Naturschutz in den Alpen: „Berge brauchen keine Geschmacksverstärker“

In den Alpen wird aufgerüstet: Almstraßen, verbreitert für Touristenbusse und Hochglanzkarossen, und Funparks für Adrenalin-Junkies, denen Natur pur nicht reicht, verzerren das natürliche Bild. Der Verein „Mountain Wilderness“ kämpft mit spektakulären Aktionen für den Erhalt dieser einzigartigen Naturlandschaft.

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Mit Spaß dabei: Trotz der Ernsthaftigkeit ihres Anliegens lassen sich die Aktivisten die Laune bei der Arbeit nicht nehmen. © Christian Rauch

Text: Christian Rauch

Mit der Seilbahn auf den Berg, die letzten paar Meter über Eisenleitern und Hängebrücken auf den Gipfel. Kurz das Panorama von der stählernen Aussichtsplattform genießen, dann hinein in den Sky­glider. Sicher angegurtet, geht es mit 80 Stundenkilometern an einem ­dicken Tragseil in die Tiefe.

Sieht so eine „Bergwanderung“ der Zukunft aus? Nicht, wenn es nach Michael Pröttel geht. „Die Alpen drohen zu einem Funpark zu werden. Echte Berggenießer brauchen keine Geschmacksverstärker!“, ist der Alpinjournalist und Buchautor überzeugt. Seit über zehn Jahren ist Michael Pröttel im Vorstand von Mountain Wilderness Deutschland aktiv.

Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die letzten vitalen Wildnisgebiete der deutschen Alpen und Bergregionen zu erhalten. So steht es in der Satzung. Michael Pröttel zieht die Bezeichnung „Berglandschaften, die noch Wildnischarakter ­haben“ vor. Denn echte unberührte Wildnis findet sich in den Alpen kaum noch. Wohl aber gibt es abgelegene Täler, herrliche Bergseen, alte Almen, eindrucksvolle Gipfel, die noch nicht durch eine Straße, eine Seilbahn oder einen in den Felsen gesprengten Erlebnisweg erschlossen sind. Dort zeigt die Natur noch ihr wahres Gesicht und schenkt nicht nur Naturliebhabern einen Ausgleich zur immer schnelllebigeren Zivilisation.

Gegründet haben Mountain Wilderness keine Geringeren als Reinhold Messner und Mount-Everest-Erstbesteiger Sir ­Edmund Hillary. Noch heute treten prominente Bergsteiger wie etwa der Braunschweiger Richard Goedeke, Kletterer und Buchautor über die Viertausender der Alpen, sowie der Achttausender-Erst­besteiger Kurt Diemberger für die Organisation ein.

Kein Zusatzkick nötig

Mountain Wilderness ist heute in acht Ländern vertreten. Während es in der Schweiz und Frankreich über tausend Mitglieder gibt, sind es im deutschen Verband rund 250. Eine große Masse kann Michael­ Pröttel also nicht mobilisieren. „Doch wir sind ­taktisch gut“, lächelt er. „Wir gehen immer an den Ort des Geschehens. Sobald wir etwas erfahren, planen wir zeitnah eine Aktion. Und wir bleiben so lange dran, wie nötig.“

In Garmisch-Partenkirchen protestierte Mountain Wilderness zweimal gegen den „AlpspiX“, eine mehr als 20 Meter lange Stahlkonstruktion als Aussichtsplattform auf dem Osterfelderkopf, die den besonderen „Kick“ beim Tiefblick ermöglichen soll. Nachdem die erste Demonstration 2009 den Bau nicht verhindern konnte, trat Mountain Wilderness im Juli 2010 erneut auf den Plan. Am frühen Morgen des feierlichen Eröffnungsakts legte sich der bekannte Extremkletterer und Mountain-Wilderness-Unterstützer Stefan Glowacz in ein Hängebiwak, das er in den Gitterrost des „AlpspiX“ eingehängt hatte. So hing er stundenlang an der Aussichtsplattform, unter sich den gähnenden Abgrund – das Bild ging durch alle Medien. Neben den Ehrengästen und Besuchern sah auch die Polizei erstaunt und schulterzuckend zu.

Verständnis bei Sportlern und Alpinisten

Besonderes Ziel der Demonstrationen ist es jedoch, die Touristen zu erreichen und zu sensibilisieren. Denn für sie sollen all die neuen Bahnen und Erlebnisanlagen am Ende entstehen. Erstaunlich ist für Michael Pröttel dabei, mit wie viel Verständnis Ski­fahrer und Wanderer bei den Protesten meist reagieren. Als Mountain Wilderness 2011 im Kleinwalsertal im Allgäu demonstrierte, um ein spektakuläres Seilbahnprojekt über ein zwei Kilometer breites unberührtes Tal nahe einem sensiblen Naturschutzgebiet am Hohen Ifen zu verhindern, sprach eine Dame aus Köln die Aktivisten an: „Ich bin hier Stammgast und werde sogleich dem Bürgermeister schreiben. Wenn die diese Bahn bauen, bin ich hier das letzte Mal gewesen!“

Nicht immer aber ist eindeutig, wann ein Protest angemessen ist. „Soll zum Beispiel die weitere Bewirtschaftung einer Bergbauernalm sichergestellt werden, so sind auch wir nicht gegen notwendige Baumaßnahmen“, so Michael Pröttel. Wenn jedoch, wie im Fall der Rappinalm bei Lenggries, eine neue 1,7 Kilometer lange und vier Meter breite Forststraße in den Wald geschlagen wird, um einer Alm den Betrieb mit gerade einmal 26 Kühen zu erleichtern, geht das für Mountain Wilderness eindeutig zu weit.

Doch stehen auch ruhigere und wenig umstrittene Projekte auf dem Plan der Organisation. So publiziert der Verein eigene Bücher mit Wandertouren und umweltfreundlicher Anreise und beteiligt sich an Projekten und Exkursionen zur Umweltbildung.

Besonders wichtig ist für Mountain Wilderness der Schul­terschluss mit lokalen Gruppen. Denn die wissen als Erste dar­über Bescheid, was auf dem Plan steht, auch wenn Bau- und ­Erschließungspläne in den Gemeinden oft lange geheim gehalten werden. Und wenn die lokalen Naturschützer fürchten, bei einer Demo als „Nestbeschmutzer“ dazustehen, stellt sich Mountain Wilderness auch gerne in die vorderste Front. „Meist stammen wir ja nicht aus dem Ort, an dem wir protestieren. Wir können dann ohne Angst Zielscheibe und ‚Watschenmann‘ sein, das macht uns nichts aus“, erklärt Michael Pröttel.

Noch ist Mountain Wilderness Deutschland vor allem in den Alpen aktiv. „Da ein großer Teil der aktiven Mitglieder im Raum München wohnt, engagieren wir uns primär in den Bayerischen und Tiroler Alpen“, gibt Michael Pröttel zu. Neue Mitstreiter aus anderen Bundesländern sind aber herzlich willkommen, denn auch in den Mittelgebirgen ist mancher Naturraum gefährdet.

So im Bayerischen Wald, wo einige mit einer Seilbahn auf die Hochzell liebäugeln – einem der letzten Reservate für Auer­hühner, Luchse und Wanderfalken in Deutschland.

Gemeinsames Engagement verbindet

Mountain Wilderness kommt allerdings auch international herum. So besuchten einige Mitglieder 2004 das Kaukasusgebirge in Geor­gien. An einer Hütte unterhalb des 5.044 Meter hohen Kasbek sammelten sie drei Tonnen Müll von Touristen und Forschern ein. Dabei war auch Karin Lankes, Mountain-Wilderness-Mitglied der ersten Stunde. Faszinierend war für sie, wie „gemeinsames Engagement zum Naturschutz schnell alle kulturellen Schranken überwinden kann.“ – Und dennoch, in den noch wenig erschlossenen Ländern, in denen der Tourismus gerade zum Wirtschaftsfaktor wird, liege die besondere Herausforderung darin, „nicht mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen, sondern in einem gemeinsamen Projekt die Menschen vor Ort für den Umweltschutz zu sensibilisieren“, so Karin Lankes.

Weitere Projekte wird es in Frankreich geben, zum Beispiel am Montblanc, aber auch in Asien. „Aussperren aus den Bergen aber wollen wir niemanden“, betont Alpinjournalist Michael Pröttel – denn der Schutz einer intakten Natur kommt am Ende immer auch den Menschen zugute, ob sie nun klettern, wandern oder einfach nur schauen wollen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 04 / 2012

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