Kaufen fürs Klima: Im Zeichen der Möhre

Soziale Medien mobilisieren eine Meute zum Konsumieren – das ist der „Carrotmob“ – und zwar zu einer verabredeten Zeit in dem Laden, dessen Inhaber die meisten Umsatzprozente in Energiesparmaßnahmen zu investieren bereit ist.

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Mobber mit Herz: Jörn Hendrik Ast, ein Gründer von Carrotmob Hamburg, Manfred Ott (Marlowe nature) und Effenberger-Geschäftsführerin Anne Südekum (v. l. n. r.).
© Beate Wand

Text & Fotos: Beate Wand

Konsum kann auch Klima verbessern! Dass die Kaufkraft vieler Menschen wirtschaftende Unternehmen zum Klimaschutz bewegt, beweisen die erfolgreichen Carrotmobs.

Vor dem Dinkel-Sesam-Brot klebt eine große Pappmöhre am Regal. Nein, dieses Brot enthalte keine Karotten. Heute sei doch Carrotmob, klärt der Backwaren-Verkäufer die verwunderte Kundin auf. Eine Kreide-Karottenspur auf dem Bürgersteig führt zu der eher versteckt liegenden Backstube in der Seitenstraße Rutschbahn des Hamburger Grindelviertels. Sie beginnt an der Grünanlage auf der ­großen Verkehrsinsel zwischen Grindelallee und Beim Schlump. Gehäkelte Möhren baumeln dort von einem Verkehrsschild, überdimensionale Pappkarotten schwingen unter dem Laubdach der alten Bäume. Um einen Stehtisch mit Infoflyern und Brotscheiben – Kostproben der Effenberger Vollkornbäckerei – gruppieren sich Neugierige. Auf der anderen Straßenseite ziert eine Rübengirlande das Schaufenster des Green-Fashion-Geschäfts Marlowe nature. Zwischen vorbeidonnernden Lastwagen und dem Tatütata von Rettungswagen erklären ein paar junge Menschen den Schaulustigen, was es mit dem ganzen ­Gemüse auf sich hat.

Für coole Atmosphäre

Wörtlich übersetzt bedeutet Carrotmob „Karottenmeute“. Die Idee stammt von dem Amerikaner Brent Schulkin. 2008 rief er zum ersten Masseneinkauf im San Franciscoer Liquor Store K&D auf. Weil der Inhaber versprach, mit 22 Prozent des Umsatzes seinen Laden klimatechnisch zu verbessern. Hunderte schwärmten zum verabredeten Zeitpunkt in das Geschäft. Sie gaben in nur drei Stunden drei Mal mehr als an einem betriebsamen Wochenendtag aus – doppelt so viel, wie der ­Besitzer sich im Vorfeld von der Aktion erträumt ­hatte. Genug Geld, um die gesamte Beleuchtung und Kühlschrankdichtungen energiesparend zu erneuern. Das Internet-Video dieses ersten Carrotmobs verbreitete den Geistes­blitz „Buykott“ auf der ganzen Welt – Karottenkäufe in Toronto, Helsinki, ­Kuala Lumpur, Melbourne und etlichen weiteren Städten in aller Welt folgten. Seit 2009 kaufen auch Deutsche in Berlin, Frankfurt, Köln, Hamburg und München zugunsten des Klimas ein.

Jeder kennt das Bild vom Esel, der durch die unerreichbare Möhre an der Stange zum Weitergehen bewegt wird. Auch der Carrotmob funktioniert – im Gegensatz zum Boykott – durch einen Positiv-Anreiz: Dem Warenverkäufer winken viele und neue Kunden, wenn die Karottenmeute bei ihm einfällt. Er poliert sein Image auf, und das investierte Geld schmälert künftig seine Stromrechnung. Die Carrotmobber kaufen das, was sie ohnehin benötigen, mit einem gut-grünen Gewissen. Im Idealfall kommen sie zu Fuß, mit dem Rad oder per Bus und Bahn zum Geschäft und bringen ihre eigene Tasche mit, um die Einkäufe zu verstauen. Und unser Planet Erde profitiert von einem geringeren Kohlendioxidausstoß. Die ­Karotte verbildlicht die Konsumentenmacht, mit der sie den störrischen Esel ­namens Wirtschaft in Richtung Klimaschutz lenkt. Das Prinzip nutzt Schwarmintelligenz.

Die ehrenamtlich arbeitenden Karottisten der jeweiligen Stadt organisieren das Happening. Sie überlegen sich, wann und in welcher Branche gemobbt werden soll. Nicht nur Geschäfte für den täglichen Bedarf, auch Eisdielen, Nachtklubs und Fahrradläden eignen sich als Zielgruppe. In Hamburg spenden etwa zehn Leute Zeit und Engagement für diese Art des Klimaschutzes. Sie klappern in Frage kommende Unternehmer ab, um zu ermitteln, wie viel Prozent vom Mob-Umsatz diese in klimaverbessernde Maßnahmen stecken würden. Wer am meisten bietet, gewinnt die ­„Auktion“. Dann aktiviert das Team sein Netzwerk und motiviert via Blog, Facebook und Twitter die Massen zum Kauf. Im Nachgang analysiert ein Energieberater vor Ort, wie das Budget am besten investiert wird, um weniger Kohlendioxid zu verbrauchen.

Klimaschutz mit Brot und Bluse

Bäcker Effenberger und die Green-Fashion-Shop-Betreiber Ulli und Manfred Ott versprachen jeweils 100 Prozent! Das Besondere an diesem Carrotmob ist, dass zwei Geschäfte unterschiedlicher Branchen mit­wirken. Doch den Bäcker und das Mode-geschäft eint, dass sie ökologisch produzierte Waren verkaufen. Thomas ­Effenberger ­bezieht Getreide von ihm persönlich bekannten Biobauern aus der Umgebung Hamburgs. Seine Vollkornbrote backt er ohne chemische Zusätze, und die Backstube verbraucht im Vergleich zu anderen nur ein Drittel Strom. Marlowe nature setzt seit über 20 Jahren ausschließlich auf ökologisch und fair ­produzierte Naturtextilien. Eine Vorreiterrolle, denn gegenüber der Lebensmittelbranche wandelte sich das Bewusstsein hin zu grüner Bekleidungsherstellung etwa 15 Jahre später. Das Problem: Nicht allein die Anbauweise der Rohstoffe ist entscheidend. Viele Vorstufen bei der Fertigung erschweren Transparenz und Zertifizierung von Jeans, Shirts, Pullis & Co. Doch auch in ­Unternehmen, wo überwiegend weniger ökologisch denkendes Publikum verkehrt, wie zum Beispiel in Nachtklubs, funktionieren die Carrotmobs. Dort können die Aktionen ganz neue Personengruppen für Umweltthemen wie Klimaschutz begeistern.

Bis zu 25 Kilometer Anreise (mit Bus und Bahn!) nahmen die Carrotmobber auf sich. Einige hätten schon vorher ­Artikel anprobiert und zurücklegen lassen, um am Tag des 4. Hamburger Carrotmob zuzuschlagen, berichtet Ulli Ott von ­Marlowe nature. Die Ökomodenanbieter ­verzeichneten im Vergleich zum Donnerstag davor ein ­Umsatzplus von 50 Prozent. Über 45 Prozent mehr Brote gingen in allen ­Effenberger-Filialen über die Ladentheke. 8.003,97 Euro ermobbte die Meute insgesamt. Der Energie­berater sah die größten Einsparpotenziale beider Läden in der Beleuchtung. Bei Effen­berger erhellen inzwischen LED-­Lampen Außenwerbung, Ladengeschäfte und Leucht-röhren in den Brotregalen. Auch die Marktwagen sollen noch auf LED umgerüstet ­werden. Geschäftsführerin Anne ­Südekum berichtet stolz, dass Effenberger das Budget für die energetische Optimierung noch weiter auf-gestockt hat. Vier Elektrofahrzeuge ersetzen nun alte Lieferwagen. Selbstverständlich werden sie mit dem gleichen Ökostrom „betankt“, den auch Backstube und ­Filialen beziehen.

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Strategisch ­ein­kaufen: Erfahrene Carrot­mobber weihen neugierige Neulinge am Infostand ein, wie ein Carrotmob funktioniert.
© Beate Wand

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2013

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