Wald, Wasser & Schmuggler

In der Franche-Comté, zwischen den mächtigen Gipfeln der Südvogesen und der Bergwelt des Jura gelegen, finden wir ein Patchwork von Wäldern, Seen und Wiesen.

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Beeindruckendes Naturschauspiel: der Wasserfall „Saut du Doubs“.
© Loni Liebermann

Text: Edda Neitz

Silbrig schimmert der Doubs in der Mittagssonne. Links und rechts rahmen bizarre Kalkfelsen den Fluss. Am Ufer entlang dominiert Grün in verschiedenen Schattierungen. Zweige hängen tief und strecken sich wie Insektenfühler nach allen Seiten. Wir sind in der Franche-Comté unterwegs. Im Osten Frankreichs, an der Grenze zur Schweiz.

Die Region war schon immer dicht bewaldet, das Land felsig und der Boden größtenteils karg. Enge Täler und tiefe Schluchten machten die Grenzregion schwer zugänglich. Das hat die Geschichte und seine Bewohner geprägt. Noch heute ist die Region dünn besiedelt. Ein Glück jedoch für Naturliebhaber, die auf der Suche nach Abgeschiedenheit sind.

Der Niagarafall des Jura

Die Natur ist dort Grün und Blau. Zahlreiche Wasserwege durchziehen die Landschaft wie feine Adern, versickern in Felsspalten, sammeln sich unterirdisch oder fließen weiter, um einige Kilometer flussabwärts in Grotten und Schluchten wieder aufzutauchen. Der Doubs zählt zu den großen Flüssen in der Franche-Comté. Er entspringt bei Pontarlier und schlängelt sich in einer ca. 500 Kilometer langen Schleife durch die Region, den Schweizer Jura und wieder zurück nach Frankreich. Zwischen Quelle und Mündung liegen dagegen nur 50 Kilometer.

Quer durch die Schlucht des Doubs bei Villers-le-Lac verläuft auch die Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz. Es war eine schwierige Zeit damals, als die Grenzen noch geschlossen waren. Schmuggler, vollbepackt mit Zucker und Mehl, Kaffee und Tabak, durchwateten in der Nacht den Fluss. Manchmal steckte auch ein kleines Schaf oder ein Kalb im Rucksack. Die Bauern schmuggelten fast alles, sie riskierten ihr Leben, um die Familie zu ernähren. So ist es keine Überraschung, dass verschiedene Wanderstrecken, die 2015 eröffnet wurden, den symbolträchtigen Namen „les chemins de la contrebande“ (dt.: „Die Wege der Schmuggler“) tragen. Damit soll die regionale Geschichte rund um den Schmuggel betont und natürlich der Wandertourismus belebt werden, erzählt Aurélien Collenot, der den Weg mitentwickelt hat. Vier Jahre hat er mitgeplant und gestaltet. Es sei ein aufwendiges Projekt, meint er, denn die touristische Infrastruktur stecke noch in den Kinderschuhen.

Vier Routen umfasst die Strecke „les chemins de la contrebande“. Wir wandern Teilstrecken der Route „L’Orlogeur“. Ein Höhepunkt dieser Strecke ist der Wasserfall des Doubs. Gewaltig und kraftvoll stürzt er über einen Felsenvorsprung 30 Meter in die Tiefe. Seinen Beinamen „Niagarafall des Jura“ trägt er also nicht umsonst. Auf Stille und Beschaulichkeit müssen wir allerdings am „Saut du Doubs“ verzichten. Voll beladen mit Touristen kommen im Sommer die Ausflugsschiffe von Villers-le-Lac. Die meisten Passagiere gehen dann nur das kurze Stück zum Aussichtspunkt, um ein Selfie vor dem Wasserfall zu schießen.

Eine andere Teilstrecke führt auf dem Höhenrücken von Meix Musy entlang. Hier begleitet Aurélien uns ein Stück in die geschwungene, hügelige Bilderbuchlandschaft hinein. Weit ausgebreitet liegen bunte Wiesen unter dem blauen Himmel. Dazwischen das tiefe Grün der stillen Wälder. Aurélien macht uns noch auf die gelbe, üppig blühende Pflanze aufmerksam. „So hoch wie im Sommer der gelbe Enzian wächst, liegt im nächsten Winter der Schnee“, erklärt er uns eine Bauernregel, die dort jeder kennt.

Würstchen pökeln im Kamin

Der Kamm führt unmittelbar an der Grenze entlang. Durch Fichten und Buchen flimmert der Schweizer Jura. Grenzsteine, das Jahr 1819 rot in den Stein gemeißelt, versehen mit den Wappen beider Länder, verweisen auf das Ende eines langen Kampfes um den Grenzverlauf. Früher zogen über diese Wege auch wandernde Uhrmacher. Wir müssen dazu wissen: Die Winter waren lang, der Schnee lag hoch und die Menschen konnten monatelang ihre Häuser nicht verlassen. Eine typische Beschäftigung für die kalte Jahreszeit, wenn die Landwirtschaft ruhte, war dann das Zusammensetzen der einzelnen Uhrenteile. Von dieser Heimarbeit lebten viele Familien. Die Standuhr „Horloge Comtoise“ ist in Frankreich bekannt. Ihr lauter Stundenschlag war wie geschaffen für einen Bauernhof. Der Uhrenhandwerker, „orlogeur“ genannt, zog von Hof zu Hof, um die Familienuhren zu warten. Für ihn war es ein Leichtes, in seinem auf den Rücken geschnalltes Schubladenschränkchen andere wertvolle Sachen über die Grenze zu schmuggeln. Mit der Industrialisierung des Uhrenhandwerks verschwanden aber die Heimarbeitsplätze und die „orlogeurs“. Nur das Uhrenmuseum in Morteau zeugt noch heute von der glanzvollen Epoche.

Typisch sind außerdem die stattlichen Bauernhäuser mit ihren wettergegerbten Tannenholzfassaden, die uns an Gebirgsalmen erinnern. Vorwitzig ragen die sogenannten Tuyés aus den tiefgezogenen Dächern auf. In diesen pyramidenförmigen und zwölf Meter hohen Kaminen hingen früher Hunderte von leckeren Pökelwürsten, die „Saucisses de Morteau“. Wer hier wandert, muss sich noch auf das Abenteuer „Spurensuche“ einlassen. Nicht immer sind die Wege ausreichend markiert. Aber wir schaffen es. Über Hochweiden und Schotterpfade geht es bergab nach Villers-le-Lac. Weiter unten im Tal dringt schon ein leises Rauschen an uns heran. Wir nähern uns wieder dem Doubs.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2016

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