es neben den standardisierten Larventypen auch Masken gibt, die echten Personen nachempfunden wurden. „Ich bin mal mit einer Larve Maschkera gegangen, da sagte eine Frau zu mir: Du, die Larve schaut aus wia mei Ur-Oma. Und sie war es tatsächlich.“

Besonders spektakulär wird es am Abend beim „Gungln“, wenn die Maschkeras musizierend von Wirtshaus zu Wirtshaus ziehen. Mit lautem Raunzen kündigen sie sich von Weitem an. „Auch das trägt dazu bei, die wahre Identität zu verschleiern“, erklärt Daniel Neuner. „Das Raunzen ist eine Mischung aus Kehllauten und Falsettstimme. Das muss man schön können.“

Im gut gefüllten Garmischer Traditionsgasthaus Bräustüberl werden die frechen Maschkeras mit großem Hallo begrüßt. Wer die traditionelle Holzlarve trägt, scheint eine Art Freischein für derbe Späße aller Art zu haben. Eine Frau im gestreiften Dirndl erzählt lachend: „Vor ein paar Jahren kamen mal Maschkeras ins Wirtshaus und stampften Sauerkraut mit bloßen Füßen. Dann suchten sie sich ein Mädchen, legten den Arm um ihre Schultern und zwangen sie, das Kraut zu essen.“

Zu späterer Stunde kommen vier Maschkeras auf Knien ins Wirtshaus gerutscht und fordern ein paar Mädels zum „Knie-Walzer“ auf. Dazwischen lautes Juchzen: „D’Jahuuuuuuuuuuu!“ Irgendwann laufen sogar die Gäste über die Tische. Ein Maschkera stößt ein auf einer Holzbank sitzendes Paar an und sagt zum Mann: „Du hosd ja oan größern Busn ois dei Fra!“ Betretene Mienen bei beiden, und dennoch schaukelt sich im Lokal die gute Stimmung so weit hoch, dass schließlich alle im Wirtshaus die Gläser erheben und einstimmig skandieren: „Die Maschkeras, sie leben hoch, hoch, hoch!“

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2015

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